Die vorletzten Dinge
Vorsichtig biege ich ums Eck wegen der verbrecherischen Radfahrer, die mich schrill klingelnd von vorn niederfahren wollen, während die ebenfalls verbrecherischen Nordic Walker ganz wild darauf sind, mir ihre Stöcke mit den blanken Metallspitzen in den Rücken zu rammen.
Jawohl, so geht's zu bei uns, im schönen Stadtpark, wo ich, der letzte Spaziergänger von Graz, auch deshalb vorsichtig ums Eck biege, weil ich nie sicher sein kann, ob mir nicht plötzlich ein Goldregenpöllchenregen meine ohnehin bereits total verschwollenen Nasenlöcher zu luftundurchlässigen Schleimgruben aufquellen lässt oder eine der widerlich farbenfroh blühenden Glyzinienkaskaden sich in meinen Hemdkragen verkriecht, um von dort körperabwärts eine nässende Wimmerlspur zu hinterlassen. Der Pschyrembel hat aus dem Guinnessbuch der Allergierekorde extra meinetwegen den alarmistischen Begriff „Ganzkörperwimmerlkaskade“ übernommen.
Doch was hilft's? Der klimagewandelte Grazer Wüstensommer wird dem Goldregen samt den Glyzinien hoffentlich den Garaus machen, während sich die schrill klingelnden Radfahrer und die hartgummikappenunbewehrten Nordic Walker vermehren werden wie die Schwammerln nach einem warmen Sommerregen. Aber das nur nebenbei, denn der eigentliche Grund, warum ich vorsichtig ums Eck biege, ist die grausige Vorahnung einer Begegnung mit meinem alten Freund Franz.
Mit Franz bin ich schon zur Schule gegangen. Seit damals hat er die Angewohnheit, sich ehrlich Sorgen um mich zu machen. Zum Beispiel: Wenn ich, gerade zwischen einem Radfahrer und einem Nordic Walker eingequetscht (nein, es handelt sich nicht, wie die vertrottelt Vorbeiradelnden feixen, um einen „flotten Dreier“!), meine alarmierte Ganzkörperwimmerlkaskade an jenen Stellen zu kalmieren suche, die sich in der Öffentlichkeit ohne Erregung öffentlichen Ärgernisses befingern lassen – zack! Da schießt er ums Eck, mein alter Freund Franz auf seinen Rollerblades, in kniefreien Sporthosen, wobei er seine Suppenhuhnwadeln schwingt und, indem er seine runzelig gebräunte Stirne über seinen Wrap-around-Brillen in Sorgenfalten legt, mir entgegenruft: „Ich mache mir ehrlich Sorgen um dich!“
Seit einem halben Jahrhundert macht sich mein alter Freund ehrlich Sorgen um mich, nur dass er seinerzeit nicht auf Rollerblades daherschoss, sodass er auch nicht die Kunst des Abbremsens hätte beherrschen müssen. Was soll ich sagen, in dem Alter, das laut Franz eines ist, in dem man noch lang nicht alt ist, erlernt sich die Kunst des Abbremsens auf Rollerblades nur mehr annähernd. Deshalb wird in Inlineskate-Kursen für Senioren fleißig das Abfedern von Wänden, Baumstämmen, Verkehrsampeln und dergleichen Objekten geübt, nebst dem Tragen eines Letzte-Hilfe-Köfferchens. Und schon ist es passiert! Als ich vorsichtig ums Eck biege, bremst Franz platterdings auf meiner nässenden Ganzkörperwimmerlkaskade ab, wobei er mir, dem letzten Spaziergänger von Graz, entgegenschreit: „Ich mache mir ehrlich Sorgen um dich!“
„Und wo bleibt die Pointe?“, fragen Sie jetzt vielleicht, weil Sie selbst Radfahrer, Nordic Walker oder Rollerblader sind. Darauf möchte ich, ohne gereizt zu erscheinen, Ihnen antworten, dass es Geschichten gibt, deren Pointe darin besteht, keine zu haben – außer eben, dass, laut Auskunft der obersten Verkehrsberuhigungsbeauftragten der Grünen, frau sich ehrlich Sorgen um den letzten Spaziergänger macht: zum Aussterben verurteilt, leider...
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2012)















