Gemäß ORF-Gesetz besteht der öffentlich-rechtliche Auftrag des ORF darin, für umfassende Information sowie unter anderem für die Vermittlung und Förderung der Wissenschaft zu sorgen. „Insbesondere Sendungen und Angebote in den Bereichen Information, Kultur und Wissenschaft haben sich durch hohe Qualität auszuzeichnen.“ (§ 4 (4) ORF-Gesetz).
Der ORF ist zu objektiver Auswahl von Informationen in Form von Reportagen ebenso wie zur Wiedergabe von für die Allgemeinheit wesentlichen Standpunkten und kritischen Stellungnahmen verpflichtet. Gemäß Verhaltenskodex des ORF muss sich das Publikum darauf verlassen können, „dass in der Berichterstattung jegliche manipulative Darstellung oder Inszenierung unterbleibt“.
Diesem gesetzlichen Auftrag kam der ORF im Beitrag „Unruhe in der Akademie“ im Rahmen der Sendung „Report“ vom 19. Juni 2012 nicht nach.
Trotz umfangreicher Interviews mit dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten der ÖAW und Filmaufnahmen der monatlichen Gesamtsitzung der Akademiemitglieder wurde eine in skandalöser Weise einseitige Reportage präsentiert. Der Beitrag zeichnete ein völlig verzerrtes und unvollständiges Bild der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Menschenverachtende Züge
Die Ziele der Akademie sowie die Aufgaben und Leistungen ihrer Mitglieder und ihrer international höchst renommierten Forschungsinstitute, die sie zur größten, international kompetitiven und angesehenen außeruniversitären Grundlagenforschungseinrichtung in Österreich machen, wurden bis auf die Nennung allgemeiner Budget- und Mitarbeiterzahlen nicht einmal in Ansätzen behandelt.
Stattdessen stand die Altersproblematik im Vordergrund. Ausgewählt aus dem zweifellos sehr umfangreichen Material wurden in erster Linie Bilder von betagten – national und international prominenten – Mitgliedern. Anstatt sie jedoch zu Wort kommen zu lassen, wurden körperliche Gebrechen, nicht selten in Nahaufnahme, herausgestellt.
Die Bildauswahl trug menschenverachtende und diskriminierende Züge und bewegte sich hart an der Grenze der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Zudem suggerierten die Bilder in Kombination mit aus dem Zusammenhang gerissenen Feststellungen und offensichtlich bewussten Auslassungen einen Altherrenverein ohne Relevanz für moderne Wissenschaft und Gesellschaft.
Was der ORF nicht erwähnte
Dies ist krasse Fehlinformation: Uninformierte Zuseher mussten (zweifellos beabsichtigt) den Eindruck gewinnen, dass einige wenige altersschwache Herren ein Budget von ca. 75 Millionen Euro verwalten und nach persönlichen Vorlieben verteilen.
Mit keinem Wort wurden die herausragenden Leistungen dieser Forscherpersönlichkeiten für Österreich erwähnt, und dass sich viele von ihnen auch noch in fortgeschrittenem Alter mit ihrem Erfahrungsschatz für Wissenschaft und Gesellschaft engagieren und damit jüngeren Generationen als Vorbilder dienen.
Völlig ausgeklammert wurden Bilder und Stimmen der in der gefilmten Sitzung anwesenden jüngeren ÖAW-Mitglieder mit in der nationalen und internationalen Wissenschaftsszene klingenden Namen, die aktiv und erfolgreich im wissenschaftlichen Leben stehen, mit hochkarätigen Preisen ausgezeichnet wurden und sich seit Jahren in der Akademie und für deren Forschungseinrichtungen engagieren.
Ebenso wenig erwähnt wurde der in besagter Sitzung gehaltene, höchst aktuelle Vortrag einer jungen (Jahrgang 1970), vor Kurzem zum wirklichen Mitglied gewählten Wissenschaftlerin zum brisanten Thema „Rechtsfragen der wissenschaftlichen Integrität“.
Ausführlich zu Wort kamen hingegen Kritiker(innen) der ÖAW mit zum Teil unwahren Behauptungen ohne eine direkte Konfrontation mit den Präsidiumsmitgliedern, die eine Richtigstellung anhand von Zahlen und Fakten ermöglicht hätte.
Ja, es herrscht „Unruhe in der Akademie“ – der Titel des Berichts war durchaus angemessen. Es ist eine produktive Unruhe, die sich aus dem laufenden, tiefgreifenden Reformprozess einer Institution ergibt, die seit ihrer Gründung 1847 kaum substanzielle Reform erfahren hat.
Offen für konstruktive Kritik
In vergleichsweise kurzer Frist hat die Akademie entscheidende Schritte gesetzt, um Entscheidungsstrukturen und -prozesse zu verschlanken und transparent zu gestalten, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit ihrer Forschungseinrichtungen weiter zu stärken und um der interessierten Öffentlichkeit, und hier insbesondere Schülern, die Faszination Wissenschaft zu vermitteln. Nichts davon erschien dem ORF berichtenswert, wider besseren Wissens.
Die ÖAW ist offen für konstruktive Kritik von innen und von außen als wichtiger Stimulus für kontinuierliche Erneuerung. Wir schätzen ausgewogen-kritischen Journalismus als wichtiges Regulativ in der Demokratie und als Initiator für breiten Diskurs, nicht aber eine einseitige, von Vorurteilen getragene und in der Bildauswahl diskriminierende Darstellung in einem öffentlich-rechtlichen Medium.
Wir protestieren gegen manipulative Berichterstattung, mahnen Qualitätsjournalismus ein und fordern den ORF zur umgehenden Richtigstellung auf.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
Helmut Denk (*1940) war von 1983 bis zu seiner Emeritierung 2008 ordentlicher Universitätsprofessor für Pathologie und Vorstand des Instituts für Pathologie der Medizinischen Universität Graz. Seit 2009 ist er Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. [ÖAW/pov]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2012)















