Die vorletzten Dinge
Er ist ein Frauenversteher, deshalb will sich seine Frau von ihm scheiden lassen. Was nämlich zu viel ist, ist zu viel. Sie fand es immer schon – wie soll sie sagen? – „genant“, dass er bei jeder Parklücke, die groß genug war, um ein Einfamilienhaus draufzusetzen, mindestens drei Mal reversieren musste, um sich ein einziges Mal windschief hineinzuquetschen.
Bereits seit vielen Ehejahren fragte sie ihn nicht mehr nach dem Grund seines katastrophalen Einparkverhaltens, denn stets hatte er ihr mit jener gewissen Sanftheit in der Stimme, die nur ein Frauenversteher hat, geantwortet: „Was soll ich machen, ich bin halt ein Frauenversteher.“
Und dann der Sex. Sie mochte dieses Wort, es erregte sie regelrecht: Sex! Aber er, ihr Mann, der Frauenversteher, wollte immer nur „Liebe machen“ und, damit nicht genug, an Sonntagen und kirchlichen Feiertagen wollte er gar, dass sie im Bett „einander erkannten“. Das sei biblisch und das Biblische sei, das könne er als Frauenversteher besser beurteilen als so manche Feministin, die ihre wahrhaft femininen Geschlechtsgenossinnen insgeheim verachte, aus dem Weiblichen des Schöpfungsganzen heraus gesprochen. Jehova sei ja, wie die Zeuginnen Jehovas längst aus den Quellen bewiesen hätten, im Ursprung durch und durch weiblich, eine vulkanische Vulva, breitbrüstig und daher herrlich anzuschauen!
Also alles, was recht ist, sie, die Frau des Frauenverstehers, wollte nichts weiter als anständigen ehelichen Sex und nicht, dass ihr Mann, wenn er mit ihr Liebe machte oder sie, seine eigene Frau, im Bett erkannte, dann auch noch einen vaginalen Orgasmus hatte.
Denn damit hatte es keineswegs sein Bewenden: Statt hintennach, nach dem Liebemachen oder Einander-erkannt-Haben, sich eine Zigarette anzuzünden oder einfach grunzend auf die Seite zu rollen, wollte er stundenlang schmusen und „ganzkörpererotisch“ weiterbetreut werden. Er wollte lauter Sachen gemacht bekommen, nach denen sich – wie er, der Frauenversteher, ihr mit samtener Stimme intimierte – die Frauen rund um den Erdball verzehrten. Na, danke vielmals.
Aber bitte schön, das alles habe sie, hämisch beneidet von ihren Freundinnen, weil doch ihr Mann ein so großer Frauenversteher sei, geduldig ertragen. Bis er ihr neulich, anlässlich der Fußball-Europameisterschaft, erklärte, nie und nimmer verstehen zu können, was es heiße, im Abseits zu stehen. Denn als Frauenversteher wisse er, dass noch keine Frau jemals verstanden habe, was es heiße, im Abseits zu stehen.
Als sie ihm daraufhin geduldig erklärte, was es heißt, im Abseits zu stehen („Im Moment der Ballabgabe durch einen Mitspieler der eigenen Mannschaft ist der Spieler in der gegnerischen Hälfte näher an der gegnerischen Torlinie als, erstens, der vorletzte Gegenspieler und, zweitens, der Ball, sofern ihn der Spieler nicht direkt aus einem Abstoß, Einwurf oder Eckstoß erhält...“), sei er minutenlang schweigend dagestanden. Und dann habe er gesagt, er verstehe kein Wort, knie aber vor ihr, so himmlisch habe sie dieses unverständliche Zeugs auswendig gelernt.
Jetzt will die Frau des Frauenverstehers die Scheidung einreichen, und zwar mit dem Argument, ihr Mann habe sie stets geliebt, niemals betrogen, kein einziges Mal die Stimme, geschweige denn die Hand gegen sie erhoben, wisse aber nicht, was es heiße, im Abseits zu stehen. Pech für ihn! Denn während der Fußball-Europameisterschaft darf der Frauenversteher nicht damit rechnen, bei Gericht auf viel Verständnis zu stoßen.
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2012)















