25.05.2013 06:31 Merkliste 0

Romney versus Obama: Der Kampf um Churchills Büste

IAN BURUMA (Die Presse)

Debatte um das angelsächsische Erbe: Sind die Beziehungen zwischen den USA und Großbritannien „besondere“?

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Die Wahl des nächsten Präsidenten der USA ist mit Sicherheit der wichtigste politische Wettstreit in der demokratischen Welt. Doch die Themen, um die dabei gestritten wird, können entsetzlich trivial erscheinen. Man denke etwa an die Frage von Winston Churchills Büste.

Eine Bronzeskulptur dieses britischen Premierministers hatte seit den 1960er-Jahren im Oval Office des Weißen Hauses gestanden. Nach seiner Amtsübernahme ersetzte Barack Obama sie durch eine Büste Abraham Lincolns. Mitt Romney, sein republikanischer Gegenkandidat bei den Wahlen im November, hat geschworen, die Churchill-Skulptur im Falle eines Wahlsieges wieder aufstellen zu lassen. Daraufhin merkte ein Sprecher des Weißen Hauses an, dass die Büste nach wie vor dort sei, nur in einem anderen Zimmer, woraufhin die Geschichte eine weitere Änderung erfuhr: Es gab anscheinend zwei Büsten Churchills, eine, die nach wie vor im Weißen Haus ist, und eine, die Obama an die britische Botschaft zurückgeben ließ.

Warum sollte dies irgendjemanden interessieren? Eine Antwort auf diese Frage lieferten zwei von Mitt Romneys Beratern, die erklärten, dass ihr Kandidat die „besondere Beziehung“ zu Großbritannien aufgrund des gemeinsamen „angelsächsischen Erbes“ besonders wertschätze. Der derzeitige Präsident, so behaupteten sie, wüsste dieses Erbe nicht ausreichend zu schätzen.

 

Negativer Gebrauch in Frankreich

Als sich diese bizarre Aussage mit ihren rassistischen Untertönen zu einem Skandal auszuweiten drohte, distanzierte sich Romney selbst schnell davon. Er wollte nicht als Rassist angesehen werden. Doch wie anders lässt sich diese merkwürdige nostalgische Überhöhung der Churchill-Büste verstehen?

Tatsächlich ist die Formulierung „angelsächsisch“ in den USA, wo die Bevölkerungsmehrheit (wie übrigens auch in den britischen Großstädten) schon längst nicht mehr angelsächsischen Ursprungs ist, nur noch selten zu vernehmen. Wenn die Amerikaner diesen Begriff verwenden, dann normalerweise, um zwischen den weißen Amerikanern und den übrigen zu differenzieren – was die meisten Amerikaner, und vor allem die Präsidentschaftskandidaten, derzeit in der Öffentlichkeit aber nicht tun würden.

Häufiger wird „angelsächsisch“ von den Franzosen in einem negativen Sinne gebraucht, so wie in „angelsächsische Banker“ oder „angelsächsische Verschwörungen“ (um die Franzosen klein zu halten). Erst kürzlich gab es in „Le Monde“ die wunderbare Schlagzeile „[Ministerpräsident] Hollande verteidigt französische Foie gras gegen angelsächsische Lobbys“ (ein Verweis auf Kaliforniens Verbot von Foie gras im Rahmen seiner Tierschutzgesetzgebung).

Sogar Churchill selbst sprach selten von den Angelsachsen. Er redete über „die britische Rasse“ oder die „Englisch sprechenden Völker“. Die sogenannte „besondere Beziehung“ zwischen Großbritannien und den USA, die Churchill eindeutig hoch schätzte, war weniger rassisch determiniert als ein Produkt des Zweiten Weltkrieges – und zwar ein ziemlich kompliziertes.

Während des Krieges teilten Churchill und Roosevelt die Vorstellung, dass nach einem Sieg über Deutschland und Japan die Streitkräfte Großbritanniens und der USA als Weltpolizei fungieren sollten. Sie waren der Ansicht, dass die Welt vor zukünftigen Hitlers sicher sein würde, wenn sie zumindest für einige Zeit unter der aufgeklärten Führung der demokratischen Englisch sprechenden Völker stünde.

 

Erschöpfter Weltpolizist

Am Ende des Krieges freilich war Großbritannien zu erschöpft, um die Rolle des Weltpolizisten zu übernehmen. Das Land war bankrott, und die kolonialen Untertanen seiner Majestät wurden zunehmend widerspenstig. Die Zukunft gehörte den USA und der Sowjetunion, die beide keinerlei sentimentale Gefühle in Bezug auf das britische Empire hegten, von den „Angelsachsen“ gar nicht zu reden.

