19.06.2013 01:25 Merkliste 0

Vergebene Chancen vom Landesgericht bis London

MARKUS REDL (Die Presse)

Die erstinstanzliche Verurteilung von Heinz Jungwirth stellt in der österreichischen Sportpolitik eine Zäsur dar. Debatten über strengere Kontrolle drehen sich aber nur um rechnerische Richtigkeit, nicht um Inhalte.

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Spätestens seit dem Urteil gegen Heinz Jungwirth liegt es an den Führungskräften im österreichischen Sport, ihre eigene – zuletzt auch von Olympia-Athleten geforderte – „Professionalisierung“ in die Hand zu nehmen. Eine Profession mit ethischen Standards und geregelter Aus- und Weiterbildung zu werden bedeutet übrigens nicht zwingend Verberuflichung oder Abwertung des Ehrenamtes. Jungwirth zum Sündenbock zu machen greift jedenfalls zu kurz, dazu ist seine persönliche Entwicklung und langjährige zentrale Stellung im österreichischen Sport viel zu symptomatisch.

Der Ruf nach strengerer Kontrolle der Sportfunktionäre wird noch lauter werden. Hoffentlich setzt sich bei der Sportförderung „accountability for performance“ als Leitgedanke durch, also dass es um die erreichten Ergebnisse und nicht allein um eine saubere Buchhaltung geht.

 

Wir lassen Chancen liegen

Richtig traurig ist, welche Chancen wir im Sport liegen lassen. Und damit ist nicht die eine oder andere Medaille bei den Olympischen Spielen in London gemeint, sondern die durch Korruption (einschließlich Doping) geminderte Legitimität des in Verbänden und Vereinen organisierten Sports, zum Gemeinwohl beizutragen.

Auf dem Spiel steht immerhin, dringend benötigte Möglichkeiten für Sport und Bewegung einem wesentlich höheren Bevölkerungsanteil als bisher zugänglich zu machen. Derzeit betätigt sich in Österreich rund ein Drittel der Bevölkerung mindestens einmal wöchentlich sportlich im weitesten Sinne, in Skandinavien ist dieser Wert doppelt so hoch. Zudem lebt ein Drittel der Österreicher weitgehend bewegungsabstinent.

Neue Zielgruppen zu erreichen ist ambitioniert und gelingt wohl am ehesten in Partnerschaft von öffentlicher Hand, dem organisierten Sport sowie der Privatwirtschaft. Bedeutet es doch, sich beispielsweise mit Bewegungsanteilen in der ganztägigen Betreuung in Bildungseinrichtungen ebenso wie mit den Bedürfnissen alter Menschen auseinanderzusetzen. Überhaupt sind die Themen Ernährung und soziale Einbettung zentral.

 

Komplexe Zuständigkeit

In den drei Dachverbänden werden derzeit rund 2,8 Millionen und in den Fachverbänden 1,8 Millionen Mitgliedschaften gezählt. Der Organisationsgrad in der Bevölkerung dürfte aufgrund der Mehrfachmitgliedschaften bei rund einem Sechstel liegen.

Ein deutlicher Ausbau der Leistungen träfe den organisierten Sport, vor allem aufgrund der begrenzten Kapazitäten der Mitarbeiter sowie der zur Verfügung stehenden Infrastruktur, unvorbereitet. Wahrscheinlich würden jedoch konventionelle Angebote ohnehin nicht dem neuen Bedarf gerecht werden.

Die Finanzierung des organisierten Sports durch den Staat ist zuletzt bereits stark angestiegen. Nach einer Schätzung des Bundeskanzleramtes aus 2009 werden in Österreich jährlich 500 Millionen Euro Sportförderung im engeren Sinne vergeben. Jeweils 100 Millionen Euro wurden bei Bund und Ländern sowie 300 Millionen Euro bei den Gemeinden vermutet. Der Rechnungshof kritisiert seit Jahren mangelnde Wirkungsorientierung.

Im Klartext heißt das, es werden keine politisch-strategischen Ziele vereinbart und auch nicht, wie diese konkret erreicht werden sollen. Der organisierte Sport beruft sich wie in der aufflammenden Debatte um das Bundes-Sportförderungsgesetz 2013 auf seine Autonomie (bisher gesetzlich festgelegter Verteilungsschlüssel) und die Gebietskörperschaften wollen sich nicht in die Karten schauen lassen.

Als Bundespolitiker im Sport zu gestalten ist auch deswegen so schwierig, weil die Zuständigkeit gemäß Verfassung bei den Ländern liegt und zudem ein Großteil der öffentlichen Mittel auf der kommunalen Ebene eingesetzt wird. Die Transparenzdatenbank erfasst bisher ausschließlich die Förderungen des Bundes – dabei übrigens nicht die angestrebten Wirkungen bzw. konkrete Projekte – und ist somit zur Vermeidung unbeabsichtigter Mehrfachförderung noch nicht geeignet.

Auf der Ebene des Ortsvereines ist die Abhängigkeit von der Bundessportförderung am geringsten bzw. der Eigenfinanzierungsgrad am höchsten, im Spitzensport der Verbände ist es genau umgekehrt. Strukturell bei Sport und Bewegung etwas weiterzubringen bedeutet jedoch gerade, die Länder und Gemeinden in Sachen Weiterentwicklung und Ausbau des Angebotes zu koordinieren.

