20.06.2013 07:33 Merkliste 0

Die Nazca-Linien und die dritte Landebahn von Schwechat

MADELEINE PETROVIC (Die Presse)

Gastkommentar. In ferner Zukunft werden sich ArchäologInnen fragen, warum östlich von Wien sinnlose Monsterbahnen gebaut worden sind.

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Die Nazca-Linien sind riesige Scharrbilder (sogenannte Geoglyphen) in der Atacama-Wüste in Peru. Die Nazca-Ebene zeigt auf einer Fläche von 500 Quadratkilometern schnurgerade, bis zu 20 Kilometer lange Linien, Dreiecke und trapezförmige Flächen sowie Figuren mit einer Größe von zehn bis mehreren hundert Metern, zum Beispiel Abbilder von Menschen. Durch die enorme Größe sind die Formen nur aus großer Entfernung zu erkennen, zum Beispiel aus Flugzeugen.

Seit die Bodenbilder 1926 bei einem Überflug wiederentdeckt wurden, versuchten sich mehr oder minder seriöse WissenschaftlerInnen an einer Deutung der monumentalen Bodenmuster.

Berühmt-berüchtigt wurden vor allem die Theorien des Erfolgsautors Erich von Däniken, der dazu fantastische Ufo-Theorien entwickelt hat.


Unvorhersehbare Flugbranche

Und der Konnex zur dritten Piste für den Flughafen Schwechat? Es ist die Frage nach dem Sinn der monumentalen Investition. Ich lasse dafür zunächst meine ökologisch-grüne Grundhaltung außer Acht und versuche eine Beurteilung als Ökonomin, die keine unwesentlichen Erfahrungen in der Transportwissenschaft sammeln durfte.

Bis etwa zum Ende des vergangenen Jahrhunderts war die Entwicklung der zivilen Luftfahrt und der AkteurInnen einigermaßen prognostizierbar. In den vergangenen Jahren sind alle für den Flugverkehr wichtigen Parameter derart in Bewegung gekommen, dass Zukunftsszenarien mit großer Unsicherheit behaftet sind.

Die Märkte schlagen Kapriolen; das reicht von politischen Verwerfungen bis hin zu den Auswirkungen von Peak Oil, von wirtschaftlichen Turbulenzen der Airlines bis zu den Auswirkungen von Aktien- und Währungskrisen, von Protesten der AnrainerInnen über Fluglärm bis hin zu den Auswirkungen der verschärften Anti-Terror-Regeln der Staatengemeinschaft.

Zuverlässige Prognosen über einen Zeitraum, der für die Amortisierung einer Milliarden-Euro-Investition wie der dritten Piste nötig wären, sind schlicht und ergreifend nicht möglich.


Keine ökonomische Notwendigkeit

Trotz dieser extremen Unsicherheit könnte es Gründe geben, die eine Investition dennoch ratsam erscheinen zu lassen, insbesondere dann, wenn es im Falle von Kapazitätssteigerungen keine andere Möglichkeit gibt, den zusätzlichen Bedarf abzudecken und (!) wenn dann zumindest durch intelligente Gestaltung von Verträgen und Bindungen versucht würde, die faktischen Risken wirtschaftlich etwas abzufedern. Sind diese Voraussetzungen in concreto erfüllt?

Die Antwort ist klar: Nein!

Erstens ist die dritte Piste bei einer durchschnittlichen Betrachtung der Flugbewegungen nicht nötig. Es geht vielmehr um die Abdeckung einer Spitzennachfrage; die Auslegung der Verkehrsinfrastruktur nach den absoluten Spitzenwerten (oder darüber hinaus) ist nie sinnvoll. Alsbald entsteht so nämlich ein Problem der Minderauslastung außerhalb der Spitzen und der korrespondierenden „Leerkosten“. Andererseits wird auf diese Weise geradezu ein Sog erzeugt, der Auslastung um jeden Preis verlangt, also auch wirtschaftlich (und ökologisch) absolut fragwürdige Mehrleistungen (unter Umständen zu Dumping-Konditionen!).