Die britische Elite jedoch, die sich des Niedergangs ihres Landes sehr bewusst war, nahm die „besondere Beziehung“ zu den USA sehr ernst, denn sie allein gab den Briten das Gefühl, dass sie – anders etwa als Frankreich – noch immer eine Großmacht seien. Und sie empfinden noch heute so. Nicht nur Churchill sah es mit Sicherheit so, sondern auch Tony Blair, der Präsident George W. Bush die zweite Churchill-Büste überreichte.

Die Amerikaner haben im Großen und Ganzen sehr viel weniger Interesse an der „besonderen Beziehung“ als die Briten. Aber für Churchill hegen sie häufig sentimentale Gefühle. Er ist der Mann, dem viele amerikanische Präsidenten gern nacheifern würden, nicht wegen irgendwelcher rassischen Affinitäten, sondern aufgrund seiner Strahlkraft als Anführer in Kriegszeiten. Die USA sind die stärkste Militärmacht der Welt, ganz so, wie es Großbritannien in Churchills Jugend war. Und wie die Baumeister des britischen Empires in der Vergangenheit erheben die US-Eliten häufig einen moralischen Anspruch darauf, die Welt nach amerikanischem Vorbild umzugestalten.

Anders ausgedrückt: Churchill wurde in den USA zu einem Symbol präsidialer Selbstüberhebung, und dies, obwohl die „besondere Beziehung“ als Symbol des britischen Niedergangs betrachtet werden kann. Die Menschen neigen dazu, zu vergessen, dass Rudyard Kiplings berühmtes Gedicht über die „Last des weißen Mannes“ keine Ode an das britische Empire, sondern an die kolonialen Unternehmungen der USA auf den Philippinen war.

Zu viel Macht korrumpiert, wie wir alle wissen. Sich selbst überhebende Präsidenten, die sich Churchills Büste in ihrem Amtszimmer vorstellen, neigen zu dem Glauben, dass sie zum „Kriegspräsidenten“ berufen seien – dass sie sich wie Churchill im Jahre 1940 dem nächsten Hitler entgegenstellen müssen. Dieser Sirenengesang hat die USA in die Kriege in Vietnam, Afghanistan und im Irak verstrickt.

Als Obama 2008 entschied, Churchills Büste aus seinem Amtszimmer zu entfernen, erschien mir dies als eine sehr sinnvolle Geste. Ein bisschen weniger Selbstüberhebung täte den USA – und der Welt – ganz gut.

 

Knallharter Patriot

Aber jetzt will Romney ihn zurück. Was immer sonst er sein mag: Romney kommt nicht als überzeugender Führer in Kriegszeiten herüber. Das sind Geschäftsleute selten. Aber er stellt sich selbst gern als knallharten Patrioten dar, und Obama als unamerikanischen Weichling.

Vielleicht wünscht sich Romney einen neuerlichen Krieg, in dem er Churchill spielen kann. Oder vielleicht haben seine zwei Berater die Wahrheit gesagt. Vielleicht verspürt Romney tatsächlich ein sentimentales Gefühl in Bezug auf das „angelsächsische Erbe“, selbst angesichts der wachsenden asiatischen Macht. Falls dem so ist, dürfte diese nostalgische Sehnsucht nach Churchill kaum ein Zeichen amerikanischer Lebenskraft sein, sondern eher ein romantisches Rückzugsgefecht, wie es für ein Land im Niedergang typisch ist.

Aus dem Englischen von Jan Doolan. Copyright: Project Syndicate, 2012.

 


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Ian Buruma ist Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College und der Verfasser von „Taming the Gods: Religion and Democracy on Three Continents“. [privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)

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6 Kommentare
Gast: lausbub
07.08.2012 15:07
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Die "Angelsachsen" sollten auch einmal die dunklen Seiten

ihrer Geschichte aufarbeiten: das beginnt bei den Genociden bei den keltischen Völkern auf den britischen Inseln (insbes. Irland, der "Vorlage" für die britischen Kolonialregime in Übersee) über die Ausrottung der indogenen Völker in den Siedlungskolonien in N-Amerika und Australien und erreichte seinen Höhepunkt mit dem Abwurf von 2 Atombomben über Japan (wobei déren Rechtfertigung Zynismus pur ist: so, als würde Assad Chemiwaffen mit der Behauptung einsetzen, dadurch würde der Bürgerkrieg kurz gehalten und die Zahl der Toten geringer gehalten werden...)1

Ähnlich wie in der UdSSR beruht auch in den USA der Wohlstand auf Sklavenarbeit: hie Sklavenarbeit, dort Zwangsarbeit...