 

Fördergeber abstimmen

Ein neuer Zugang könnte sein: Durch den Staat werden – für alle Ebenen einheitlich beschriebene – Leistungen der Fördernehmer finanziert. Der Fördergeber trifft die Letztentscheidung über die Prioritäten, stimmt sich jedoch mit anderen Fördergebern und den Fördernehmern ab. Partnerschaften der Sportorganisationen untereinander oder mit Unternehmen werden intensiviert. Kontrolle zielt primär auf die erreichten Ergebnisse ab, untersucht was inhaltlich geleistet wurde, also beispielsweise wie viele Bewegungsstunden einer bestimmten Qualität.

Erst sekundär geht es um die Einhaltung von Mindeststandards im Rechnungswesen. Der Verwaltungsaufwand für die Vereine wird gering gehalten, das Regelwerk radikal vereinfacht. Und noch etwas: Neue Wege zu gehen wird belohnt, ein anfänglicher Misserfolg auch einmal toleriert.


Markus Redl (38), studierte Sportwissenschaft an der Universität Wien sowie an der Harvard Kennedy School of Government. Er führt Skigebiete für das Land Niederösterreich und lehrt Sportmanagement an der IMC-Fachhochschule Krems.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)

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7 Kommentare
Gast: eslebederspott
06.08.2012 16:38
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danke!

Typisch österreichisches Schicksal, der Sport. Da werden Unmengen an Geld hineingebuttert und das Ergebnis bleibt mager, wie bei der Bildung usw. Aber der durchschnittliche Österreicher, der möglichst schnell in Pension GEHEN möchte, hat gar kein Interesse daran, sich oder gar ETWAS zu bewegen, Hauptsache gemütlich und bequem von den Zuschauerrängen meckern! Dass hier wieder der Bund Geld zur Verfügung stellt, damit die kleinen und großen Landesfürsten etwas verteilen können (und erst recht nichts weitergeht!), ein weiterer Beweis für die aussichtslose Lage in diesem Land.

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Was soll der Sport?

Nichts gegen Sport, aber der Sport ist nicht eine conditio sine qua non für einen Staat. Es gibt wichtigers als die Sportförderung. Primär iist und sollte derSport eine private Angelegenheit sein. Wer glaubt, dass er als Athlet sich verwirklichen muss, soll es tun, aber nicht über steuergeldliche Fördermittel. Mit der Teilnahme an Olympia ändert sich eigentlich nichts für Österreich. Arbeiten dann die Menschen mehr, bekommen Sie mehr Lohn. Gibt es dadurch mehr und bessere Bildung und Arbeitsplätze?
Aber es ist die billigste Art für Politiker sich beliebt zu machen.

Antworten Gast: wina
06.08.2012 16:32
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Re: Was soll der Sport?

Typisch österreichische Ansicht: "za wos brauch ma des"? Dass ein Land auch über seine Spitzensportler und deren Leistungen definiert wird, scheint sich da wohl nicht durchgesprochen zu haben. Geschweige denn, dass eine ganze Ausrüstungsindustrie von ihren "Aushängeschildern" lebt!

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Panem et circenses - cui bono

Können Sie mir bitte erklären, was es brfingt, wenn wir uns als Sportnation definieren?
Sind wir dann gescheiter, gebildeter, vermögender und angesehener?
Gibt es dann mehr zum Beissen, zum Denken, zum Erfinden?

Haben Sie sich schon überelgt, wem Spielezirkus nützen soll?

Antworten Antworten Antworten Gast: wina
06.08.2012 20:34
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Re: Panem et circenses - cui bono

das ist so lächerlich, dass man drauf gar nicht antworten kann. Genauso könnte man kulturelle Aktivitäten, Architektur, Vereine etc. in Frage stellen...
Es gibt unendlich viele Menschen, die aus welchen Motiven auch immer, für (und VOM/VON!!!!) Sport, Kunst, Blumen, Fotografieren usw. leben. ZUm Glück kann man in unserer schönen Gegend (durch die die meisten von uns zufällig hineingeraten sind) sich um "unwichtige" Dinge kümmern und muss nicht ums nackte Überleben, sauberes Wasser, etc. kämpfen!

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Valentin Bählamm
06.08.2012 21:32
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Sport und sonst ?

Wie stellen Sie sich ein Gemeinwesen vor, dessen Grundlage nur auf Sport beruht. Wenn Sie in eine Voksschule oder in einen Kindergarten gehen und die Kinder nach ihren Berufsvostellungen fragen, so werden Ihnen ausschließlich Sportarten als Beruf genannt. Die lieben Kleinen wollen Fussballer, Tennisspieler oder Bergsteigerin werden. Alles supernotwendige Brotberufe 1

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: wina
07.08.2012 13:55
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Re: Sport und sonst ?

Das ist ein Witz oder? Wo gibt es etwas ausschließliches? Wenn ALLE Installateure, Ärzte etc lernen möchte, was wäre DAS dann? Ein Gemeinwesen lebt doch von der Vielfalt, von den Gscheiterln, den Vernünftigen, den Verrückten usw. ?!!
Letzter Versuch: Wieviele Menschen leben wohl von Aktivitäten, die in irgendeiner Weise mit Sport zu tun haben? Wirte, Sportstättenbauer, Geräteerzeuger, Seilbahnbetreiber etc. Wie arm wäre das Leben, wenn es nur die "sinnvollen" Hackler geben würde, selbst die sehen gern Spiele welcher Art auch immer, laufen selbst gern etc.
Das wars von dieser Seite zu einem offensichtlichen Sommerthema...

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