23.05.2013 21:05 Merkliste 0

Noch mehr gute Nachrichten Aber auch schlechte sind nützlich

ENGELBERT WASHIETL (Die Presse)

Blattkritik. „Die Presse“ betrat vergangenen Samstag Neuland und testete „positiven Journalismus“. Eine Wende wird das nicht, lehrreich war es aber.

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Die Presse“ betrat vergangenen Samstag Neuland und testete einen „positiven Journalismus“. Eine Wende wird nicht daraus, aber lehrreich war der Versuch doch.

Vor mir liegt eine gedruckte Rarität, „Die Gute Presse“, in der auf 40 Druckseiten um die schöneren Seiten der Wirklichkeit gerungen wird (30.6.). Für die Redakteure waren das regelrechte „Exerzitien“, wie Chefredakteur Michael Fleischhacker im Kommentar sagt. Die journalistische Einkehr liefert ein frappantes Ergebnis: Als aggressive Negativposten bleiben nur Leserbriefe und Gastkommentare übrig. Also nörgeln auch Leser, die so oft den Negativjournalismus kritisieren, gern über die Zustände.

Auf Seite 2 springt mir das Inserat einer Bank ins Auge. Banken schätzen für ihre Werbung ein „positives Umfeld“, „Die Gute Presse“ kommt ihr sehr gelegen. Im Inserat wird für ein „TopZins Konto oder Sparbuch“ mit den „hohen Zinsen“ von 2,1 Prozent Reklame gemacht. Und jetzt frage ich die Sparbuchbesitzer: Möchten Sie wirklich auf kritische Journalisten verzichten, die die „hohen Zinsen“ aller Bankinstitute längst als mickrige Anlageform entlarvt haben, die unter Abzug der Kest nicht einmal die Inflation abdeckt, also Kapital frisst? Man will ja wissen, was man hat. Schlechte Nachrichten über magere Zinsen sind gut zu wissen, also gute Nachrichten. Das ist übrigens Sinn der klassischen Botschaft für kritischen Journalismus: „Bad news is good news.“

Das oft falsch wiedergegebene Zitat kommt übrigens in der „Guten Presse“ grammatikalisch richtig im Singular daher, das sei positiv angemerkt.

Fleischhacker, der in seinen Kommentaren den Wirklichkeitshorizont zumeist über die zur Verfügung stehenden 360 Grad hinaus abzutasten sucht, wagt sich an einen „Grenzfall der journalistischen Ethik“: Es sei Normalität, „durch Produkte Leserinteresse zu erzeugen, das auch Anzeigenkunden mit einer Grundaufmerksamkeit versorgt“. Prinzipiell stimmt das für alle Zeitungen, die einen Inseratenteil haben, sonst wären die Zeitungen schon in Konkurs. Es ist aber unethisch und sogar kontraproduktiv, rund um die Werbefläche eine künstlich positive Stimmung zu erzeugen. Da sich das chefredakteurliche Gewissen erkennbar regt, wird „Die Presse“ vielleicht noch schärfer auf den Inhalt mancher ihrer Sonderprodukte achten, die ohne ein im Voraus ausgehandeltes Werbebudget oder Druckkostenbeiträge gar nicht erscheinen würden.

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Eine Erkenntnis aus dem Experiment wird hoffentlich in den journalistischen Alltag Eingang finden. Eine ganze Reihe von Artikeln beweist, dass die Wirklichkeit tatsächlich „gute“ Facetten hat, die folglich nicht unter den Tisch fallen sollen. Dabei werden die Redakteure eingestehen, dass die Beurteilung nicht immer einfach ist. Nehmen wir den positiven Beitrag mit der Überschrift „Das Ozonloch schrumpft, die Luft wird sauber.“ Wer sagt, welcher von den zur Verfügung stehenden Datenbergen aus Expertenhochburgen verlässlichere Voraussagen ermöglicht – der für die Klimakatastrophe oder der für die Genesung der Welt?

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Zurück zur methodischen Kritik in der „Spiegelschrift“. Auch „Die Gute Presse“ bietet Pannen und Fehler. Allein im Einspalter „Österreicher sind im Europavergleich am zufriedensten“ finde ich drei: die über Tod oder Leben entscheidende neue Begriffsschöpfung „Lebenserhaltungskosten“, den Fallfehler in „Trennung zwischen dem persönlichem Leben und Themen wie Politik und Wirtschaft“ sowie ein fehlendes Dativ-n. Aus der Lektüre der Sportberichte weiß ich, dass britische Fußballer eine „Elfmeter-Phobie“ haben, analog spreche ich von einer „Dativ-n-Phobie“ der „Presse“ und finde sie wieder einmal bestätigt: „Fakt ist, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben bei den Österreicher gleich in mehreren Studien gut abschneidet.“