Auch der Hitler-Gräuel in den besetzten Gebieten können Kriegsverbrechen etwa durch Bombardierung von Städten wie Dresden im letzten Monat des Krieges mit Phosphorbomben, wo auch Zigtausende in Zelten untergebrachte Ostflüchtlinge grausamst getötet wurden nicht rechtfertigen! Es wäre Zeit und ein Zeichen der moralischen Stärke der Angelsachsen, diese Gräuel auch einzugestehen ....
Churchill hatte in Bezug auf rücksichtslose Kriegsführung ohne strategische Notwendigkeit keinerlei Skrupel: auch das sollte einmal gesagt werden! 2 Generationen nach diesen Ereignissen könnte man doch einmal auch über dieses Thema offen reden!

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Knopflochschmerzen im Sommerloch

Wen kratzt das eigentlich? Diese Diskussion ist fast so relevant wie das sprichwörtliche Fahrrad, das in China umgefallen ist. Obama ließ eine Churchill-Büste versetzen - welch heroischer Akt! Betrachtet man das US-Budgetdefizit, dann hat er das ganze Land auch noch versetzt.
Diese ganze schwachsinnige Argumentation läßt sich (ebenso schwachsinnig) übrigens gut umdrehen: Obama fühlt sich als Jurist dem Rechtsanwalt Lincoln offensichtlich eher verbunden als Churchill. Lincoln war zu seiner Zeit einer der bestbezahlten Anwälte des Landes, weil er vor allem im Auftrag der mächtigen Eisenbahnunternehmen tätig war. Unter seiner Präsidentschaft begann der - extrem stark subventionierte - Bau der Transkontinentaleisenbahn, der sich zu einem der größten Korruptionsfälle der amerikanischen Geschichte auswuchs (und die Amerikaner hatten viele). Thaddeus Stevens, Lincolns Mentor, ließ eine Klausel in den Railway Act einbauen, dass nur amerikanischer Stahl (deutlich teurer als der verfügbare britische Stahl) für den Bau verwendet werden durfte (Stevens besaß eine Eisenhütte, wunderlicher Zufall aber auch). Ausgangspunkt der Linie war im Osten Council´s Bluff, Iowa. Politische Insider hatten schon zuvor Grundstücke in der Gegend aufgekauft, z.B. ein gewisser A. Lincoln.
Ach ja, Mister Lincoln hat auch noch den blutigsten Krieg der US-amerikanischen Geschichte mit ca. 600.000 Toten geführt.
Was also möchte Obama mit seiner Präferenz für Lincoln ausdrücken?

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Seit wann ...

ist Hollande "Ministerpräsident"?????

Das angelsächsische Erbe

Dass angelsächsische Erbe ist in vielen Bereichen spürbar. Unabhängig von Ethnien ist das politische, juristische, wirtschaftliche und philosophische System der Angloamerikaner ein spürbar anderes als der Kontinentaleuropäer. Und die Briten sind - wenn auch längst keine Weltmacht mehr - doch einer der zuverlässigsten Verbündeten der USA. Was einerseits daran liegt dass beide aufgrund des gemeinsamen Erbes ähnlich "ticken", nicht zuletzt aber auch an Sentimentalitäten. Die zu pflegen ist daher nicht ganz so unsinnig wie hier dargestellt.

Die Büste oder allgemein die Beziehung zu den Briten ist jedenfalls kein guter Indikator für die Hybris des weißen Hauses. Immerhin hat Obama auch nicht gerade die größte Bescheidenheit und Zurückhaltung an den Tag gelegt. Und unter anderem mit Waffengewalt in Libyen interveniert. So wie fast jeder US-Präsident irgendeinen Kriegsschauplatz gesucht hat, an dem er sich profilieren kann.
Dass auch Romney das wahrscheinlich tun wird (wobei er aber eh genug Schauplätze erben wird) hat mit der Büste wohl nicht viel zu tun.

Gast: schlÄchter
06.08.2012 09:39
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sg herr buruma!

eines haben sie vergessen:
churchills mutter war US-amerikanerin, er selbst fühlte sich den usa daher immer sehr nahe.
das hätte mmn sehrwohl noch erwähnt werden müssen.
rudyard kiplings "bürde des weißen mannes" haben sie im gegensatz zu vielen anderen richtig interpretiert.
mfg
s.

Gast: Markus Trullus
06.08.2012 07:04
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Verschwörungstheorien...

Nunja, jahrelang hat die "angelsächsische" Achse- präsentiert durch die Pseudo- Verschwörungsgruppe "The Pilgrims" die Weltfinanz angeführt.Die Wallstreet und die City of London haben in dieser Zeit ihre fragwürdige Bedeutung erlangt. Nun steht GB und die USA vor dem Bankrott; sie sind viel höher verschuldet als It oder SP. ja sogar höher als GR. Nur: noch hält die Achse. Aber andere Achsen und Zentralen sind längst da: in China, Indien, ja sogar in Brasilien... Aber die Quasizerstörung eines möglichen starken, gemeinsamen Europas, das haben sie im Todeskampf gerade noch geschafft....

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