Der Friede an unserer Alma Mater Rudolphina schien zuletzt gefährdet: Ihr Senat konnte im vergangenen Semester zeitweilig nur mehr unter starkem Polizeiaufgebot tagen. À qui la faute? (Wer hat Schuld? Anm.) Beim ersten Blick ist alles klar: Einige als „unnatürlich gewaltbereit“ qualifizierte Studierende haben sich mit Sachbeschädigungen und der Behinderung der Senatsmitglieder ins Unrecht gesetzt.
Doch kritische Teile der Kollegenschaft wagen einen zweiten Blick und erkennen hinter den Tumulten auch eine „Schlagseite“ rezenter Senatsentscheidungen, die auf einen düsteren Kontext verweisen: Im lichtgedämpften Büro des Senatsvorsitzenden verwundern kuriose Zeitreisen-Angebote in Hierarchiekonzeptionen einer universitären Vorvergangenheit. In der benachbarten und noch stärker abgedunkelten Studienpräseskanzlei kann man das monströse Wirken einer pharmazeutisch gefilterten Rechtskultur beobachten. Absolute Diskretion gilt für die nach Aufsichtsbeschwerde erforderlichen Korrekturmaßnahmen.
Sichtbar und wutbringend blieben drei Senatsbeschlüsse zurück: Zuerst kein dritter Prüfungsantritt in der Studieneingangs- und Orientierungsphase. Dann – anders als 13 schlaue Rektorate und Senate in Österreich – die Wiedereinführung der Rest-Studiengebühren vor Rechtsklärung ihrer Zulässigkeit. Zuletzt die Absegnung der Auflassung des Bachelorstudiums „Internationale Entwicklung“, der etwa ein einstimmiges Votum der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät zur Weiterführung entgegensteht. Die Einstellung eines einmaligen innovativen Studienangebots wegen „übergroßer internationaler Nachfrage“?
Die Zukunft der Universität Wien wird auch von ihrem neuen Organisationsplan abhängen, an dem das Rektorat bereits arbeitet. Fakultätskonferenz und Studienkonferenz könnten nach ihrer Knebelung durch die Professorenkurie des Senats wieder aufgewertet werden. Die Abschaffung einer weltweiten Einzigartigkeit eingeschlossen: Nur bei uns sind Auskunftspersonen zugleich Vorsitzende jener Gremien, denen sie Auskunft erteilen müssen. Eine kleine, aber nur beschränkt feine Idee der stets um „Alleinstellungskriterien“ bemühten Professorenkurie – durchgesetzt gegen alle anderen Gruppen im Senat.
Da kann schon einmal passieren, dass sich die Gesichtszüge eines als „Auskunftsperson“ noch freundlich Auskünfte erteilenden Kollegen nach einer kritischen Anfrage plötzlich verhärten – und dieser schließlich als wütender „Vorsitzender“ die Sitzung ganz einfach auflöst.
Wie soll da der wissenschaftliche Nachwuchs noch Lust auf Gremienarbeit verspüren?
Auch die Studienkonferenzen bedürfen ihrer deutlichen Aufwertung. Selbst die Studierenden würden eine gremiale Drittelparität akzeptieren und auf die seinerzeit geschenkte Semiparität – die allerdings nach Insidermeinung mit einem guten Tortenschuss „erworfen“ wurde – verzichten, falls dort wieder curriculare Planungen stattfinden und Mitspracherechte gestärkt werden. Der Qualitätssicherung schulden wir, dass dort auch wieder die Qualifikation der Lehrenden beraten und kontrolliert wird.
Doch alle Reformschritte bedürfen noch eines vorbereitenden Eingriffs: ihrer definitiven Abnabelung von den Rektorats- und Senatsvorgaben der Vergangenheit.
Im schweren Traum einer Gewitternacht vor drei Wochen vermeinte ich, Ex-Rektor Winckler politisches Liedgut „mit Engls-Zungen“ zum Besten geben zu hören. Der düstere Background wurde von einem grölenden Senatschor geliefert, der Polizeischutz angefordert hatte. Eine Nacht hochschulpolitischen Grauens, die sich seither glücklicherweise nicht mehr wiederholt hat. Ich hoffe, es bleibt dabei.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)















