Ö3-Mantra für Arbeitsscheue

07.06.2010 | 18:42 |  ISABELLA WALLNÖFER (Die Presse)

Wer liebt sie nicht – die Freizeit?

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Aber muss man schon Montagmorgen mit dem vom Nachtleben noch etwas glasigen Blick auf den Büroschluss und/oder das nächste Wochenende schielen, als gäbe es nichts Wichtigeres im Leben? Und das auch noch mit öffentlich-rechtlicher Unterstützung? Österreichs beliebtester Radiosender – Ö3 – hat es sich offenbar zum Ziel gemacht, seine Zuhörerschaft mental nicht nur durch den lähmenden Stau, sondern auch durch die angeblich ach so schreckliche Arbeitszeit zu tragen. Nach dem Motto: Seid tapfer, ihr Armen, in ein paar Stunden/Tagen wird's besser. Als ob Arbeit respektive Schule oder Studium ein der Beulenpest gleichendes Martyrium wären, von dem einem die Medizinmänner von Ö3 mittels Freizeit-Voodoo (kurzfristig) Linderung verschaffen.

Gießen solche Durchhaltemantras nicht Öl ins Feuer der Unzufriedenheit? Wenn man ständig gesagt kriegt, Arbeit sei nur dazu da, endlich vorbei zu sein, dann kommt man sich ja fast ein wenig komisch vor, wenn man ihr gern nachgeht. Vielleicht machen die von Ö3 das auch nur, um unsere kostbare Freizeit mit dem vollzustopfen, was sie uns als Must-have der Freizeitgesellschaft unter die Nase reiben? Ausnahmslos Ö3-Konzerte und ORF-TV-Programme, versteht sich. Schließlich geht es ums Geschäft. Das gilt es, dem Zuhörer einzutrichtern, bis es ihm bei den Ohren raushängt – und er sich fragt, warum eigentlich das Verbot von Cross-Promotion im ORF-Gesetz so formuliert ist, dass man gegen diesen Eigenwerbewahn offenbar machtlos ist.


Freitags ist es am schlimmsten. Da brüllt auf Ö3 der „Thank's god it's Friday“-Rap, bei dem stündlich auf das Fortschreiten des Uhrzeigers hingewiesen wird. Dass damit die Mieselsucht bekämpft werden kann, darf bezweifelt werden. Oder glaubt wirklich einer, nur weil der Polizist sein Auto mit Ö3-Fröhlichkeit flutet, wird er künftig meine fahrradfahrende, äußerst höfliche Kollegin wegen eines kleinen Verkehrsdelikts nicht anschnauzen wie eine Schwerverbrecherin? Eben.


kultur@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

  • Ostern ist das neue Weihnachten
    Während die Konsumlaune zu Weihnachten stagniert, geben die Österreicher immer mehr für Ostergeschenke aus. Der Handel steigert die Kauflust mit Umfragen und Lockangeboten.
    Ostukraine: "Europa ist schlecht für euch"
    Die Milizen der ostukrainischen Stadt Slawjansk denken nicht daran, die Barrikaden zu räumen. Die prorussischen Aktivisten fordern, so wie auf der Krim ein Referendum über die Zukunft des Gebiets abzuhalten.
    Die Industrie probt den Aufstand
    Österreichs Spitzenmanager haben genug von hohen Lohn- und Energiekosten und drohen schon mit Abwanderung. Voest, OMV, Lenzing und Industriellenvereinigung gehen vor der Budgetrede des Finanzministers in die Offensive.
    Der Kunde als Testfahrer
    Nach einer Reihe von Unfällen, die 13 Menschenleben gekostet hat, musste General Motors heuer schon 6,6 Millionen Autos zurückrufen. Sind neue Modelle für die Kunden ein Risiko?
    Die Dominanz der Silberpfeile: "Motorsport muss unterhalten"
    Mercedes erlebt in dieser Formel-1-Saison ein Hoch und gibt der Konkurrenz Rätsel auf. Für den Wiener Toto Wolff ist es eine Genugtuung. Er ist als Motorsportchef für diese Entwicklung verantwortlich.
    Sind Chinas Schulden gefährlich?
    Die hohe Verschuldung chinesischer Unternehmen bereitet westlichen Investoren Kopfzerbrechen. Die Sorgen seien übertrieben, meinen hingegen Anleihenexperten aus Hongkong.
AnmeldenAnmelden