24.05.2013 10:31 Merkliste 0

Liberalisierung: Fortpflanzungsmedizin ohne Grenzen?

ULRICH KÖRTNER (Die Presse)

Die Aufspaltung der Elternschaft in genetische, biologische und soziale Elternschaft stellt die Gesellschaft vor große Fragen.

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In der Debatte um eine mögliche Liberalisierung des österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetzes (FMedG) hat sich im Juni auch die österreichische Bischofskonferenz zu Wort gemeldet. Dass sie die Befruchtung im Reagenzglas grundsätzlich ablehnt, ist bekannt. Dass sie sich daher einmal mehr gegen Ausweitung reproduktionsmedizinischer Angebote – von der Präimplantationsdiagnostik bis zur Eizell- und Samenspende für lesbische Paare und alleinstehende Frauen – ausgesprochen hat, wird niemanden überraschen.

Dass die katholische Kirche für ein auf heterosexueller Monogamie gegründetes traditionelles Ehe- und Familienbild einsteht, in das homosexuelle Lebensführung, Regenbogen- und Patchwork-Familien nicht passen, auch das verwundert niemanden. Wer sich darüber als Mitglied der römischen Kirche aufregt, wie Janko Ferch es in seinem Gastkommentar vom 28.Juni getan hat, den möchte man fragen, wo er eigentlich lebt.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin evangelisch, selbst Mitglied der Bioethikkommission und gehöre zu der von Ferch gelobten Kommissionsmehrheit, welche dem Verfassungsgerichtshof eine Aufhebung der geltenden Beschränkungen für lesbische Paare und alleinstehende Frauen nahelegt und sich im Übrigen für die Eizell- und Samenspende bei heterosexuellen Paaren ausspricht. Ich bin aber darum keineswegs der Meinung, dass man die Gegenargumente einfach damit vom Tisch wischen kann, dass man sie als Ausdruck von Starrsinn und Mangel an Reflexionsfähigkeit diskreditiert.

In ihrer Presseerklärung haben Österreichs katholische Bischöfe nicht den Ton moralischer Verdikte angeschlagen, wie man ihn aus manchen Enzykliken zum Thema kennt. Wohl aber fordern sie „einen breiten öffentlichen Diskurs über die ernsten ethischen und rechtlichen Fragen, die durch die Reproduktionsmedizin aufgeworfen werden“. Ihre Argumente muss man nicht teilen, aber sie verdienen Gehör. Ethik in einer pluralen und säkularen Gesellschaft beginnt mit der Einhaltung von Diskursregeln, die auch den anderen wertschätzend zu Wort kommen lassen.

Die Aufspaltung der Elternschaft in genetische, biologische und soziale Elternschaft stellt die Betroffenen, Eltern wie Kinder, vor Herausforderungen, die ihre Identität und ihre Menschenwürde betreffen. Das im Grundsatz international anerkannte Recht auf Vater und Mutter wie auch das Recht, über die eigene Herkunft Bescheid zu wissen, ist ein hohes Gut.

 

Empirie vs. Normativität

Die Mehrheit der Bioethikkommission argumentiert auf empirischer Ebene. Internationale Studien lassen nicht erkennen, dass sich Kinder in Einelternfamilien oder homosexuellen Partnerschaften generell schlechter entwickeln als Kinder heterosexueller Paare. Das ändert aber nichts daran, dass die Liberalisierung der Reproduktionsmedizin dazu führen kann, dass Kindern der biologische Vater und das Recht, die leiblichen Eltern zu kennen, vorenthalten wird. Wenn man nicht nur empirisch, sondern auch normativ argumentiert, kann man darin ein ernstes ethisches Problem sehen.

So geht es mir selbst. Wenn ich dennoch für eine Liberalisierung des FMedG plädiere, dann deshalb, weil in einem demokratischen und säkularen Rechtsstaat zwischen Rechtsordnung und Moral mit ihren je eigenen Logiken zu unterscheiden ist, ohne dass sich beide vollständig trennen lassen. Solange die Menschenwürde und das Kindeswohl geachtet werden, gilt für mich der Grundsatz: Im Zweifel für die Freiheit. Ob es im konkreten Einzelfall ethisch verantwortlich und für die Betroffenen tatsächlich das Beste ist, von dieser Freiheit, d.h. von der Reproduktionsmedizin, Gebrauch zu machen, ist damit noch keineswegs gesagt.
Der Autor ist Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2012)

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4 Kommentare
Gast: luzifer
08.07.2012 18:02
0 0

man darf gespannt sein, welche Ungeheuer,

die ein geordnetes Familienleben und normale zwischenmenschliche Beziehungen nur vom Hörensagen kennen, da heranwachsend. Nach Nation und Relion sind auch bisher unantastbare Werte der Gesellschaft wie die Familie dran. Die Gesellschaft wird atomisiert und zum Einheitsbrei zerstampft, und das justament von jenen Leuten, die die unverfälschte Natur auf ihre Fahnen geschrieben haben!

