24.05.2013 20:01 Merkliste 0

Verantwortung nicht durch Volksabstimmungen ersetzen

OTHMAR KARAS (Die Presse)

Das wirkliche Problem der Demokratie ist nicht der Mangel an Abstimmungen, sondern die niedrige Wahlbeteiligung.

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Wie passt es zusammen, wenn die Bundesregierung mehr direkte Demokratie einführen will, andererseits eine Verkleinerung des Nationalrates anstrebt? Was helfen mehr Volksabstimmungen, wenn wir es in Österreich normal finden, dass der Nationalrat 95Prozent der Initiativen der Regierung einfach abnickt? Wie passt es zusammen, von der EU mehr Bürgernähe zu fordern, aber gleichzeitig die Bürgerkammer – das EU-Parlament – in die Entscheidungsprozesse nicht einbeziehen zu wollen? Demokratisierung und Nationalisierung schließen in der EU einander aus.

Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus. So heißt der erste Artikel unserer Verfassung. Das bedeutet nicht, dass die neueste Meinungsumfrage immer der beste Wegweiser für die Politik ist. Österreich und Europa sind repräsentative, parlamentarische Demokratien. Gut so. Wir brauchen nicht mehr Volksabstimmungen, sondern stärkere Parlamente und Politiker, die zum Dialog mit Bürgern fähig und Verantwortung zu übernehmen gewillt sind. Die Politik wäre glaubwürdiger, würde gelten: „Sag was du denkst, tu was du sagst!“

Der Nationalrat ist nicht die Abstimmungsmaschine der Regierung, sondern muss mehr als bisher die Stimme der Bürger werden. In der EU darf es keine europäischen Entscheidungen mehr ohne Beteiligung des EU-Parlaments geben. Manch ein Minister scheint ein grundlegendes demokratisches Prinzip vergessen zu haben: Die Regierungen dieser Welt sind den Parlamenten gegenüber verantwortlich – nicht umgekehrt. Als ich 1999 mit meiner Erfahrung als Nationalrat in das Europaparlament gewählt wurde, habe ich eine ganz neue Arbeitsweise kennengelernt: Das EU-Parlament ändert 95Prozent aller Gesetzesvorschläge.

Volksabstimmungen können ein wichtiges Entscheidungsinstrument bei wesentlichen Fragen sein. Es ist absolut richtig, die Stimme der Bürger im politischen Prozess zu stärken. Die Politik darf sich nicht vor Bürgern fürchten. Trotzdem: Unser Staatswesen baut darauf auf, dass Bürger Politikern einen Auftrag für eine Zeitperiode geben. Während dieser Zeit sind diese verantwortlich und müssen für ihre Arbeit geradestehen. Direkte Demokratie kann niemals die Verantwortung des gewählten Politikers ersetzen. Politiker, die über alles Volksabstimmungen abhalten wollen oder jedem Umfrageergebnis hinterherlaufen, drücken sich vor ihrer eigenen Verantwortung und dem direkten Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Das wirkliche Problem unserer Demokratie ist nicht der Mangel an Abstimmungen, sondern die niedrige Wahlbeteiligung. Was hilft eine Volksabstimmung, wenn sich zu wenige Bürger daran beteiligen? Wahlbeteiligung wird nur dann steigen, wenn die Bürgerkammern im politischen Prozess gehört werden und wenn wir glaubwürdige Politiker haben, die ihre Verantwortung wahrnehmen und dafür auch geradestehen – in Europa und zu Hause.
Othmar Karas (ÖVP) ist Vizepräsident des EU-Parlaments.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2012)

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9 Kommentare
Gast: Selbstdenker1967
30.07.2012 11:37
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"... sind diese [die Politiker] verantwortlich und müssen für ihre Arbeit geradestehen."

