19.06.2013 12:43 Merkliste 0

Wie es ist aufzuerstehen, ohne gestorben zu sein...

03.04.2012 | 18:18 |  PETER STRASSER (Die Presse)

Jeder Tag könnte der letzte sein, daher fühle er sich, wenn er morgens wieder aufstehe, wie ein Wiederauferstandener.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

 

Vorösterlicher Tag. Ich stehe an der Bushaltestelle. Das Morgengrausen habe ich hinter mir, da beginnt das Bushaltestellengrausen. Denn der neben mir strahlt mich an. Ich habe keine Ahnung, wer das ist. „Sie haben wohl keine Ahnung, wer ich bin?“ Ich sage: „Ähhh...“, da sagt er, indem er mich anstrahlt: „Ich bin der Auferstandene.“ Ich sage ins theologisch Unreine hinein: „Sie können nicht der Auferstandene sein, denn es gibt nur einen, und der ist, grob körperlich gesprochen, schon lange tot.“

Keine Chance. Während mein Bushaltestellengrausen apokalyptische Züge annimmt, strahlt mich der Möchtegernauferstandenean, als ob ich ihm eben dazu gratuliert hätte, dass er auferstanden sei. „Mein Name ist Hase, Jakobus Hase“, was nicht bedeute, dass er von nichts wisse, bloß wegen des dummen Sprichworts. Nein, er wisse, dass er auferstanden sei, denn er gehöre zu der Gemeinschaft der Wiederauferstandenen der Letzen Tage.

Ich kann mir nicht helfen: Während ich das Gefühl habe, dass sich sein strahlendes Gesicht meinem anschmiegt (zu meinem Bushaltestellengrausen gesellt sich ein Grausen, für das es überhaupt keinen Namen gibt – nennen wir das Unnennbare provisorisch „Gesichtsanschmiegegrausen“), glaube ich deutlich den Geruch hart gekochter Eier in meiner Nase zu spüren, die sich ihrerseits vor Grausen regelrecht zu kringeln beginnt. „Herr Hase“, sage ich, „wenn Sie zur Gemeinschaft der Wiederauferstandenen der Letzten Tage gehören, dann sollten Sie mit dem Auferstehen gefälligst warten, bis die Letzten Tage angebrochen sind.“ Er aber sagt strahlend: „Nennen Sie mich einfach Jakob.“

Also sage ich: „Jakob, entweder sind Sie vor zweitausend Jahren auferstanden und daher, theologisch ins Unreine, weil grob körperlich gesprochen, schon wieder tot, oder Sie werden erst auferstehen, sobald die Letzten Tage angebrochen sind, die hoffentlich noch recht lange auf sich warten lassen.“

Und dabei denke ich still bei mir: Hoffentlich nicht so lange wie der verflixte Bus, der schon wieder eine monströse Verspätung hat, die, theologisch ins Unreine gesprochen, einer Parusieverzögerung gleichkommt... „Außerdem“, gebe ich zu bedenken, und zwar halb ohnmächtig, da sich zu meinem Bushaltestellengrausen und dem unsagbaren Gesichtsanschmiegegrausen ein unerträgliches Ostereiergeruchsgrausen hinzugesellt hat, „außerdem sollten Sie wissen, dass es ungehörig ist, vor Ostern Ostereier zu essen!“

Keine Chance, Jakob Hases Gesicht schmiegt sich meinem an, riecht nach hart gekochten Eiern und – strahlt; ja, sein Gesicht strahlt übers ganze Gesicht. Jeder Tag, sagt Jakob Hase, könnte der letzte sein, und daher fühle er sich, wenn er morgens aufstehe, wie ein Auferstandener. „Das ist es, was die Gemeinschaft der Wiederauferstandenen der Letzten Tage glaubt“, sagt Jakob Hase strahlend, „und deshalb ist jeder Tag Ostern, und wer was anderes denkt, der ist eben noch nicht auferstanden.“

„Jakob“, sage ich, „Sie sind mir ein komischer Christ...“ Und während ich in den Bus springe, der endlich – endlich! – gekommen ist, fühle ich, statt seines Gesichts an meinem – halleluja! –, sein österliches Strahlen in meinem Rücken: „Auch Sie sind ein Auferstandener!“ Ich tue vor den anderen Busgästen, als ob ich ein Hase wäre, der von nichts weiß. Doch ich weiß, dass ich heute aufgestanden bin und jetzt, bestärkt durch Jakob Hase, innig hoffe, es möge, da jeder Tag mein letzter sein könnte, morgen wieder so einer sein wie heute: Jeder Tag eine Auferstehung!


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
2 Kommentare

Und täglich grüßt das Murmeltier, bzw. der Osterhase....

Ich befürchte fast, Sie sind einem Mitglied der Resurrektionisten in die Hände gefallen, von denen es auch in Österreich vereinzelte Exemplare gibt.

Womöglich steckt dieser freudestrahlende Jakub Hase längst in einer Zeitschleife fest und mampft zufrieden allmorgendlich ein hartgekochtes Osterei zum Frühstück?

Andererseits, es soll Schlimmeres geben.


Gast: EKO
04.04.2012 21:00
1 0

Wenn ich jetzt wählen müsste ...

die Feuilletons über die zu bemalenden Ostereier (oder war es ein Hase) oder dieses hier über den ostereieressenden Hasen zu bewerten ...

Seltsames geht in ihrem Leben vor.

Mehr vorletzte Dinge:

Top-News