Keine Kooperationsbereitschaft

Zweitens wurde der Möglichkeit der Aufteilung von Verkehren mit benachbarten Airports, insbesondere mit Bratislava, nicht mit Nachdruck nachgegangen. Haben die Flughafen-Leitungsgremien ernsthaft versucht, die politische Verhandlungsmacht, über die die Eigentümer verfügen, im Sinne einer fairen Partnerschaft zu aktivieren?

Wieder lautet die eindeutige Antwort: Nein!

Welchen Sinn hat öffentliches Eigentum, wenn es nicht im Sinne von volkswirtschaftlich und europäisch sinnvollen Lösungen nutzbar gemacht wird? Dass die SteuerzahlerInnen immer nur die Flops der betriebswirtschaftlich völlig losgelöst agierenden Schrebergarten-Manager (ich wähle bewusst die männliche Form!) ausbaden dürfen, ist – gelinde gesagt – sehr ärgerlich.


Keine langfristigen Verträge

Drittens liegen offenbar keine langfristigen Verträge mit den AUA/Tyrolean-Verbündeten, insbesondere mit Lufthansa, vor. Das erachte ich als kapitales Versäumnis: Eine allfällige Großinvestition wurde nicht einmal mit einer zugesicherten Grundauslastung durch die hier beheimateten Airlines und ihre Teilhaberinnen paktiert.

Tja, und damit wären wir wieder bei den Nazcas: ArchäologInnen in ferner Zukunft werden rätseln, warum im Osten von Wien wirtschaftlich sinnlose Monsterbahnen durch die ohnehin schon überstrapazierte Landschaft gezogen wurden.


E-Mails an: debatte@diepresse.com
Zur Person

Madeleine Petrovic ist Landessprecherin der niederösterreichischen Grünen sowie Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins. Die Tochter eines Spediteurs und studierte Juristin und Betriebswirtin war von 1994 bis 1996 Bundessprecherin der Grünen. Bei der letzten Landtagswahl in Niederösterreich 2008 fielen die Grünen unter Petrovics Führung von 7,2 auf 6,9 Prozent zurück.

Zum Thema: Die niederösterreichische Landesregierung hat am Freitag die Bewilligung für den Bau einer dritten Start- und Landepiste auf dem Flughafen Schwechat veröffentlicht. Alle inhaltlichen Einwendungen wurden in der Umweltverträglichkeitsprüfung abgelehnt. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

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6 Kommentare

Wer keine Ahnung hat, sollte lieber still sein!

Verkehr und Wohlstand waren immer schon untrennbare Zwillinge und werden es auch immer bleiben. So lange die Menschen nach Wohlstand streben, wird der Verkehr - und besonders der zeitsparende Luftverkehr - immer zunehmen!

"Politische Verwerfungen" oder "wirtschaftliche Turbulenzen" machen die Zunahme ev. nicht geradlinig, können aber am Trend nichts ändern!

Verkehr "durchschnittlich" zu betrachten, ist unsinnig. Natürlich muss jeder Verkehrsträger fähig sein, die Spitzen zu bewältigen, denn das ist es, was wirklich gebraucht wird. Man kann ja auch Schulbusfahrten nicht über Tag und Nacht gleichmäßig verteilen, man muss vielmehr dafür sorgen, dass alle Kinder bei Unterrichtsbeginn in der Schule sind.

Gerade durch die von den Grünen unterstützten Forderungen nach Nachtflugverboten müssen sich immer mehr Flüge in den erlaubten Zeiten drängen, was einen Ausbau der Kapazität erzwingt!

Wenn man den Flugverkehr nach Bratislava abdrängt, passiert hier das Gleiche, was den Städten, die sich vor 150 Jahren gegen die Eisenbahn aus ähnlichen Gründen gewehrt haben, passiert ist: diese Städte sind seit damals zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken!

Den Ausbau des Flughafens Schwechat zu behindern schadet nicht nur dem Ballungsraum um Wien, sondern auch Oberösterreich und der Steiermark.

Auch wenn es Grüne nicht gerne hören: Verkehr ist Einkommen, weniger Verkehr ist weniger Einkommen!


