Wie die Wiener Börse langsam vor die Hunde geht

Die Politik zerstört die Wiener Börse. Wer mit Aktien vorsorgt, gilt als Zocker. Das Handelsvolumen bricht um mehr als ein Drittel ein. Für Analysten und Aktienhändler wird es eng. Existenzbedrohend eng.

In der Vorwoche forderte Börse-Wien-Vorstand Michael Buhl lautstark, dass man die – erst im April 2012 für die Banken effektiv gewordene – Kapitalertragssteuer auf Wertpapiere (Wertpapier-KESt) raschestmöglich ersatzlos streichen solle. Ein Hilferuf, der etwas spät kommt. Zuvor waren schon erste Hochrechnungen aufgetaucht, denen zufolge das Steueraufkommen bei der Wertpapier-KESt lächerlich gering ausfallen werde.

Freilich ist die KESt nicht der einzige Grund, warum am Wiener Kapitalmarkt überhaupt nichts mehr geht, aber sie ist der vielleicht wesentlichste emotionale Faktor. Allein schon die Ankündigung hatte Privatanleger en masse vertrieben, was auch institutionelle Investoren zum Rückzug verleitet hat. Der Tenor lautet: Die Wiener Börse hat keine „Story“ mehr. Und ohne „Story“ gibt es keinen Handel. Ohne Handel keine Börsegänge. In Kooperation mit dem Aktienforum und rund zwei Dritteln der größten österreichischen börsenotierten Unternehmen habe ich Anfang Juli eine kleine Studie zur Liquiditätssituation der Wiener Börse verfasst (Download unter: www.christian-drastil.com/fachheft1/), eine Zusammenfassung findet man in diesem Gastkommentar.

 

Wien verliert am stärksten

Am 23. 7. lässt sich hochrechnen, dass der Handelsumsatz der stärksten Unternehmen an der Wiener Börse (ATX-Prime) im Juli nur bei rund zwei Milliarden Euro liegen wird, der tiefste Wert seit Jahren. Im Juni 2012 waren es immerhin noch 2,6 Milliarden Euro (im Juni 2011 5,2 Milliarden). Stellt man die ersten sechs Monate 2012 jenen aus 2011 gegenüber, so beträgt der Rückgang 37,4 Prozent. Natürlich gab es auch an anderen Börsen Abschläge: In Deutschland wurde im ersten Halbjahr 2012 um 16,8 Prozent weniger gehandelt, in der Schweiz um 26,9 Prozent, in Polen um zwanzig Prozent. Allerdings: Im Vorjahr konnte Polen noch Rekorde feiern, während man in Wien aktuell nur noch ein Sechstel dessen umsetzt, was in den besten Zeiten erreicht wurde. Wien stürzt also von einem schon sehr niedrigen Handelsvolumen noch weiter ab, Polen verliert nur im Vergleich zu seinem besten Jahr so deutlich.

Und Polen ist jener Markt, mit dem die Wiener Börse immer wieder verglichen wird. Es geht um eine Drehscheibenfunktion für Osteuropa. Die Wiener Börse lag hier mit ihren Osteuropa-Indizes jahrelang sehr gut, mittlerweile spielt sich das Geschäft für die Region in Polen ab. Auch österreichische Investmentbanken tendieren mittlerweile in Richtung Polen.

Der Juli 2012 wird also nur rund zwei Milliarden Euro Handelsvolumen bringen, das ist etwa die Hälfte von dem, was Marktteilnehmer laut Eigenangaben zum Überleben brauchen. Und wenn dann jemand Ressourcen abzieht, dann wird nicht lange gefackelt, siehe Cheuvreux, UniCredit oder Deutsche Bank. Und eins ist klar: Wer einmal weg ist, kommt so schnell nicht wieder zurück, geschlossene Niederlassungen kann man nicht so leicht wieder aufsperren wie vielleicht einen temporär reduzierten Mitarbeiterstand erhöhen.

 

Banken handeln mit sich selbst

Auch diejenigen, die am Markt noch aktiv sind, beginnen zu stöhnen. Mit der Erste Group und der Raiffeisen Centrobank gibt es nur noch zwei Banken mit echtem Bekenntnis zur Liquiditätsbereitstellung. Die beiden teilen sich die Verantwortung dafür, dass es regelmäßig An- und Verkaufskurse für die ATX-Werte gibt (Market Making). Wenn nur noch zwei Institute miteinander handeln, wird es fad, so die Banken. Zumindest die Erste Group hat in Person von Vorstand Franz Hochstrasser in einem Interview mit dem „Börse Express“ laut darüber nachgedacht, das Market Making in Wien ebenfalls zu überdenken. Kritik an der Strategie der Wiener Börse wurde beigefügt: Ausländische Banken seien forciert worden, diese hätten zwar fleißig – dort, wo es Spaß machte – Aktienhandel betrieben, aber keinen Finger gerührt, was die Kursstellung betrifft. Und im Sales-Geschäft lasse sich Geld verdienen, im Market Making eben nicht.

