Nach der ersten Konzeption der 1930er-Jahre waren in den „Heldenbüchern“ die Gefallenen des Ersten Weltkriegs verzeichnet, geordnet nach Bundesland und Ort, ergänzt um Alter, Einheit, Rang, Todestag und Kampfgebiet. Die Einträge sind in feinsäuberlicher Handschrift gereiht, ein elektronisches Verzeichnis oder eine Digitalisierung gibt es nicht. Die Bücher mit den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs sind mit Schreibmaschine getippt. Die Originalmaschinen kamen abhanden, weshalb die abgenützten Seiten, mehr schlecht als recht, in Schulheftmanier geflickt sind.
Schon typografisch legen die Bücher beredtes Zeugnis ab. Die schlichte Inventarisierung der Namen gehört noch zum Wirkungsvollsten innerhalb des Gedenk-Panoptikums rund um das Burgtor.
Düsterer Pseudosakralraum
Die sogenannte „Krypta“, ein düsterer Pseudosakralraum, war ursprünglich den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet. Nach 1945 fügte man die Jahreszahlen und weitere Bücher einfach hinzu. Dass darin auch Kriegsverbrecher zu finden sind, überrascht wenig. Das Streichen oder Austragen von Namen wird das nicht ändern. Etwas ratlos stimmt auch die Vorstellung, wie so eine Retusche durchzuführen ist: mit dicken Markerstiften oder doch mit Tipp-Ex?
Vergangenen Sommer schlug eine Freundin bei einem Besuch spontan den Namen ihres Großvaters nach. Die Angaben, wo er vermisst war, wichen von den Familienberichten ab und führten zu neuen Erkundigungen. So kann Zeitgeschichte funktionieren.
Dass auf den Seiten nicht wenige Namen von größeren und kleineren Kriegsverbrechern zu finden waren, gehört zu derselben Geschichte. Ein Kommentar könnte erläutern, wie die Anordnung zustande kam.
Die Aufmerksamkeit für die „Krypta“ ist berechtigt und überfällig. Sie sollte sich gleich auf das gesamte Burgtor ausdehnen, mitsamt dem Umbau zum Heldendenkmal durch Rudolf Wondracek aus dem Jahr 1933/34.
Die Gunst der Stunde
Damals wurden in die beiden Schmalseiten monumentale Stiegenanlagen gebrochen. Über diese Freitreppen gelangt man in die zentral über der Durchfahrt gelegene „Ehrenhalle“. Ein nach oben offener Atriumhof, von umlaufenden Wandreliefs gesäumt. Dort wird die Geschichte österreichischen Soldatentums 1618 bis 1918 behandelt, vom Musketier bis zum Kampfflieger. Dem heutigen Betrachter erscheinen die Darstellungen eher harmlos und einfältig.
Die Anlage ist nach einer Renovierung in gutem Zustand – und ganzjährig durch Eisengitter versperrt. Nicht ganz. Im April wurde beim Wiener Stadtmarathon die Ehrenstiege als Brücke über den Zieleinlauf genützt. Baustellengitter trennten die gegenläufigen Besucherströme, auch die Steinreliefs waren durch Gitter verstellt.
Davor sammelten sich immer wieder kleine Gruppen, die die rare Gelegenheit für eine Besichtigung nutzten. Männer des Ordnerdienstes in neongelben Warnwesten musterten die auffälligen Zaungäste gelangweilt und misstrauisch. Das Verhalten erschien ihnen sinnlos und unvernünftig. Den übrigen Sportkiebitzen entging die Gunst der Stunde.
Warum nicht dauerhaft öffnen?
Warum nicht dauerhaft aufsperren und der Öffentlichkeit aussetzen, ohne Baustellengitter, vielleicht sogar mit Ordnerdienst – und sehen was passiert? Oder doch ein Schild mit der Aufschrift: Geöffnet am 15. April für die Dauer des Marathons. Längeres Verweilen gestattet, aber nicht erwünscht.
Gregor Schuberth (*1972 in Wien) arbeitet als selbstständiger Architekt in Wien; Projekte für private und gewerbliche Auftraggeber und im öffentlichen Raum.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)