Re: Wer keine Ahnung hat, sollte lieber still sein!

Dem Titel kann ich mich nur anschliessen. Nur wer hier keine Ahnung hat - nur dass es nicht auf die Politikerin sondern auf den offensichtlichen Flugverkehrslobbyisten "periskop" anzuwenden ist.

So ist beispielsweise die Argumentation mit dem Nachtflugverbot völlig unsinnig, da es mit der 3. Piste so eines gar nicht gibt, sondern auch in der Nacht geflogen wird. Geht es hingegen um Kapazitätserhöhung so besteht auch unter Tags noch mehr als genug Spielraum. Dazu gibt es auch eine entsprechende Studie der TU-Wien.

Zu behaupten ein Nichtausbau des Flughafens, der mit der gewählten Pistenlage Richtung dicht besiedeltes Gebiet vor allem Arbeitsplätze im Gesundheitssektor "schaffen" dürfte, schade Oberösterreich ist auch nicht nachvollziehbar. So hat sich gerade dieses Bundesland trotz fehlenden Großflughafen wirtschaftlich viel besser entwickelt als Niederösterreich.

Und was das Abdrängen von Flugverkehr betrifft - es wäre schon einmal sinnvoll, wenn man die 2 Pisten in Bratislava nutzt, statt x Milliarden Euro in eine 3. Piste zu investieren und den Flughafen damit zum Rettungsfall für die Steuerzahler zu machen.

Gast: Martin_S
15.07.2012 19:44
3 1

Natürlich!

Ist ja viel Ökologischer, wenn die wartenden Flugzeuge ordentlich Kerosin verbrennen und den Dreck in die gegend werfen! Super!!! Na klar, soweit reicht Grünes Spatzenhirn nicht!

Re: Natürlich! - selber Spatzenhirn?

Flugzeuge warten nur wenn man sie bestellt. Sollte der Flughafen tatsächlich nicht in der Lage sein, die richtige Anzahl von Slots zu vergeben, kann man das nicht jemand anderen anlasten.

Im übrigen wird der meiste krebserregenden Feinstaub regelmässig beim Starten produziert, Warteschleifen sind dagegen vernachlässigbar.

beim flughafen wien muss man zwar immer etwas skeptisch sein

was die passagier prognosen aber betrifft, lag das management was ich gehoehrt habe aber immer relativ richtig!

wenn z.b im juli immer mehr leute auf urlaub fliegen und mehr toursiten aus indien und china bzw suedamerika nach wien kommen, so ist der gedanke nicht abwiegig, dass die kapazitaeten irgendwann erschoepft sind.

und ja die auslegung von flughaefen auf spitzenzeiten ins sehr sinnvoll!
wenn die kapazitaetsgrenze einer strasse feur ein par stunden erschoepft ist so gibt es schlimmstenfalls einen stau, bei einem flughafen muessen dann aber flugzeuge auf andere flughaefen ausweiche, was mehrkosten verursacht und uu schadenersatzforderungen nachsich zieht, und dem flughafen wien geld kostet, und oesterreich arbeitsplaetze!

nun zu den managern:
diese "schrebergaerten" manager sind nicht voellig losgeloest sondern werden vom flughafen bestellt, sprich von WIEN und NIEDEROESTERREICH, da die je 20% der anteile halten.

die manager sind also von den wiener gruenen der wiener spoe und der niederoesterreichischen oevp bestellt, das sie sich hier also ueber diese leute (die gewiss auch felhler gemacht haben) auslassen ist schlichtweg falsch und scheinheilig, denn schliesslich koennten sie ja als teil der wiener landesregierung dafuer sorgen, dass die besten leute den job bekommen, nicht die mit den besten beziehungen!

Re: beim flughafen wien muss man zwar immer etwas skeptisch sein

Am Flughafen Wien stagnieren die Flugbewegungen. Und Aussagen des Managements waren bisher immer von Zwangsoptimismus geprägt.

Dass ist aber weniger den Managern als den Politikern die sie bestellen anzulasten.

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