Wo stehen denn unsere Politiker für irgendetwas gerade??? Die Skandale der letzten Zeit zeigen es doch gerade: Die meisten laufen noch immer frei herum und bleiben vielfach auch noch auf ihren Sesseln kleben! Die niedrige Wahlbeteiligung ist auch ein Ausdruck dessen, dass die Wähler frustriert sind, denn man kann wählen was man will, man erhält immer Skandale und Lobbyismus, statt Reformen. Und wählen kann man gar nicht, was man will, denn es stehen ja kaum vernünftige Alternativen zur Verfügung: Wenn man eine seriöse Partei in der bestehenden Landschaft sucht, dann bleiben derzeit nur die Grünen, die man aber vielleicht auch nicht wählen will, weil sie die SPÖ noch links überholen. Andere Parteien bekommt man gar nicht zu wählen, teilweise, weil die etablierten Parteien die Eingangshürden immer weiter hinaufschrauben (z.B. die SPÖ in Wien), teilweise weil die Medien, so wie vieles andere auch, in den vergangenen Jahrzehnten Teil der Parteieinflusssphären geworden sind oder schon immer waren, und ihnen daher bestenfalls dann Beachtung schenken, wenn sie nicht anders können.
Sie plädieren in Ihrem Artikel für verantwortungsvolle Politiker, aber das Grundproblem gerade bei uns ist eben, dass es fast keine verantwortsvollen Politiker gibt. Somit bleibt kurz- und mittelfristig keine andere Möglichkeit als direkte Demokratie, bis Gesetze erlassen werden, die Politiker, wenn sie es nicht von selbst tun (und da habe ich keine Hoffnungen), zu verantwortungsvollen Handeln ZWINGEN.

Antworten Gast: Selbstdenker1967
30.07.2012 12:16
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"... sind diese [die Politiker] verantwortlich und müssen für ihre Arbeit geradestehen." 2

Zur Untermauerung meiner Behauptung, dass es fast keine verantwortungsvollen Politiker gibt:
Hr. Karas, es sind zwar nicht Sie, aber es ist gerade Ihre Partei, die besonders viel in Skandale des letzten Jahrzehnts verstrickt war! Aber statt dass hier endlich mal mit Rückgrat und entsprechendem Willen reiner Tisch gemacht wird, werden Akten hier zurückgehalten, da "verschlampt", dort geschwärzt, und versucht, mit einem zahnlosen Transparenz-Gesetz und einer parteiinternen Ethikübereinkunft abzulenken, die "Besserung" versprechen sollen. Warum erst in der Zukunft, warum räumt man den nicht mal mit der Vergangenheit auf?
Weitgehend Ähnliches gilt natürlich für die meisten anderen Parteien, daher: "fast keine...".


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Karas: " Während dieser Zeit sind [Politiker] verantwortlich und müssen für ihre Arbeit geradestehen."


Besagte "Verantwortung" ist einzig und allein mit dem Verlust des Mandates gedeckelt und somit lachhaft, wohingegen die Bürger die Folgen von Fehlentwicklungen immer und im vollen Umfang auszubaden haben.

Als Bürger alle heiligen Zeiten an der Wahlurne seinen bevorzugten Sachwalter zu bestimmen, ist hierbei definitiv kein Akt der Souveränität.

Drittens ist - frei nach Karl Popper - jenes politische System das beste, in dem selbst inferiore Figuren an der Macht nur geringen Schaden anrichten können. Davon wir zurzeit meilenweit entfernt und jedes innige Beschwören der politischen Verantwortung des Mandatars entpuppt sich als anmaßende und egoistische Sesselkleberei ohne jeden Blick fürs Gesamte.

Repräsentative und direkte Demokratie

Die Demokratie lebt vom „Miterleben, Mitgestalten und Mitverantworten“ des (qualitativ) „bedeutenderen Teils der Bürgerschaft“, der auch die zulänglichen Repräsentanten hervorbringt und in ihrer Tätigkeit konstruktiv kritisch unterstützt. Das aktive Volk und seine Repräsentanten haben überdies die Energie aufzubringen, unzulängliche Repräsentanten zeitweilig und die mangelhaften Teile der Bürgerschaft auch auf längere Dauer zu verkraften.

So wie die staatliche Gewaltenteilung die Erfüllung der jeweiligen Aufgaben und (unverkürzten) Verantwortungen kontrolliert zu gewährleisten hat, sind obendrein alle weiteren Gewalten – angefangen von den Interessenvertretungen und den Medien – in ihren Wirksamkeiten zu regeln. Feinde der Freiheit sind Zwänge und Willkür.

Direkt demokratische Einrichtungen können die repräsentativen zweifelsohne weder national noch übergeordnet ersetzen. Aber sie können und sollen einander wesentlich besser beigeordnet werden, als das heute in Österreich und in der EU der Fall ist.

Was die von Karas angesprochene „niedrige Wahlbeteiligung“ betrifft, ist gewiss viel zu tun. Allerdings kann auf die Schweiz hingewiesen werden, die schon länger mit Wahl- und Abstimmungsbeteiligungen unter 50 % auskommt.

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Re: Repräsentative und direkte Demokratie

Die niedrige Wahlbeteiligung sollte eher positiv gesehen werden, denn negativ. Denn es zeugt davon, dass nur diejenigen Bürger wählen gehen die sich auch wirklich für die Materie interessieren und damit auch befasst haben.

