Beim Billa. Ich habe mein Wagerl vollgepackt: Pressstreu aus unbehandeltem Weichholz, Wiesenheu aus dem Waldviertel, eine Monatsladung Komplettmenü für Kleinnager, Knabberfrites mit Vitaminen und Mineralstoffen, Karottensticks, ferner Früchtecocktail mit den natürlichen Zutaten, die bei meinen Meerschweinchen Fritzi & Fratzi extrem beliebt sind (wozu ich mir jedes Mal eine mentale Notiz mache: den Geschäftsführer fragen, was die nicht natürlichen Zutaten sind).
So weit, so gut. Ich stehe im Rückstau, auf der Höhe des Schokoladenregals, die Milka-Täfelchen mit Schokomoussefüllung lachen mich an. Denn mein Vollmops Paul nimmt zum Nachtisch – für den Ernstfall, dass seine Sachertörtchen mit den lustigen Schlagobersöhrchen ausgegangen sein sollten – nur Schokomousseschokolade, nur! Ich stehe also mit meinem Wagerl in der Schlange vor der Kasse, von der Milka habe ich gleich zwei Dutzend dazugepackt . . .
Zugegeben, ich selbst werde zum Schokoladentiger, wenn ich abends, zusammen mit Paul, die beruhigenden Neuigkeiten im Baby-TV anschaue, die sich von den beruhigenden Neuigkeiten von gestern um nichts unterscheiden. Tut uns beiden gut! Und nun bin ich, vollgepackt mit Feel-Good-Gütern, derart zufrieden mit mir und der Welt, dass ich erst gar nicht wissen will, warum die Schlange, in der ich stehe, stehen geblieben ist. Ich erfahre es trotzdem, und zwar wegen des Geschreis zweier Freundinnen an der Kasse, die sich nicht einigen können, welche von beiden ein „folsches Luada“ sei, weil sie sich nämlich nicht einigen können, welche von beiden der jeweils anderen die zu Hause bei den lieben Kleinen hochbeliebten Europameisterschaftspickerln wegstibitzt hat.
Während die beiden mütterlich besorgten Freundinnen einander abwechselnd als „folsches Luda“ titulieren, meldet sich, über die amüsierte Kassiererin hinweg – sie heißt übrigens „Fräulein Eva“, so steht's auf dem Schildchen ihrer Billa-Bluse –, einer dieser softglatzigen Männerverbesserer mediatorisch geschult zu Wort: „Ich bitte Sie, meine Damen, als Feminist bin ich gern bereit, Ihnen von meinen EM-Pickerln, auf die ich anlässlich meines Einkaufs berechtigten Anspruch habe, eines abzugeben . . .“
Die beiden Freundinnen, die sich in ihrer Unterhaltung („Wos haßt, du host die Pickerln in Gedaunkn einpockt, dass i net loch, hahaha, dazua miaßtast du erst amol denkn lernan . . .“) durch den Softglatzigen gestört fühlen, werfen diesem giftige Blicke zu. Dabei schütteln sie missbilligend ihre üppig getönte Haarpracht, während sie dermaßen laut „Deppata Glotzata!“ zischeln, dass sogar ich es, weit hinten, frohgemut höre.
Nun freilich fühlt sich das Fräulein Eva, über dessen Kopf hinwegpalavert wird, in ihrem professionellen Bemühen boykottiert, den Rückstau auf dem Warenlaufband zügig abzuwickeln, weswegen sie von der Kassa her die rhetorische Frage stellt: „Gemma weita oda bin i da Neamd?“ Worauf der Feminist nicht ansteht, dem Fräulein Eva eine Crash-Lektion im Genderbenimmfach zu erteilen: „Sehr geehrte Frau Eva, wenn Sie der Niemand wären, gleichsam als Menschin ein maskulines Nullum, dann wären Sie politisch inkorrekt, nicht wahr?“
Weil aber beim Billa niemand etwas mit Politik zu tun haben will, geht es jetzt flott an der Kassa. Die beiden Freundinnen schieben sich gegenseitig die Europameisterschaftspickerln zu („Tua net so bled, nimm de bleden Pickerln scho!“), während der Softglatzige die seinen gern behalten darf. Geschieht ihm recht, oder?
E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2012)