Bei den jüngsten Börsengängen gab es ein ähnliches Bild: Es waren ausländische Institute, die mit den Börsengängen betraut waren. Nicht viel davon hat geklappt, einiges musste abgesagt werden, und auch Unternehmen wie der Aluminiumkonzern Amag wurden erst nach dem Börsengang schön langsam attraktiv. Da schlummert die nächste große Gefahr: Nämlich jene, dass österreichische Unternehmen ihr Glück bei Börsengängen wieder im Ausland versuchen könnten.

Das war schon einmal so, wie ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt: In der Phase von 1996 bis 2000 starteten gleich 17 österreichische Unternehmen lieber an einer ausländischen Börse.

Es dauerte Jahre, bis die interessanten Unternehmen aus diesem Kreis zurück nach Wien geholt werden konnten. Die Statistik aus dem ersten Halbjahr 2012 ist ernüchternd: Es gab keinen einzigen Börsengang in Wien, dafür 19 in Polen.

Hier kommt wieder die heimische Wertpapier-KESt ins Spiel: Österreichische Retailbroker berichten, dass noch im Vorjahr rund 20 bis 25 Prozent ihrer Kundenumsätze an der Wiener Börse stattgefunden hätten. Das habe sich im bisherigen Verlauf des Jahres halbiert. Die KESt habe besonders dem Wien-Volumen geschadet. Gerade jene Anleger, die kaufen und ihre Aktien dann vergleichsweise lange halten, die typischen „Österreich-Fans“, seien weitgehend verschwunden. Es sind dies die Treuesten gewesen, mit einem großen Wissen über Firmen und Kapitalmarkt.

Gerade bei dieser Klientel ist die Wertpapier-KESt mit ihren vielen kleinen Gemeinheiten (die Möglichkeit des Verlustvortrags fehlt, Spesen und Gebühren sind nicht abziehbar) das Hauptmotiv für die Beendigung des Aktionärsdaseins. Die Folge ist, dass das Grundrauschen der Privatanleger im Orderbuch der Wiener Börse fehlt und damit die Liquidität an der Börse verloren geht. Wenn institutionelle Investoren rein gegen sich selbst handeln müssen, weichen sie auf billigere unregulierte außerbörsliche Märkte aus.

Die Umsätze gehen an der Wiener Börse und damit auch an den offiziellen Statistiken vorbei. Die Folge für die börsenotierten Unternehmen: Sie werden nicht mehr zu Roadshows eingeladen, das berichten gleich mehrere Unternehmen im Rahmen meiner Studie. Und eine Großbank, die Österreich-Roadshows im Ausland veranstaltet, beklagt, dass die Unternehmen zwar nach wie vor die Reise antreten würden, es aber kaum noch interessiertes Investorenpublikum gebe. Damit entstehe auch für die begleitende Analyseabteilung eine existenzbedrohende Situation.

 

Gusenbauer: „Vienna, go bullish“

Grund sind nicht nur die sinkenden Volumina, es geht vielmehr darum, dass Österreich keine Investmentstory mehr hat: Es fehlt der Wille zur Privatisierung, der Wille zum Aufbau einer nachhaltigen privaten Investorencommunity. Die Notwendigkeit einer privaten Altersvorsorge wurde von der Politik infrage gestellt. Den Unternehmen wiederum brachen traditionelle Finanzierungsmöglichkeiten über die Banken weg und nun auch der dringend nötige Zugang zu Eigenkapital über die Börse.

Internationale Investoren bemerken das. Randbemerkung: Vor fast exakt fünf Jahren gab es das ATX-Allzeithoch. Finanzminister Wilhelm Molterer führte dies damals auf „günstige Rahmenbedingungen und die europäische Perspektive“ zurück. Auch Kanzler Gusenbauer trällerte „Vienna will go bullish“. Ihre Nachfolger haben den Markt zerstört, Market Maker, Verkaufsteams und Privatanleger vertrieben. Freilich kann man auch diverse Skandale (Stichwort: Immobilienpapiere) und deren extrem langsame Aufarbeitung nicht vom Tisch weisen, aber bei den internationalen Investoren zählen andere Faktoren. Ein Land braucht eine Investmentstory, die es in Österreich derzeit einfach nicht gibt. Geldanlage wird mit Spekulation gleichgesetzt. Wer mit Aktien vorsorgt, gilt als Zocker.

Und was sagen die börsenotierten österreichischen Unternehmen? Nun, sie fordern ebenso einen Stopp der Wertpapier-KESt, auch das Gespenst einer Finanztransaktionssteuer müsse vom Tisch. Diese würde nicht nur dem Aktienmarkt, sondern auch der Realwirtschaft schaden. Man müsse weiters schauen, dass sich wieder Know-how am Wiener Finanzplatz ansiedle. Zu viele Österreich-Promoter seien verloren gegangen. Der außerbörsliche Handel bringt den ATX-Unternehmen vergleichsweise wenig. Die Wiener Börse sei aber einfach im Vergleich teuer. Das sind die Bausteine einer unschönen Entwicklung. Es muss dringend etwas passieren. Es ist fünf vor zwölf.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)

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