Die Kunst erleuchtet die Welt. Aber sie tut es auf zwielichtige Weise. Sicher ist, dass sie uns in der Begegnung hinreißt und die Zeit vergessen lässt. Wir denken klar und fühlen stark, und noch nach Jahren erinnern wir uns an jene Momente, die uns den Atem verschlagen haben.
Vielleicht haben wir sogar die Erkenntnis vergessen, die uns damals plötzlich erfasst hat, aber dass da ein Licht war, welches aufflammte bis zum Horizont, das wissen wir noch und spüren es unter den Rippen. Von dieser Erinnerung lassen wir nie. Sie sagt uns: Es wird wieder geschehen. Und erneut werden wir dastehen, und die Kunst wird die Welt erleuchten.
Und doch tut sie es auf zwielichtige Weise. Hat sie sich nicht immer den Mächtigen angedient? Hat sie nicht immer Reiche beglückt und den Armen die Stehplätze überlassen? Ungezählte Werke betäubender Schönheit sind nur entstanden, um prahlerischen Herrschern die Illusion ihrer Unsterblichkeit zu verschaffen. Heute hat die Finanzindustrie die aristokratischen Höfe abgelöst. Erleuchtet die Kunst auch die Welt, wenn sie zur Absicherung gegen den röchelnden Euro in einem Banksafe liegt?
„Genie und Irrsinn“: Ein Bestseller
Aber die Künstler, sagt man, sind ganz anders. Man darf ihnen nicht die Geldgeber zum Vorwurf machen. Die Künstler sind reine Seelen. Hilflos gegenüber dem Treiben der Welt, leben sie einzig für ihr Werk, opfern sich dafür auf.
Gerade weil sie alles Menschliche mit grimmigen Griffen erfassen, ist den Künstlern selbst nichts Menschliches fremd, und die großen Seelen können auch kleinliche Zänker sein, eifersüchtig wie die Elstern. Das 19. Jahrhundert hat dieses Dilemma dramatisch gesteigert. Einerseits hat es die Künstler zu Heiligen stilisiert und Beethovens bekränzte Totenmaske an alle Salonwände gehängt, andererseits hat es die Schöpferkraft der Künstler dem Stachel verbrecherischer Antriebe, wüster Wünsche und geistiger Störungen zugeschrieben.
„Genie und Irrsinn“ hieß damals ein jahrzehntelanger wissenschaftlicher Bestseller. Noch Gottfried Benn stellte lange Listen zusammen mit Dichtern und Musikern, die Säufer waren, und in Thomas Manns „Tod in Venedig“ erscheint die Kunst als eine schimmernde Blüte, die aus giftigen Sümpfen steigt. Das sind nicht Kuriositäten aus vergangener Zeit, das verweist auf Probleme, die auch die unsrigen sind.
Doch was mache ich da? Nörgle ich bei einem Anlass, der die Künste feiert, an den Künstlern herum? Der Nörgler ist zwar eine ehrwürdige Figur der österreichischen Literatur, aber das kann ja keine Vorgabe sein für Festreden.
Was mich umtreibt ist die Tatsache, dass wir der Kunst nie ganz gewachsen sind. Sie erleuchtet die Welt, aber auf zwielichtige Weise, und dies nicht nur aus den erwähnten Gründen. Der tiefere Skandal liegt darin, dass die Kunst Verschwendung ist. Zum physischen Überleben brauchen wir sie nicht. Da steckt der Stachel.
Die Kunst tritt immer hinzu. Was der Mensch zum Überleben braucht sind Brot, Früchte und sauberes Wasser, und tatsächlich leben auf dieser Erde Abertausende, denen Brot und Früchte, denen besonders das Wasser fehlt. Das Einzige, was nirgendwo zu fehlen scheint, sind Kalaschnikows. Darf es denn überhaupt Kunst geben, den Überfluss schlechthin, solange es Menschen gibt, denen es an Brot und Früchten und sauberem Wasser fehlt? Steht die Kunst also in einem fundamentalen Widerspruch zur Gerechtigkeit?
