21.05.2013 22:53 Merkliste 0

Die wachsende Zahl der Nehmer kann die Geber erpressen

DETLEF KLEINERT (Die Presse)

Abgabe der Souveränität, das heißt im Klartext Aufgabe der Nation. Zum Prozessauftakt in Karlsruhe und zur Kritik am ESM.

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Wieder einmal muss das höchste deutsche Gericht die Arbeit der Politik übernehmen. Seit gestern behandeln nun Juristen, worüber die Abgeordneten des Bundestages nur unzureichend nachgedacht haben: die Frage nämlich, ob der europäische Rettungsschirm ESM der Verfassung entspricht. Der Verein „Mehr Demokratie“ (rund 23.000 Bürger), die Fraktion der Linken und andere haben nun geklagt – und sie haben gute Argumente: Kann man noch von einer haushaltspolitischen Gesamtverantwortung des deutschen Bundestages sprechen, wenn die Haushaltshoheit nach Brüssel abgeschoben worden ist?

Die Befürworter der Regierungsvorlage machen die europäische Solidarität geltend. Er habe dafür gestimmt, so ein Münchner Abgeordneter, weil „die Ablehnung unmittelbar ganz gravierende negative Folgen für die Währungsunion, für die Europäische Union, für die Weltwirtschaft, für die politische Konstellation in Europa und besonders für Deutschland gehabt hätte. Eine Ablehnung des ESM durch Deutschland hätte Europa und die Welt erschüttert.“ Ham se's nich ne Nummer kleener, sagt der Berliner. Wie unsicher die Regierung in dieser Frage ist, zeigte sich gestern beim Prozessauftakt: Der deutsche Finanzminister, aber auch andere Politiker, versuchten, das Gericht politisch unter Druck zu setzen. Die „Frankfurter Allgemeine“ dazu: „Die verbalen Rempeleien Richtung Karlsruhe – und übrigens auch gegen kritische Ökonomen – sind dabei nicht nur schlechter Stil, sondern auch Indikator des schlechten Gewissens.“

 

„Horrorgemälde“

Die Rechtsanwältin Beatrix von Storch, Sprecherin des Vereins „Zivile Koalition“ artikuliert die Bedenken einer Mehrheit der Deutschen: „Den unbeschränkten Zugriff einer supranationalen Behörde auf das Einkommen und das Vermögen aller Bürger Deutschlands, quasi mit gleichzeitiger Unterwerfung unter die sofortige Zwangsvollstreckung, und das bei garantierter Straflosigkeit der Beteiligten, das ist schlechterdings nicht hinnehmbar.“ Solche Vorwürfe aber versuchen die ESM-Befürworter als „Horrorgemälde“ (so Schäuble) zu denunzieren. Tatsache aber ist, dass ihre „Argumente“ sich von Woche zu Woche verändern.

Ein Beispiel: Vor fast genau einem Jahr sagte Schäuble in Karlsruhe: „Die Mitgliedstaaten bleiben die ,Herren der Verträge‘. Die nationalen Parlamente entscheiden über die partielle Abgabe von Souveränitätsrechten. Da niemand einen europäischen Superstaat will, werden wir auch weiterhin an diesem Prinzip festhalten müssen.“

Vor zwei Wochen klang das dann aber ganz anders: „Europa ist leider kompliziert, und seine Strukturen sorgen bei Bürgern und Finanzmärkten nur in unvollkommenem Maße für Vertrauen. Bislang haben die Mitgliedstaaten in Europa fast immer das letzte Wort. Das kann so nicht bleiben. Wir müssen in wichtigen Politikbereichen mehr Kompetenzen nach Brüssel verlagern, ohne dass jeder Nationalstaat die Entscheidungen blockieren kann.“ Und der Ratspräsident hat dies in einem erschreckenden Maße ergänzt. Van Rompuy meint ganz ungeniert, Brüssel solle noch mehr Kompetenzen erhalten und den EU-Staaten unpopuläre Entscheidungen aufzwingen können – ein eher seltsames Verständnis von Demokratie.

