Weit haben wir es als Gesellschaft gebracht, dass wir bereits Werbekampagnen wie die aktuelle der Stadt Wien mit dem Motto „Tschuldigen“ brauchen, um auf unser schlechtes Benehmen im Umgang miteinander aufmerksam zu machen. Wer jedoch meint, schlechtes Benehmen sei nur in bestimmten Gesellschaftsschichten zu finden, den muss ich enttäuschen.
Leider sind jene Jahrgänge, die schon im Kindergarten bei Spucken, Beißen und dem Schmeißen von Spielzeugeisenbahnen keine Konsequenzen erfahren haben, inzwischen in den Führungsebenen angekommen. Gerade sie haben nur eine Erfahrung gemacht: „Ich bin so super“. Regeln? Ja schon, aber bitte nur für andere.
Dieser tödliche Mix aus übersteigertem Selbstbewusstsein, wenig Können und geringer Sozialkompetenz ist leider häufig anzutreffen. Führungskräfte, die es nicht schaffen, „Guten Morgen“, „Bitte“ oder „Danke“ zu sagen, die bei einem persönlichen Gespräch gleichzeitig ein E-Mail am Smartphone beantworten, sind keine Seltenheit. Und „Tschuldigen“ gehört in der Regel auch nicht zum gängigen Wortschatz dieser Chefs, obwohl natürlich auch sie Fehler machen. Diese einzugestehen wäre sogar vertrauensbildend.
Die Uefa wirbt für „Respekt“, zu sehen sind die Spots aktuell bei der Fußball-EM. Zielgruppe sind Hooligans, angesprochen fühlen sollten sich aber auch Hooligans in der Wirtschaft. Respektvoller Umgang in Unternehmen miteinander ist keineswegs selbstverständlich.
Gutes Benehmen rechnet sich
Wie wäre es etwa, wenn man Agenturen, die bei Ausschreibungen nicht zum Zug gekommen sind, trotzdem zumindest eine knappe Begründung gibt, warum sie nicht berücksichtigt werden konnten; wenn man Lieferanten zurückruft oder E-Mails wenigstens in aller Kürze beantwortet; wenn Unternehmen auf Bewerbungsschreiben eine Antwort senden und Mitarbeitern, von denen man sich trennt, die Möglichkeit eines Austrittsgespräches gibt, vielleicht sogar mit einer klaren Begründung. Auch Kündigungen via SMS kommen vor. Respekt? Fehlanzeige.
Dabei rechnet sich gutes Benehmen sogar. Unternehmen, die eine Kultur des vertrauensvollen, respektvollen Umgangs haben, schneiden durchschnittlich doppelt so gut ab wie Unternehmen, die diese Aspekte nicht berücksichtigen. Führungskräfte haben natürlich an der Gestaltung und am Vorleben der Unternehmenskultur einen beträchtlichen Anteil. Aber wenn diese nicht einmal die Grundvoraussetzungen mitbringen, ist es um die Umgangskultur der Firmen schlecht bestellt. Meine Empfehlung: Raus mit den Managern ohne Respekt!
In unserer Gesellschaft ist es üblich, stets zu denken, „die anderen sollen sich ändern, damit es mir besser geht“. Wichtig wäre es, zu begreifen, dass wir Teilnehmer und (Mit-)Gestalter unseres beruflichen und privaten Alltags sind, nicht Zuseher und Opfer. Jeder kann zu mehr Respekt im Umgang miteinander beitragen. Umso trauriger, dass es Kampagnen wie „Tschuldigen“ und „Respekt“ geben muss. Trotzdem gut, dass es sie gibt. Übrigens: Tschuldigen, falls ich zu direkt war.
Univ.-Lektor Christian Reitterer ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung prom2.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)