Ich sehe jedenfalls keinen Vorteil darin möglichst viele Leute zur Wahlurne zu treiben, die dann ohnehin nur irgendwo pauschal ein Kreuzerl für 5 Jahre bei der Partei machen die ihnen am erfolgreichsten vorgelogen hat.

Gast: 1. Parteiloser
26.07.2012 08:22
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Die Demoraktie ist kaputt, weil die gewählten Parteien - Personen der Verantwortung nicht nachkommen. Nur so konnte der Ruf nach Volksabstimmungen kommen!

Da hat sich über Dekaden eine Selbstbedienungsmentalität eingeschlichen, welche die Gesetzgebung zur Umverteilung in die eigenen Hoheitsgebiete missbraucht. Dass es um eine Verantwortung für die Menschen geht, das wird heute nicht einmal mehr ignoriert.

Daher haben wir in Österreich auch vorwiegend Interessensvertreter (=Lobbyisten) bei der Gesetzgebung. Diese wurden von "der Partei" zu diesen Zwecken zur Gesetzgebung entsandt.

Wie krank diese Demokratie in Ö schon geworden ist, das zeigt doch, dass der oberste Lobbyist von den Parteien erst abgemauschelt und dann zum 2. NR Präsi "gewählt" worden ist.

Weil aber alle Parteien gleich falsch (gegenüber Österreich) reagieren, Österreich aber ein Parteienwahlrecht hat, können die Österreicher demokratisch die dringend notwendigen Korrekturen nicht durchführen.

Das gleiche Phänomen greift irgendwie auch in ganz Europa um sich und hat auch vorwiegend unfähige Lobbyisten an Positionen der Entscheidungsträger gebracht.

Der demokratische Albtraum ist aber die EU Kommission, welche die Bürger ja niemals wählen konnten.

In allen Entscheidungsträgerpositionen sitzen doch nur noch Menschen aus den geschützten Bereichen, welche ein ganzes Leben mit prallen Budgets und auf Kosten der Mitmenschen bestritten haben. Diese Typen kennen nur die Planwirtschaft und machen daher auch nur Planwirtschaft und Plandemokratie. Alles nach eigene Plänen ohne Rücksicht auf den Willen der Menschen und ohne Rücksicht auf die Menschenrechte!

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Demokratiefeind Karas

"Österreich und Europa sind repräsentative, parlamentarische Demokratien. Gut so. Wir brauchen nicht mehr Volksabstimmungen, sondern stärkere Parlamente und Politiker, die zum Dialog mit Bürgern fähig und Verantwortung zu übernehmen gewillt sind."

Im Klartext: Nur nicht mehr direkte Demokratie. Denn das Volk stört die Parteibonzen die alles besser wissen nur bei ihren Hinterzimmermauscheleien, Lobbyismusgesetzgebungen und Speckmadenleben auf Kosten des Volkes. Politiker wie Karas sind Teil des Problems und klar als das zu benennen was sie sind: Demokratiefeinde!

Antworten Gast: tcs
26.07.2012 12:47
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Re: Demokratiefeind Karas

Gerald: haben Sie den Artikel überhaupt gelesen und wenn ja, auch verstanden? Herr Karas bringt es genau auf den Punkt. Noch so viel direkte Demokratie ist sinnlos, wenn die kranke politische Kultur in diesem Lande und Europa sich nicht zum Positiven ändert! Daran ist nichts demokratiefeindliches - im Gegenteil!
Gruß
TCS

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Re: Re: Demokratiefeind Karas

Ich habe es sehr wohl gelesen, Sie aber offensichtlich nicht verstanden.

An der kranken politischen Kultur ist wohl nicht das Volk schuld, denn es hat sowieso kaum Einflussmöglichkeiten. Man darf alle 5 Jahre pauschal sein Kreuzerl bei einer Partei machen die dieses Kreuzerl dann als Blankoscheck für alles verwendet.

Karas will dem Souverän seine Rechte (Artikel 1 Verfassung) vorenthalten, weil er die Vertretung (Politik) krank findet. Das ist und bleibt demokratiefeindlich, nichts anderes. Vor allem angesichts des eklatanten Missbrauchs dieses Blankoschecks in letzter Zeit für Vorhaben die nie im Leben die Zustimmung der Bevölkerung gefunden hätten (wie z.B. ESM) ist nur noch ein Schlag ins Gesicht und verdient das Wort Demokratie nicht mehr. Gegenwärtig ist die Republik Österreich höchstens eine Demokratur und Karas ein Demokratiefeind, Parteibonze und Teil des Problems.

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