3. Teil


Wegen des besonderen Abhängigkeitsverhältnisses und des Umstandes, dass (insbesondere) Klein(st)kinder ihre Eltern nicht nur präferieren, sondern mit anderen Personen ähnlich intensive und vertrauensvolle Beziehungen nicht eingehen können, wäre mMn von der Bioethikkommission, unter Berücksichtigung dieser reell vorhandenen - daher zu fördenden - Kapazität, und unter Berücksichtigung des Rechtes auf Freheit im weitesten Sinne, einerseits die Frage zu stellen gewesen ob nicht Klein(st)kinder, genau so wie jugendliche und Erwachsene, ein Recht auf einen Umgang mit beiden Geschlechtern haben und anderseits ob die absichtliche Nichtermöglichung des Umganges mit einer Mutter und einen Vater nicht doch eine Form von Deprivation darstellt.

2. Teil

Beziehungskonstellation aus der Kindessicht:

Die Bioethikkommission stellt einen von ihr zitierten Grundsatz, nämlich, dass durch die Inanspruchnahme der Reproduktionsmedizin keine ungewöhnlichen persönlichen Beziehungen geschaffen werden sollen, die sich von den Bedingungen und Folgen der natürlichen Fortpflanzung weit entfernen in Frage OHNE eine Bewertung aus der Kindessicht vorzunehmen!

Ein Beispiel für Aspekte der Beziehungskonstellation aus der Kindessicht die, so meine ich, relevanz hinsichtlich der ethischen Bewertung über die Ausweitung reproduktionsmedizinische Angebote für gleichgeschlechtliche Paare hat, ist die Bedeutung der Erfahrung bzw. Wahrnehmung verschiedengeschlechtlicher Eltern bzw. deren geschlechtsspezifischen Merkmalen für Kleinkinder. Diese Erfahrung von Kleinkindern kann man mMn in Bezug zu ihren Rechten auf Beziehungsdiversität und Freiheit bringen. Siehe bitte ausführlicheres Kommentar dazu (von mir, leider english) http://www.nomblog.com/24657/ - 15. Kommentar: ' Franz M posted June 23, 2012 1:06 ' .

In diesem Zusammenhang würde ich auch das Prinzip erwähnen, dass Kinder grundsätzlich das Recht haben, ohne besondere Verzögerung, entsprechend dem natürlichen bzw. persönlichen Zeitablauf ihrer sich manifestierenden Fähigkeiten gefördert zu werden. Die Fähigkeit männlich und weiblich voneinander zu unterscheiden und die Fähigkeit einen Wunsch auszudrücken mit dem einen oder anderen zu interagieren oder ein bestimmtes geschlechtspezifische Merkmal der Eltern wahrzunehmen dürfte ab 6. bis spätestens 12. Lebensmonat vorhanden sein (jedenfalls sagen mir das Mütter die ich dazu befragt habe).

1. Teil

Ich habe mir die Stellungnahme der Bioethikkommission vom 16.04.2012 an den VfGH angesehen. Meiner Ansicht nach sind folgende Schwächen festzustellen:

Zu den Studien: (Die Mehrheit der Kommissionsmitgliedern geht davon aus, dass sich Kinder in Einelternfamilien oder homosexuellen Partnerschaften nicht generell schlechter entwickeln als Kinder heterosexueller Paare)

1. Zuerst wäre es nötig gewesen abzuklären inwieweit die moderne Psychologie / Soziologie mit den zur Verfügung stehenden Methoden überhaupt in der Lage ist diese Frage befriedigend zu beantworten. Ohne diese Evaluierung sind Interpretationen von "Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern entwickeln sich genau so gut wie mit verschiedengeschlechtlichen" bis "mit den beschränkten Methoden der heutigen Psychologie u Soziologie konnte man bislang nichts negatives finden, was aber lange nicht heisst, dass es nichts gibt" möglich.

2. Die erstgenannte Studie (Rupp)hat wenig mit der Fragestellung des VfGH zu tun. Warum wird sie aufgeführt? Erläuterung: siehe Postings 'Stefan Werder' 1. - 5. unter Artikel: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/750924/OeVP-lehnt-fuer-Lesben-kuenstliche-Befruchtung-ab

3. Die Bioethikkommission hat nicht gut genug recherchiert: Eine Arbeit von Sarantakos (2000) Harvard Press kommt zu einem anderen Ergebnis: http://catalogue.nla.gov.au/Record/1058618 )

(Hinweis. Eine sehr aktuelle Meta-Analyse (schliesst 59 Studien bis 2005 ein) von Dr. Loren Marks Univ Louissiana kommt - mit mMn guten Argumenten - zum Ergebnis, dass die Frage von der Psychologie/ Soziologie derzeit nicht befriedigend beantwortet werden kann http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0049089X12000580 )

4. Kein Psychologe hat an der Stellungnahme mitgearbeitet.

Hinweis

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