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Wie es ist, der letzte Spaziergänger zu sein

08.05.2012 | 18:08 |  PETER STRASSER (Die Presse)

Ha, der Radler und der Walker taten, als ob ich dazu da wäre, um in ihr ödes Treiben ein wenig Spannung zu bringen!

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Kürzlich wurde ich von einem dieser vorsätzlich verbrecherischen Radfahrer, die unsere schöne Stadt auf der Suche nach den letzten Spaziergängern rauf- und runterrasen, von vorn schrill klingelnd angefahren, bloß, um von einem jener fahrlässig verbrecherischen Nordic Walker, die blindwütig schnaufend auch vor unserem schönen Stadtpark nicht mehr haltmachen, von hinten angestochen zu werden, und zwar brutal zweifach.

Denn der mit seinen beiden Stöcken bewehrte Nordic Walker, der im Übrigen, wie sich herausstellte, ein osteoporotisches Kretin war, wollte sich vor mir – vor mir! – „schützen“, als ich wegen des Stoßes, den ich von vorn durch den verbrecherischen Radfahrer erhalten hatte, nach hinten taumelte, dabei, verständlicherweise, mit beiden Händen heftig rudernd (was immerhin, nebenbei bemerkt, für den guten Zustand sowohl meines Gleichgewichtssinnes als auch meines Knochenbaus spricht).

Denn ich, als händerudernd nach hinten Taumelnder, der nach vorn geschrien haben soll: „Du Oasch, du blöda!“, sei nicht zuletzt akustisch eine dermaßen erschreckende Erscheinung gewesen, dass er – so später das knochenklappernde Kretin, das seine absurde Walkergerätschaft aus lauter eitel Forschheit nicht mit Hartgummikappen versehen hatte – die beiden Stöcke heben zu müssen glaubte, um mir deren (verbrecherisch unbekappte) Stahlspitzen aus „purem Selbstschutz“ in den Rücken zu rammen.

Wie ich nun, in um Selbstachtung bemühter Schräglage, zwischen den Speichen des verbrecherischen Radfahrers und den Stockspitzen des kretinösen Osteoporotikers eingeklemmt zappelte, hörte ich, über mich hinweg, als ob's mich gar nicht gäbe, Letzteren Ersterem zurufen: „Das kann doch nicht wahr sein!?“, während Ersterer Letzterem zurief (wobei seine Klingel, die meinen Tinnitus gleich begeistert aufhorchen und mitschrillen ließ, immerfort weiterschrillte): „Was haben denn Sie erwartet?!“

Während ich, einer der letzten überlebenden Spaziergänger von Graz, noch fassungslos um meine Selbstachtung bemüht war – vergeblich, meine Schräglage wurde immer schräger, das konnte nur damit enden, dass ich, mit den Stöcken des Nordic Walkers im Rücken, auf dessen zerbröselndem Brustkorb zu sitzen kommen würde, während der verbrecherische Radfahrer in seinem hautengen Dress samt Speichen und Klingel auf mir zu liegen kommen müsste (eine geradezu bombastisch ekelhafte Lage) –, hörte ich Letzteren Ersterem zurufen: „Das kann doch nicht wahr sein!?“, während Ersterer Letzterem zurief: „Was haben denn Sie erwartet?!“

Ha, die beiden blödsinnigen Sprücheklopfer unterhielten sich, als ob der ganze Sinn meiner Existenz darin bestünde, in das stumpfsinnige Radler- und Walker-Getriebe ein wenig Spannung hineinzubringen, kurz: als ob ich, cineastisch gesprochen, ein Hitchcock'scher MacGuffin wäre... Und was passierte? Als endlich ein Parkaufsichtsorgan unseren, wie es sich ausdrückte, „flotten Dreier“ zur Kenntnis und den Tatbestand meiner Opferung im Dienste des Bewegungsfortschritts grinsend zu Protokoll nahm, da entpuppte sich jenes sogenannte „Organ“ obendrein als Cineast.

Als solcher tat es meine missliche Lage – die Lage des bald letzten Spaziergängers auf Gottes zerradelten und kaputt gewalkten Erdboden – mit den Worten ab: „Lieber Herr, Sie sind halt ein MacGuffin des Fortschritts...“ – also bloß noch dazu da, um (ich zitiere aus dem Filmlexikon) „die Handlung voranzutreiben, ohne selbst von besonderem Interesse zu sein“. Na danke vielmals!


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2012)

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1 Kommentare

Gemäß Ihren anschaulichen Schilderungen

sind Sie für die rasenden Radfahrer und wahnsinnigen Walker durchaus ein "Objekt klein a", und der heftige Zusammenstoß konnte deren Fusionsgier nur kurzfristig befriedigen, sodass Sie weiterhin in Gefahr schweben.

Meiden Sie also fürderhin Stadtpark und Murauen und steigen Sie auf den harmloseren Hometrainer um (Laufband).

Es gibt Modelle, die selbst für bescheidene beamtete Philosophen durchaus erschwinglich sind. Eine Klappversion fände sicher auch Platz in Ihrem begehbaren Medikamentenschrank!

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