20.06.2013 14:23 Merkliste 0

Unpopulär, aber unentbehrlich: Die Kontrollmacht der Medien

ENGELBERT WASHIETL (Die Presse)

Journalisten haben einen wundervollen Beruf. Sie dürfen ohne protokollarische Rücksichten aussprechen, was Experten sich schweigend denken.

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In Österreich geschieht ein Wunder. In einem prall gefüllten Lager von Verdachtsfällen politischer Korruption reißt ein einziger Sack auf und rinnt zwischen 12. und 26. Juli aus. Steuerberater Dietrich Birnbacher liefert vor Gericht ein Geständnis in Fortsetzungen und zieht den Kärntner VP-Chef Josef Martinz ins wohlverdiente Verderben.

Auf die erste Tranche der Neuigkeiten reagiert „Die Presse“ noch unterkühlt und titelt, das „Geständnis wirft Fragen auf“. Das müsste sie nicht eigens betonen, denn Fragen nach möglicher Parteifinanzierung wurden schon jahrelang gestellt. Tags darauf ermannt sich die Zeitung und breitet das Schlamassel öffentlich aus: „Causa Birnbacher wird Justizskandal“. Wenn man bedenkt, dass die Ermittlungen gegen Birnbacher vier Jahre dauerten und auch schon eingestellt worden waren, dann kann man die Rolle der Medien als öffentliche Kontrolleure gar nicht hoch genug einschätzen. Sie haben die dubiosen Vorgänge um ein Gutachten Birnbachers immer wieder gewendet und gedreht, obwohl die Justiz die Aktendeckel schon geschlossen hatte.

Jetzt sind notorische Nehmer und Lügner doch in die Knie gegangen. Einfach ist diese Aufgabe nicht und schon gar nicht populär. Leute, die diesmal noch knapp davongekommen sind, sprechen schon wieder von „Menschenhatz“.

Dass personelle Folgewirkungen im Aufmachertitel als „Brudertwist im Hause Scheuch“ bezeichnet werden, ist weder klassisch noch richtig. Ein Familienclan etabliert sich in der Politik.

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Die „Presse am Sonntag“ nimmt einen lobenswerten Anlauf und macht auf den Verfall der regionalen Feinheiten im österreichischen Deutsch aufmerksam. „Dagegen lässt sich Widerstand leisten“, sagt der Kommentator völlig richtig. Eltern und Lehrer sollten in die Pflicht genommen werden, damit Ribiseln, Paradeiser, Bub und Zündholz sprachlich überleben. Vielleicht könnte sich die Zeitung auch selbst in die Pflicht nehmen, denn Printmedien sind hinter der oft dämlichen Werbesprache („lecker!“) die Zweiten, die den Sprachschatz regionaler Besonderheiten aushöhlen.

Bei der Gelegenheit frage ich gleich nach, warum schon wieder „Schuleschwänzen“ statt „Schulschwänzen“ in der Zeitung steht, und auch „Flickenteppich“ statt „Fleckerlteppich“. Was bedeutet in einem Artikel über die Steuerfahndungsmethoden Nordrhein-Westfalens das Wort „klamm“: „[. . .] soll das klamme Bundesland 3,5 Mio. Euro für die Daten bezahlt haben“, steht da (16.5.).

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Manches steht nicht da, beispielsweise die Gewichtsangabe in folgendem Satz: „So ergab eine Studie der Wiener Tafel zusammen mit dem VKI und der Arge Bäuerinnen im Vorjahr, dass hierzulande jedes Jahr 96.000 genießbare Lebensmittel weggeworfen werden.“ Es handelt sich um Tonnen.

Ab und zu irren Reste der stilistischen Bearbeitung wie Satellitentrümmer durch den Raum: „Einer Umfrage der Wirtschaftskammer Wien zufolge zeigt aber, dass viele Konzerne [. . .]“ (24.7.)

Manchmal steht Irak statt Iran im Bildtext: „Russisches Öl ist nach dem Irak-Embargo wieder sehr gefragt.“

Die „Haftungsbombe“ Österreichs liegt leider nicht bloß im dreistelligen Millionenbereich, wie im Bildtext behauptet wird, sondern im Milliardenbereich (28.7.).

Immer wieder kommt es vor, dass der nur von Journalisten praktizierte Platztausch von Subjekt und Objekt den Sinn ins Gegenteil verkehrt: „Die Fassade des Parkhauses donaumarina am Handelskai ziert nun ein Schüttbild von Hermann Nitsch.“ Nein, nicht die Fassade ziert das Nitsch-Bild, sondern dieses die Fassade.

„Die Medien spiegeln demnach die Gesellschaft wieder“ – und leider auch deren orthografisches Niveau. „Das „wider“ drückt keine Wiederholung aus und hat hier kein ie.