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Die Sportredaktion hat sich in der harten Phase der Fußballmeisterschaft tüchtig geschlagen. Literarische Mosaiksteinchen können sogar dann aus dem Laptop springen, wenn das Spiel noch läuft und nur journalistische Teamarbeit über den Zeitmangel hinwegrettet. Ruhm also für das Kollektiv, das spätabends nach dem ersten von den Spaniern geschossenen Tor gegen Frankreich fast prophetisch und jedenfalls philosophisch für die „Presse am Sonntag“ die Lage auf dem Fußballfeld mit den Worten einfängt: „Die Franzosen waren nun gefordert, fanden jedoch kaum statt.“ Und der Schlusskommentar „Mit der Gier endet die Europameisterschaft“ ist ein gelungenes Beispiel eines Journalismus, der ohne Fingerzeig auf das Negative ein schlechter Journalismus wäre.

Vielleicht sollte ich überhaupt bei Zeiten einmal probieren, ob ich „Die Gute Spiegelschrift“ zusammenbrächte.

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Mit aussagekräftigen Details geht die Zeitung zu sparsam um. In den drei Porträts über den mexikanische Linkspolitiker Andrés Manuel López, den neuen griechischen Ministerpräsidenten Antonis Samaras und den neuen Präsidenten der Ärztekammer Artur Wechselberger sucht man vergeblich Angaben über das Alter der beschriebenen Personen, sie gehören aber dazu.

Im Wegweiser durch die Eurokrise (17.6.) wird „CDS“ im Zirkelschluss erklärt: „Mit diesen drei Buchstaben versichern sich Besitzer von Anleihen gegen deren Ausfall.“ Aber was heißt CDS? Ich helfe nach: Credit Default Swap. Was ist ein M&A-Geschäft? (23.6.) M&A steht für „Mergers and Acquisition“, auf Deutsch Fusionen und Übernahmen.

Genauigkeit gilt auch im Schuldensumpf. „Der Steuerzahler hat bereits 4,5 Millionen Euro in die Rettung der Kommunalkredit gesteckt.“ (3.7.) Nur? Schön wär's.

In Kaindorf an der Sulm feierte die Anton Paar GmbH ihr 90-jähriges Bestehen, „in olympischer Manier marschierten Vertreter aller Länder, in denen Paar aktiv ist, mit Nationentafeln ein.“ (18.6.) Womit macht die Anton Paar GmbH international Eindruck? Kein Wort darüber. Hoch technische Mess- und Analysegeräte sind die Basis ihres internationalen Markterfolgs.

Wenn in der „Presse“ ein „Pfannkuchen“ auftaucht, sträuben sich meine Haare. Kennen die in der Redaktion keine Palatschinken? (29.6.) Aber beim Studium des konkreten Falles löst er sich in eine europäische Groteske auf. Was nämlich wird der isländische Staatspräsident, der mit einer britisch-israelischen Millionärin verheiratet ist, Touristen serviert haben, wenn darüber ein österreichischer Korrespondent aus Kopenhagen berichtet, wobei dieser vermutlich auch deutsche Zeitungen beliefert? Beim frischen Pfannkuchen in Reykjavik verflüchtigt sich der Stolz auf die österreichische Nachspeis im gesamteuropäischen Küchendunst.

Beim Weiterblättern in derselben Zeitungsausgabe trete ich aber doch zur regionalen Sprachpflege an: Hierzulande sagt man Schulschwänzen und nicht Schuleschwänzen. Das österreichische Wörterbuch, das gerade 60 Jahre alt geworden ist und der Redaktion wärmstens zu empfehlen wäre, ist auf meiner Seite.

spiegelschrift@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)

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3 Kommentare

Ich habe so meine Zweifel,

ob Sie "Die Gute Spiegelschrift" zusammenbrächten...., wobei ich das Problem eher beim Verfasser als beim Objekt seiner Bemühungen sehe.

Aber zumindest einen Versuch ist es wert! Vielleicht belehren Sie mich ja eines Besseren ;-)

Gast: Gast: Leser
07.07.2012 13:55
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Phobie

Die sogenannte "Dativ-n-Phobie" gibt es keineswegs nur in der "Presse", sondern in noch viel größerem Ausmaß in den anderen Zeitungen und Zeitschriften. Eine noch viel häufigere Phobie ist allerdings die "Genitiv-s-Phobie". Und wenn man sich die Reden der Politiker anhört, steigen einem ohnehin die Grausbirnen ob der fehlerhaften und ungelenken Handhabung der deutschen Sprache auf. Fallfehler sind da tägliche Normalität.

Gast: 1. Padteiloser
06.07.2012 19:24
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Du musst ein irrer Typ sein!

Das ist einfach nur Wahnsinn was Du in Deiner Abhandlung aufgebaut hast. Es scheint, dass Dir jemand eine neue synthetische Droge verabreicht hat oder Du ein unglaublicher Versuch der Evolution bist.

Beeindruckend, wirklich sehr beeindruckend!

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