Über Jahrzehnte haben uns die Politiker die Vorzüge von Subsidiarität erläutert, eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Maxime, die die Entfaltung der individuellen Fähigkeiten, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung anstrebt. Danach sollten Aufgaben, Handlungen und Problemlösungen so weit wie möglich selbstbestimmt und eigenverantwortlich unternommen werden, also wenn möglich vom Einzelnen, vom Privaten, von der kleinsten Gruppe oder der untersten Ebene einer Organisationsform. Wie dieses bewährte System mit jenem zentralistisch-bürokratischen Monster in Einklang gebracht werden kann, das Schäuble & Co. nun offenbar vorschwebt, ist nicht zu ergründen.

 

Wer bezahlt die Frivolitäten?

Letzter Anstoß für eine Kontroverse über Finanzkrise und „Schuldenunion“ war ein offener Brief von 172 Wirtschaftswissenschaftlern, die angesichts der bevorstehenden Bankenunion vor einer „Gemeinschaftshaftung“ für die Bankschulden warnten. Der deutsche Finanzminister bestreitet, dass Deutschland oder Österreich für die Schulden in Spanien oder Italien herangezogen werden könnte. Aber selbst die zumeist abwägend formulierende „Frankfurter Allgemeine“ meint inzwischen, Schäuble sollte aufhören, den Deutschen Sand in die Augen zu streuen. In der Tat scheinen die ESM-Vorschriften darauf hinauszulaufen, dass die Oma in Kreuzberg oder in Favoriten von ihrer Pension die Frivolitäten der Bankmanager in Barcelona oder Mailand bezahlt.

Dies aber kann (oder sollte zumindest) mit dem Begriff „Solidarität“ nicht gemeint sein. Mit der immer weiteren Zuspitzung der Krise geht eine fatale Entwicklung einher, die Entkoppelung der politischen Verantwortung von der finanziellen Haftung, was dazu geführt hat, dass die wachsende Zahl der Nehmer die schrumpfende Zahl der Geber immer leichter erpressen kann – Monti, Rajoy und Hollande lassen grüßen.

 

Das Schicksalsbuch der Nation

Noch hat die deutsche Kanzlerin die Einführung von Eurobonds verhindert – zumindest theoretisch. In der Praxis des ESM ist davon freilich keine Rede mehr, die Gleichsetzung von Banken, Staaten und ESM erhöhen den Anreiz für die nationalen Regierungen, sich auf Kosten der anderen übermäßig zu verschulden, die Zustimmung der Parlamente zum ESM bedeutet in Wirklichkeit ihre Selbstaufgabe. Der Haushalt, so sagt man, ist das Schicksalsbuch der Nation – haben die Parlamente die Nation zu Grabe getragen?

Wer sich ein wenig die historische Entwicklung Europas ansieht, wird nicht nur die leidvolle Kriegsgeschichte sehen, sondern auch die kulturelle Blüte, die aufgrund der Vielfalt europäischer Eigenarten und Muster entstanden ist. Europäische Einigung und damit die Überwindung der Konflikte gilt zurecht als zivilisatorische Errungenschaft. Dass dies zu erhalten nur mit der Vergemeinschaftung von Schulden möglich sein sollte, dürfte eine der zentralen Lebenslügen der ESM-Freunde sein. „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ – der Satz von Frau Merkel war von Anfang an falsch, polemisch und unhistorisch.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Artikel von Ulrich Wilhelm, der den Deutschen die Aufgabe von Souveränität empfiehlt. Wilhelm war bis vor zwei Jahren Pressesprecher von Angela Merkel. Die Methode ist nicht neu: Ein Regierungschef lässt unter dem Namen eines Vertrauten einen Versuchsballon steigen und wartet die Reaktionen ab, um entsprechend zu handeln. Abgabe der Souveränität, das heißt im Klartext Aufgabe der Nation. Und exakt dies ist es, was die Kritiker dem ESM vorwerfen. Man darf davon ausgehen, dass Karlsruhe nicht das letzte Mal eine Grundsatzentscheidung fällen muss.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Detlef Kleinert begann seine berufliche Laufbahn beim Bayerischen Fernsehen. Er war unter anderem Südosteuropa-Korrespondent der ARD in Wien. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)

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13 Kommentare

Die Alternative zur Alternativlosigkeit: Rückkehr zur eigenen Währung

Jeder weiß heute: Der Euro ist gescheitert, „The Eurozone has Failed“ (Vaclav Klaus im Wall Street Journal 1. Juni 2011).

