Vergangene Woche wurde der UVP-Bescheid zum Bau einer dritten Piste auf dem Flughafen Wien erlassen. In ihrem „Presse“-Gastkommentar vom 16.7. stellte Madeleine Petrovic von den Grünen die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit dieser Investition infrage. Doch die Notwendigkeit des Projekts ergibt sich aus den permanent steigenden Passagierzahlen.
Seit dem Projekt-Startschuss im Jahr 2000 hat sich die Zahl der Fluggäste in Schwechat verdoppelt – von elf Millionen auf heuer gut 22 Millionen. In den kommenden Jahren wird eine jährliche Zunahme um eine Million Passagiere erwartet. 2020 wird die verfügbare Kapazität mit rund 30 Millionen Passagieren endgültig ausgeschöpft sein. Damit die neue Infrastruktur ab 2021 nutzbar ist, müssen angesichts extrem langer Verfahrens- und Umsetzungsfristen schon jetzt alle notwendigen Maßnahmen für die Realisierung getroffen werden – auch wenn die endgültige Bauentscheidung erst in zwei bis drei Jahren fallen wird. Dazu zählt auch die Weiterführung des erfolgreichen Dialogs mit betroffenen Anrainern.
Frau Petrovic bezweifelt die Zuverlässigkeit der Passagierprognosen und leitet daraus die Entbehrlichkeit einer dritten Piste ab. Natürlich beeinflussen konjunkturelle Schwankungen und die wirtschaftliche Lage der größten Airlines kurzfristig die Passagierzahlen, der langfristige Trend ist mit plus sieben Prozent pro Jahr aber seit 1990 stabil – trotz punktueller Schocks wie den Anschlägen von 9/11 oder der Sars-Epidemie.
In den Planungen für die dritte Piste nehmen wir bis 2020 ein Wachstum von nur vier Prozent an. Das ist sehr vorsichtig, denn das Einzugsgebiet des Flughafens umfasst 15 Millionen Menschen. Zwei Drittel davon leben in Ost- und Südosteuropa. Während hierzulande jeder im Schnitt pro Jahr mehr als zwei Flugreisen unternimmt, ist es bei den Nachbarn gerade eine halbe. Es gibt also dringenden Nachholbedarf. Mehr als 9000 ausländische Betriebe geben in Österreich 500.000 Menschen Arbeit. Über 5000 österreichische Unternehmen haben Beteiligungen im Ausland, vorwiegend in Ost- und Südosteuropa, 150.000 inländische Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt davon ab. Über 300 internationale Konzerne haben ihre Osteuropa-Zentrale in Wien – mit über 40.000 Mitarbeitern. Ohne gute, direkte Flugverbindungen – gerade in den Osten – sind diese Headquarter weg. Mit 181 Kongressen war Wien 2011 die weltweit führende Kongressstadt, fünf Millionen Touristen besuchten Wien 2011. Auch der Flughafen selbst ist ein „Jobmotor“: 20.000 Menschen sind am Standort beschäftigt, pro Million Passagiere werden es rund 1000 mehr.
Bratislava ist keine Alternative
Klar ist: Ohne den Ausbau leistungsfähiger Direktverbindungen von Wien aus kann die Standortqualität Ostösterreichs nicht gehalten werden. Mit 40 Destination ist der Flughafen Wien heute das führende Drehkreuz nach Südosteuropa, ohne Wachstumsperspektive werden aber weder Lufthansa noch Air Berlin in den Ausbau in Schwechat investieren. Das Projekt der dritten Piste ist also kein „Vorstandssteckenpferd“, sondern Notwendigkeit für die Zukunft der Ostregion. Ein Ausweichen nach Bratislava ist keine Alternative. Airlines müssten Doppelstrukturen aufbauen – beim harten Wettbewerb in der Branche unfinanzierbar – die Passagiere müssten Transitzeiten von mehreren Stunden in Kauf nehmen.
Und wenn doch alle Prognosen falsch wären? Dann wird eben später oder auch gar nicht gebaut. Schließlich muss sich das Projekt betriebswirtschaftlich rechnen. Der Flughafen Wien ist eine Aktiengesellschaft und finanziert – im Gegensatz zu Straße und Schiene – seine Infrastruktur aus eigener Kraft, und nicht aus Steuermitteln.
Günther Ofner ist seit September 2011 Finanzvorstand der Flughafen Wien AG.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2012)