„Es war eine Mutprobe zweier junger Männer, die einem Urlauber aus Tschechien das Leben gekostet hat.“ Die Mutprobe hat den Urlauber das Leben gekostet – Akkusativ.

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Der Leitartikel „Gestatten, selbstständig, wo darf ich bezahlen?“ baut verdienstvollerweise auf Faktenwissen auf, sodass sich die Moral von der Geschicht' ganz allein ergibt: Die Selbstständigen werden durch die Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft „ausgenommen wie Weihnachtsgänse“ (23.7.). Die doppelseitige Reportage am Sonntag darauf bestätigt die sozialpartnerschaftliche Verantwortungslosigkeit.

In derselben Ausgabe wird kritisiert, dass „Wall Street Journal“, „NZZ“, „Spiegel“ und „kleinste Provinzblätter“ einer britischen Studie Beachtung schenken, derzufolge die Superreichen 32 Billionen Dollar Schwarzgeld vor der Steuer verstecken. „Die Presse“ wird nicht genannt, hätte aber auch rangmäßig gut in die Reihe gepasst, denn in ihr ist die Story unter dem Titel „32 Billionen Dollar in Steueroasen?“ nachzulesen (25.7.).

Die inhaltslose und deshalb unglaubwürdigste Kurzmeldung des Monats lautet: „Jeder Zweite arbeitet auch im Urlaub.“ Vielleicht weil jeder Dritte „das Handy stets dabei“ hat?

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Das vierseitige „Dossier Ukraine“ (26.7.) führt in eine uns Österreichern fremde Welt. Die Illustration auf der Titelseite wirkt aber so künstlich und aussagelos, dass die Redaktion auch im Bildtext wenig damit anzufangen weiß. Unter dem attraktiven Großpostkartenfoto mit prächtigen Wolken über Zwiebeltürmen bietet sie ein Stück prophetischer Literatur: „Die politische Großwetterlage in der Ukraine ist momentan unbeständig – ob es nach der Parlamentswahl im Herbst zu Gewittern kommt, wird sich noch weisen.“ Wir werden den Wetterbericht verfolgen.

Zu klein darf ein Foto aber auch nicht sein. In der Wiener Grätzl-Reportage werden mehrere Fluchten moderner Wohnblöcke auf eineinhalb Spalten zusammengequetscht. Auf den ersten Blick glaubt man, in eine Sonderausstellung für Kühlvitrinen geraten zu sein.

Manche Fotos haben das Problem, dass sie nicht altern können, man kennt das von den traurigen, aber jederzeit wiederverwendbaren Bildern hungernder afrikanischer Kinder. In der aufgeregten Beschneidungsdebatte scheint dank der „Presse“ ein Foto, das kurz hintereinander im Hauptblatt (21.7.) und im „Spectrum“ (28.7.) großen Raum einnimmt, den Beginn einer hoffnungsvollen Verwertungskette einzuleiten. Kein Wunder, die abgebildete Gruppe namenloser und teils mit rituellen Gewändern bekleideter Menschen ähnelt frappant den zahlreichen Gemälden und Flügelaltären zum Thema „Beschneidung Jesu“, passt also zeitlos zu Beschneidungen in allen Jahrhunderten. Am 30.7. wird schon wieder ein Ausschnitt davon in der Zeitung abgedruckt. Man sollte im Fotoarchiv den Vermerk „zuletzt verwendet am . . .“ anbringen, denn Leser haben manchmal ein besseres Gedächtnis als Redakteure.

In Warschau werden 4000 Fotos von Marilyn Monroe versteigert. Es muss sich um lebendige Aufnahmen handeln, denn die Bilder werden demnächst „zur Auktion schreiten“ (23.7.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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3 Kommentare
Gast: Valentin Bählamm
05.08.2012 19:14
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Die Sorgen möcht ich haben!

Dieses ewige Gejeiere um eine sogenannte Identität nervt langsam. Glaubt irgend jemand, dass es uns besser geht, dass wir mehr lesiten, dass wir anerkanntersind, dass wir mehr Bildung haben oder dass wir mehr verdienen, wenn wir mehr Identität haben und und Austriazismen befleissigen?

Gast: mir reichts
04.08.2012 09:00
1 0

die kontrollmacht der medien?

eher die kontrolle durch die parteien.

auch sehr mutig von den medien, die opposition anzuschütten.

bei den skandalen der regierungsparteien ist man fein still. sonst wäre die presseförderung und die inseratenvergabe in gefahr.

was ist aus dem wahlbetrug der wr. spö bei der letzen gemeinderatswahlen geworden? die grünen wollten die wahl doch anfechten, solange, bis sie koaltitionspartner geworden sind.

darüber brüllendes stillschweigen der medien.

Re: die kontrollmacht der medien?

die ÖVP ist demnach keine Regierungspartei?

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