Die Frage ist alt, und es gibt auch alte Antworten darauf, aber die Antworten sind so schwierig wie die Frage selbst. Eine Antwort steht im Neuen Testament. Da tritt eine Frau, die noch dazu von käuflicher Liebe lebt, zu Jesus und salbt ihm die Füße mit teurem Öl. Die Apostel protestieren: Wie vielen Armen hätte man helfen können mit dem, was die Hure hier verschwendet hat! Darauf sagt Jesus den Satz, der uns nicht weiterhilft: „Arme werdet ihr immer unter euch haben, mich aber werdet ihr nicht immer unter euch haben.“
Wenn ich mich an meine frommen Jahre erinnere, dann wurde darüber nur selten gepredigt. Die Theologen kennen sicher eine beruhigende Erklärung für die schwierige Stelle, für uns aber, hier und jetzt, ist nur das eine wichtig: dass da ein Akt der Verschwendung mit schroffer Entschiedenheit gerechtfertigt wird. Die Lust am Überfluss wird in dieser Szene aus dem zwingenden Bezug zur Ungerechtigkeit gelöst. Exemplarisch. Und tatsächlich ist es so, dass in allen Kulturen die Verschwendung weit mehr ist als ein zynischer Luxus der Besitzenden oder ein Einschüchterungsritual der Herrschenden. Sie ist ein Glücksfaktor für alle.
Denn auf der Verschwendung, dem kurzfristigen Genuss von Überfluss, beruht das Fest. Und ohne Feste kann keine Gemeinschaft leben, keine Familie, kein Dorf, keine Stadt, kein Land, kein Lebensalter und keine Berufsgruppe – wer weiß, ob nicht sogar die Ameisen ihre nächtlichen Orgien feiern. Denn der Gegensatz zum Fest ist nicht Armut, nicht Elend, sondern die Arbeit.
Aus der Arbeit, der täglichen Mühe, dem Ächzen an Werkbänken und Pulten, auf Traktoren und vor Bildschirmen, entspringt der Traum von den ganz anderen Tagen, welche reines Fest sind, Tanz und Feier, Karneval, gemeinsames Genießen und eben Verschwendung, Verschleuderung sogar in breiten Würfen. Wer dagegen antritt, tritt an gegen die menschliche Natur. Die Kunst und das Fest treffen sich also im Akt der Verschwendung. Wie es keine organisierte Gesellschaft gibt ohne Fest, gibt es auch keine organisierte Gesellschaft ohne Kunst. Kunst und Fest sind nicht identisch, aber in ihrem Wesen verwandt. Wer das Fest erforscht, stößt auf Dinge, die auch für die Kunst gelten und umgekehrt. Daher kann man vom einen auf das andere schließen.
Sigmund Freud hat das Fest bestimmt als die zeitweise Aufhebung des Verbotenen. Was sonst nicht gestattet ist, darf jetzt sein – in zeitlichen Grenzen, die oft auf die Sekunde genau gesetzt sind und streng überwacht werden. Wenn das stimmt, dann muss auch die Kunst an dieser Dynamik von Verbot und Willkür ihren Anteil haben. Das sieht man am deutlichsten an der Verschwendung. Insofern als die Kunst Verschwendung ist, hebt sie die Gebote der Askese auf, sei es im bürgerlichen oder im religiösen Sinn.
Die ignorierte Ökonomie
Dazu gehört auch, dass die Künstler die Regeln der Ökonomie oft maßlos missachten. Da schreibt einer zwei Jahre an einem Roman, dann verbrennt er das Manuskript, beginnt von vorn, verbrennt es wieder und schreibt schließlich etwas ganz anderes. Drei Jahre Arbeitszeit sind verschleudert.
Ein anderer bringt überhaupt nie einen Roman zu Ende; er hinterlässt nur drei Bruchstücke, das eine heißt „Der Process“, das zweite „Das Schloss“, das dritte „Der Verschollene“, und überdies befiehlt er, dass sie nach seinem Tod vernichtet werden. Welche Verschwendung von Lebenszeit! Doch das Gebot wird missachtet, die drei Zeugnisse des Scheiterns zählen plötzlich zu den vollkommensten Kunstwerken ihres Jahrhunderts.
Die Verwandtschaft der Kunst mit dem Fest macht deutlich, dass ihre innerste Mitte, die uns bald zwielichtig erscheint und bald abgründig, bald unerschöpflich, bald rätselhaft, ein Ereignis der Freiheit ist. Es speist sich aus einem Raum der aufgehobenen Verbote. Diese Freiheit jenseits der Gesetze pulsiert im Kunstwerk wie die Sexualität im Menschenleib. Sie ist, wie diese, immer uralt und brandneu, ein Ärgernis und ein Jubel, verstörend und – um mit dem schwierigsten Wort zu enden – schön.
Peter von Matt (*1937) ist Schweizer Germanist.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)















