Was heißt: antideutsch?

GASTKOMMENTAR VON STEPHAN GRIGAT (Die Presse)

Die Linken hassen sie, weil sie in ihnen liberal-konservative Konvertiten sehen. Die Rechten mögen sie nicht, weil sie Marxisten seien.

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Diese Antideutschen! Seit gut 15 Jahren geistern sie durch die bundesrepublikanische politische Diskussion; und in letzter Zeit tauchen sie auch in österreichischen Debatten auf. Rassisten sollen sie sein. Und Bellizisten. Freunde von Bush und Verehrer Sharons. Mal hält man sie für akademische Karrieristen, mal für fiese Polemiker. Die Linken hassen sie, weil sie in ihnen liberal-konservative Konvertiten sehen. Die Rechten mögen sie nicht, weil sie Marxisten seien. Woher kommen diese ungeliebten Kritiker? Und was wollen sie?

Die Geschichte der heutigen Antideutschen beginnt Ende der 80er Jahre, als sich kleine Teile der radikalen Linken auf Jean Améry besannen, der seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 immer wieder betont hat, dass die Linke sich im Kampf gegen Antisemitismus und Antizionismus neu zu definieren habe. Mit der Zeit hat sich eine eigenständige Strömung gesellschaftskritischen Denkens herausgebildet, die sich der Aufmerksamkeit des deutschen Verfassungsschutzes ebenso sicher sein kann wie jener von israelischen Tageszeitungen, österreichischen Kolumnisten oder japanischen Bloggern.


Polit-ökonomische Konstellation

Das, was „deutsch“ ist, wird in der antideutschen Kritik im Sinne einer Ideologiekritik verstanden. Es handelt sich dabei nicht um einen erblichen Nationalcharakter, sondern um eine polit-ökonomische Konstellation. Es geht nicht um eine bestimmte Mentalität, sondern um eine spezifische Form kapitalistischer Vergesellschaftung, die dann allerdings auch bestimmte, eben „typisch deutsche“ Sozialcharaktere hervorbringt.

In Deutschland und Österreich existierte ein besonderes Verhältnis von Staat und Gesellschaft, das letztlich zur Shoah geführt hat. Diese Konstellation kann als „deutsch“ bezeichnet werden, weil sie sich in Deutschland erstmals durchgesetzt hat. Aber sie ist kein historisch oder geografisch eingrenzbares Phänomen, also weder auf den Staat Deutschland noch auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt. Daher ist das, was „deutsch“ ist, auch verallgemeinbar. Nachdem das spezifisch deutsch-österreichische Krisenlösungsmodell mit Vernichtung und Weltkrieg im Nationalsozialismus Wirklichkeit wurde, lassen sich in einem ideologiekritischen Sinne auch Vertreter der islamistischen Barbarei als deutsche Ideologen kritisieren. Sie operieren sowohl historisch als auch aktuell ganz offen mit Elementen der nationalsozialistischen Ideologie bei der Realisierung ihres Verständnisses der „Umma“, der Gemeinschaft aller Muslime.

Dieser Umma-Sozialismus, wie man die djihadistische Mordbrennerei sowohl in Anlehnung als auch in Abgrenzung zu ihrem nationalsozialistischen Vorbild vielleicht nennen sollte, stellt heute eine existenzielle Bedrohung für Israel dar, die in Europa kaum thematisiert wird. Die antideutsche Kritik solidarisiert sich mit Israel aus der Erkenntnis, dass die Welt, so wie sie heute eingerichtet ist, den Antisemitismus immer aufs Neue hervorbringt. Der Staat der Shoah-Überlebenden steht heute vor dem Problem, dass seine militärische Abschreckung kaum noch funktioniert. Womit soll man antisemitische Selbstmordattentäter abschrecken? Wie soll man Politikern wie den iranischen Expräsidenten Rafsanjani mit Vergeltung drohen, der darüber sinnierte, dass bereits der Einsatz einer Atombombe, gezündet in der Nähe von Tel Aviv, ausreichen werde, um Israel zu vernichten, und dass dabei der Tod von Millionen Iranern als Folge eines Gegenschlages in Kauf genommen werden müsse?

Eine militärische Intervention zur Schwächung des iranischen Vernichtungspotenzials ließe sich, wenn überhaupt, nur durch das Gegenteil von dem vermeiden, was derzeit stattfindet: konsequenten ökonomischen und politischen Druck aller maßgeblichen Staaten. Deswegen – nicht aus einer fahnentrunkenen Kriegsbegeisterung heraus – nimmt die antideutsche Kritik jedes Appeasement gegenüber den Protagonisten des djihadistischen Vernichtungsantisemitismus, wie er sich etwa bei den Anschlägen auf das World Trade Centre artikuliert hat, ins Visier. Der „War on Terror“ ist ein Krieg gegen den islamischen Faschismus. Kritisiert wird er von Antideutschen dann, wenn er nicht als solcher geführt und benannt wird.

Darin soll sich nun Rassismus gegenüber Menschen im arabischen oder iranischen Raum artikulieren? Das Gegenteil ist der Fall: Rassistisch ist es, davon auszugehen, dass für die Menschen in diesen Gegenden klerikalfaschistische oder panarabische Diktaturen die angemessene Lebensweise darstellen und der Islam nun mal ihre Kultur sei.


Einfallstor für Antisemitismus

Und dann sind diese Antideutschen auch noch Marxisten? Keineswegs, denn gegen das, was der Marxismus in den letzten 100 Jahren theoretisch und erst recht praktisch angerichtet hat, mobilisieren sie einen früheren Autor der „Neuen Freien Presse“, Karl Marx, sowie die Kritische Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Gerade Marx? Kritik der politischen Ökonomie wäre heute neu zu entdecken und gegen den traditionellen Marxismus, gegen die bolschewistischen und sozialdemokratischen Verunstaltungen zu wenden, die immer auch ein Einfallstor für den Antisemitismus und seine geopolitische Reproduktion, den Antizionismus, in der Linken geboten haben.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter am Inst. f. Politikwissenschaft in Wien und Mitbegründer der Gruppe Café Critique (www.cafecritique.priv.at).


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2007)

 
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