Was ist die Alternative? Der hervorragenden Beitrag von Detlef Kleinert legt den Schluß nahe:

1. Wenn nicht "Aufgabe der Nation", dann Bejahung der Nation.
2.Wenn Bejahung der Nation, dann auch Bejahung der eigenen Währung.http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=959.

Europa braucht Veränderungen

Wir sehen seit Beginn der krise, also seit 2008 sehr deutlich, dass die Regierungen bzw. die Regierungschefs viel unternehmen, die demokratisch legitimierten Parlamente hintanzuhalten. meist unter der Argumentenkette, man müsse schnell reagieren bzw. agieren, um die sich dauernd wechselnden Verhältnisse in den Griff zu bekommen. Es zeigte sich, dass die Uneinigkeit und Kleinmütigkeit des erlauchten Europäischen Rates das Gegenteil bewirkten.
Es ist in Ordnung, Kompetenzen abzugeben - allerdings unter der Voraussetzung, dass das Europäische parlament endlich und ganz selbstverständlich alle Rechte eines Parlaments bekommt, dass die Kommission bzw. deren Präsident gewählt und nicht länger in einem undurchschaubaren Postenschacher bestellt werden. Es muss auch damit Schluss sein, ehemalige Minister oder politisch missliebige Richtung Brüssel wegzuloben. Dort sollten die Besten agieren, nicht diejenigen, die den Mächtigen in Berlin, Paris, London genehm sind, weil man sie unter Kontrolle zu haben glaubt.
Abgesehen davon: ein Unternehmen, welches Fehler macht, verschwindet vom Markt, das hat jedenfalls für Banken zu gelten.

Re: Europa braucht Veränderungen

LA?T UNS DOCH WENIGER EUROPA WAGEN!

„Wir müssen deshalb zu einem Europa zurückfinden, in dem das Wohlergehen einer Nation nicht davon abhängt, wie gut oder schlecht sich eine andere europäische Nation organisiert. In dem wir also nicht gezwungen sind, uns einzumischen in die Selbstorganisation anderer Gesellschaften. Nur so werden wir den europäischen Frieden sichern können. Denn der beruht auch darauf, zu respektieren, dass jede Nation in Europa nach ihrer je eigenen Fasson glücklich werden möchte.
Und wenn dann eben die Franzosen wie eben beschließen, dass sie wieder mit 60 statt 62 in Rente gehen wollen, dann können und sollen wir sie nicht daran hindern. Nur möchten die Deutschen dann auch nicht mitbüßen, wenn Frankreich damit seine Kreditwürdigkeit verspielt.“
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106427212/Lasst-uns-doch-weniger-Europa-wagen.html

1 0

Alternativlosigkeit?

Während uns im Bereich von Banken- und Staatenrettung die Alternativlosigkeit eingeredet wird, ist, zumindest in Europa, noch imer nichts passiert, das die zugrundeliegenden Probleme beseitigt. Wann wird die Trennung in Geschäfts- und Investmentbanken endlich wieder eingeführt? Die Investmentbanken könnte man bedenkenlos in die Pleite schicken und die Rettung der Geschäftsbanken wäre um einen Bruchteil des Geldes zu machen.

Gast: whoCares
11.07.2012 13:05
4 0

"keine Verschuldung" in die Verfassung!

. . . Politiker als Interessenvertreter dürften nicht regieren, sondern müssten dem Bürger kompetente Fachleute für alle Ressorts zur Wahl zu stellen, Persönlichkeitswahl.

Gast: Stellamaria
11.07.2012 13:03
2 0

hoffentlich

rettet das deutsche Höchstgericht Deutschland und uns vor dem Dauerraub durch den unfähigen Süden ! Nachdem die Politiker dabei ja versagt haben....Frau Merkel hat es als Einzige zumindest versucht.

Gast: hk1190
11.07.2012 12:24
6 0

Zeichen

Gemessen an der Zahl der Kommentare hier könnte man annehmen, daß das Thema "erledigt" ist, weil die meisten sich damit bereits abgefunden haben, daß die politische Union kommt.
Da regt die Causa Scheuch schon eher auf oder die Ausweitung der Parkzonen in Wien.
Ich habe meine Stimme für Europa 1994 nicht abgegeben, damit einige total Verrückte dieses Europa ruinieren. Übrigens war 1994 nichts zu hören von einem europäischen Bundesstaat.
Faktum ist, daß uns die europäischen Politiker (einschließlich dieser österreichschen Adabeis) in diese mißliche Lage gebracht haben, die sich jetzt angeblich nur mehr mit den beabsichtigten Horrormaßnahmen bereinigen läßt.
Die Folge wird nicht Wohlstand sein, sondern das Gegenteil, einschließlich politischer Unfreiheit.
Es ist ein Verbrechen, das an Europa begangen wird.

