Spätestens seit dem Urteil gegen Heinz Jungwirth liegt es an den Führungskräften im österreichischen Sport, ihre eigene – zuletzt auch von Olympia-Athleten geforderte – „Professionalisierung“ in die Hand zu nehmen. Eine Profession mit ethischen Standards und geregelter Aus- und Weiterbildung zu werden bedeutet übrigens nicht zwingend Verberuflichung oder Abwertung des Ehrenamtes. Jungwirth zum Sündenbock zu machen greift jedenfalls zu kurz, dazu ist seine persönliche Entwicklung und langjährige zentrale Stellung im österreichischen Sport viel zu symptomatisch.
Der Ruf nach strengerer Kontrolle der Sportfunktionäre wird noch lauter werden. Hoffentlich setzt sich bei der Sportförderung „accountability for performance“ als Leitgedanke durch, also dass es um die erreichten Ergebnisse und nicht allein um eine saubere Buchhaltung geht.
Wir lassen Chancen liegen
Richtig traurig ist, welche Chancen wir im Sport liegen lassen. Und damit ist nicht die eine oder andere Medaille bei den Olympischen Spielen in London gemeint, sondern die durch Korruption (einschließlich Doping) geminderte Legitimität des in Verbänden und Vereinen organisierten Sports, zum Gemeinwohl beizutragen.
Auf dem Spiel steht immerhin, dringend benötigte Möglichkeiten für Sport und Bewegung einem wesentlich höheren Bevölkerungsanteil als bisher zugänglich zu machen. Derzeit betätigt sich in Österreich rund ein Drittel der Bevölkerung mindestens einmal wöchentlich sportlich im weitesten Sinne, in Skandinavien ist dieser Wert doppelt so hoch. Zudem lebt ein Drittel der Österreicher weitgehend bewegungsabstinent.
Neue Zielgruppen zu erreichen ist ambitioniert und gelingt wohl am ehesten in Partnerschaft von öffentlicher Hand, dem organisierten Sport sowie der Privatwirtschaft. Bedeutet es doch, sich beispielsweise mit Bewegungsanteilen in der ganztägigen Betreuung in Bildungseinrichtungen ebenso wie mit den Bedürfnissen alter Menschen auseinanderzusetzen. Überhaupt sind die Themen Ernährung und soziale Einbettung zentral.
Komplexe Zuständigkeit
In den drei Dachverbänden werden derzeit rund 2,8 Millionen und in den Fachverbänden 1,8 Millionen Mitgliedschaften gezählt. Der Organisationsgrad in der Bevölkerung dürfte aufgrund der Mehrfachmitgliedschaften bei rund einem Sechstel liegen.
Ein deutlicher Ausbau der Leistungen träfe den organisierten Sport, vor allem aufgrund der begrenzten Kapazitäten der Mitarbeiter sowie der zur Verfügung stehenden Infrastruktur, unvorbereitet. Wahrscheinlich würden jedoch konventionelle Angebote ohnehin nicht dem neuen Bedarf gerecht werden.
Die Finanzierung des organisierten Sports durch den Staat ist zuletzt bereits stark angestiegen. Nach einer Schätzung des Bundeskanzleramtes aus 2009 werden in Österreich jährlich 500 Millionen Euro Sportförderung im engeren Sinne vergeben. Jeweils 100 Millionen Euro wurden bei Bund und Ländern sowie 300 Millionen Euro bei den Gemeinden vermutet. Der Rechnungshof kritisiert seit Jahren mangelnde Wirkungsorientierung.
Im Klartext heißt das, es werden keine politisch-strategischen Ziele vereinbart und auch nicht, wie diese konkret erreicht werden sollen. Der organisierte Sport beruft sich wie in der aufflammenden Debatte um das Bundes-Sportförderungsgesetz 2013 auf seine Autonomie (bisher gesetzlich festgelegter Verteilungsschlüssel) und die Gebietskörperschaften wollen sich nicht in die Karten schauen lassen.
Als Bundespolitiker im Sport zu gestalten ist auch deswegen so schwierig, weil die Zuständigkeit gemäß Verfassung bei den Ländern liegt und zudem ein Großteil der öffentlichen Mittel auf der kommunalen Ebene eingesetzt wird. Die Transparenzdatenbank erfasst bisher ausschließlich die Förderungen des Bundes – dabei übrigens nicht die angestrebten Wirkungen bzw. konkrete Projekte – und ist somit zur Vermeidung unbeabsichtigter Mehrfachförderung noch nicht geeignet.
Auf der Ebene des Ortsvereines ist die Abhängigkeit von der Bundessportförderung am geringsten bzw. der Eigenfinanzierungsgrad am höchsten, im Spitzensport der Verbände ist es genau umgekehrt. Strukturell bei Sport und Bewegung etwas weiterzubringen bedeutet jedoch gerade, die Länder und Gemeinden in Sachen Weiterentwicklung und Ausbau des Angebotes zu koordinieren.
Fördergeber abstimmen
Ein neuer Zugang könnte sein: Durch den Staat werden – für alle Ebenen einheitlich beschriebene – Leistungen der Fördernehmer finanziert. Der Fördergeber trifft die Letztentscheidung über die Prioritäten, stimmt sich jedoch mit anderen Fördergebern und den Fördernehmern ab. Partnerschaften der Sportorganisationen untereinander oder mit Unternehmen werden intensiviert. Kontrolle zielt primär auf die erreichten Ergebnisse ab, untersucht was inhaltlich geleistet wurde, also beispielsweise wie viele Bewegungsstunden einer bestimmten Qualität.
Erst sekundär geht es um die Einhaltung von Mindeststandards im Rechnungswesen. Der Verwaltungsaufwand für die Vereine wird gering gehalten, das Regelwerk radikal vereinfacht. Und noch etwas: Neue Wege zu gehen wird belohnt, ein anfänglicher Misserfolg auch einmal toleriert.
Markus Redl (38), studierte Sportwissenschaft an der Universität Wien sowie an der Harvard Kennedy School of Government. Er führt Skigebiete für das Land Niederösterreich und lehrt Sportmanagement an der IMC-Fachhochschule Krems.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)