Antworten Gast: commonSense
11.07.2012 14:16
4 0

ein Verbrechen . . . wer wegschaut ist mit Schuld

. . . und das sind die Politiker, welche zuerst die Zukunft verprassten und jetzt das ganze Land verpfänden.
Und die haben aufgrund der Pfründe- und Privilegienwirtschaft das Stimmvieh fest in der Hand.

2 0

Re: Zeichen

Wenn die Haftungen schlagend werden, wird die Reaktion wohl heftiger ausfallen. Derzeit haben die Leute das Gefühl, dass die Sache bereits gelaufen ist und man eh nichts mehr dagegen tun kann.

Gast: ecoMist
11.07.2012 08:38
6 1

es ist doch e schon Wurscht!

. . . alles verschuldet, so die Zukunft,
die Pfründewirtschaft blüht,
die Politiker haben ihr Ausgedinge,
dem Stimmvieh ist die Opposition fremd,
es lebe die Koalition!
Brüssel über alles!

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In des Teufels Küche:

Der ESM ist ein Fonds, den die 17 Euroländer je nach ihrer Größe mit zusammen 700 Mrd Euro dotieren. Der Fonds soll 500Mrd für marode Staaten u. Banken bereithalten und letztlich auch die rund 200 Mrd. übernehmen, die der derzeitige Rettungsschirm EFSF bereits aufgebracht hat

Als Euroländer müssen auch Griechenland Spanien Portugal Irland Zypern u. Italien in den ESM einzahlen. Allerdings brauchen diese Länder Milliarden aus dem Fonds, sodass ihre Beiträge illusorisch sind. Fehlen aber deren Beiträge dann müssen die anderen Euroländer, also auch Österreich, einspringen u. bekommen diese Gelder nur zurück, wenn die Säumigen zahlen.

Der Fonds darf zwar nur helfen wenn die Empfänger glaubwürdige Sanierungsmaßnahmen setzen, wird aber in "dringenden Fällen" prompt zahlen. Dieses Rezept hat schon Im Fall Griechenland versagt weil zwar aus dem EFSF Griechenland seit Jahren finanziert wird aber in GR bisher kaum Strukturreformen funktioniert hatten:

Es gab seitens Griechenlands viele Versprechungen u. Zusagen in Wahrheit aber: kaum Privatisierungen die Geld in die Staatskasse spülten, bis heute ist der griechische Staat unfähig Steuern einzutreiben, es gab kaum Beamtenabbau, die reichen Griechen schleusen ihr Geld in die Schweiz und GB

Wer kann mir bitte erklären warum das bei Spanien, Portugal, Italien, Zypern u. bald auch Frankreich anders sein soll?

Das gigantomanische und riskante Projekt ESM hätte in Ö. unbedingt eine VOLKSABSTIMMUNG gebraucht!

Antworten Gast: Schluß mit Freundschaft
11.07.2012 15:19
2 0

Re: In des Teufels Küche:

Auch über die Euro-Einführung hätte bereits abgestimmt werden sollen. Nur ein Schwachsinniger oder Größenwahnsinniger oder Bestochener kann den Beitritt zu dieser Puddingwährung erwogen haben. Auf Österreichs Politiker treffen wahrscheinlich alle 3 Kriterien zu. Wie sonst kann man auf die Idee kommen, daß Staaten wie Italien oder Griechenland, die historisch 2stellige Inflationszahlen hatten, von einem Tag auf den anderen die Konvergenzkriterien erfüllen??? Hier wurde wirklich Volksvermögen vor die Säue geworfen. Alle CHF-Kreditnehmer sollten den damaligen Nationalrat auf Schadensersatz wegen Vorsatz oder uferloser Fahrlässigkeit verklagen.

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re: Politiker dürften nicht regieren

. . . nur kompetente Fachleute, Persönlichkeitswahl!

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