26.05.2013 05:18 Merkliste 0

Gewissenskontrolle bei Olympia

DETLEF KLEINERT (Die Presse)

Im Fall der deutschen Ruderin Nadja Drygalla, liiert mit einem ehemaligen NPD-Funktionär, wurde eine Grenze überschritten.

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Die „Saure-Gurken-Zeit“ ist immer für Absurditäten gut. In diesem Jahr reichten offenbar die Olympischen Spiele nicht aus, ein Nazi-Thema musste obendrein noch her. Also titele „Bild“ mit dem Aufmacher „Nazi-Skandal bei Olympia“, und für die linksextreme „taz“ war die Sportlerin schlicht eine „Nazibraut“. In menschenverachtender Weise wurde eine 23-jährige Sportlerin an den Pranger gestellt, die offenbar mit einem Rechtsradikalen liiert ist. Ihr selbst kann nichts vorgeworfen werden. Mit anderen Worten: Ein paar Sportfunktionäre und ein paar Medien betreiben Sippenhaft – und schämen sich nicht einmal.

Was ist geschehen? Nadja Drygalla, Ruderin aus Rostock, ist mit einem (inzwischen ehemaligen) NPD-Mann, der für die Partei auch schon kandidiert hat, befreundet. Nun mag man ja die NPD und ihre radikalen Vorfeldorganisationen als unappetitlich ansehen, nur festzuhalten bleibt auch: Die Partei ist nicht verboten und hat Abgeordnete in diversen Landtagen. Frau Drygalla hat sich deutlich von der rechtsextremen Szene distanziert, sie ist Sportlerin und keine Agitatorin, hat nie politische Überzeugungen – welche das sind, hat keiner der Ankläger auch nur zu erkunden versucht – öffentlich gemacht. Und wenn die Gewissenskontrolleure schon fragen, ob die Gesinnung des Partners nicht abfärbt: Es könnte ja auch sein, dass Drygalla ihren Freund aufs demokratische Gleis bringen wollte.

 

Erst nach Ausscheiden Thema

Was bleibt, ist die erbärmliche Haltung der Politiker und Sportfunktionäre in dieser Sache. Der Innenminister Schleswig-Holsteins will den Sportbund informiert haben, verweist jedoch auch auf Datenschutz. Die Sportfunktionäre geben sich ahnungslos, angeblich haben sie erst in London von der Liaison der Sportlerin erfahren (ein Seitenaspekt: Zum Aufreger wurde die Sache erst, als der Achter mit Drygalla ausgeschieden war – ein Schuft, der Böses dabei denkt!). Und der famose Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), hat der Sportlerin natürlich nur ins Gewissen geredet, um „Schaden von der Mannschaft abzuwenden“, er hat sie natürlich nicht unter Druck gesetzt. Frage am Rande: Wie schaffen es abgehalfterte Politiker immer, sich wohldotierte Pöstchen unter den Nagel zu reißen?

Wie eng Politik und Sport nach wie vor verflochten sind, zeigt ein Artikel in der „Times“: Da wird ein Foto eines deutschen Funktionärs gezeigt, wie er mit ausgestrecktem linken Arm der deutschen Mannschaft bei der Eröffnungsfeier zuwinkt – für unsere englischen „Freunde“ der „Hitler-Gruß eines deutschen Delegationsmitgliedes“.

Der Fall Drygalla zeigt eines in aller Deutlichkeit: In unserem Privatleben sind wir alle, ob Prominente oder „der kleine Mann auf der Straße“, Opfer einer elektronischen Medienwelt, der wir uns nicht entziehen können. Die Gesinnungsschnüffler können unseren Freundeskreis googeln, wir sind nicht mehr weit davon entfernt, dass unser Denken veröffentlicht wird. Was den Fall von London nach Absurdistan führt: Der „rechtsextreme“ Freund der Sportlerin ist seit Mai 2012 kein NPD-Mitglied mehr sei. Er habe „persönlich mit dieser ganzen Sache gebrochen und sich verabschiedet“, sagte Drygalla.


Detlef Kleinert war Korrespondent der ARD in Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)

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1 Kommentare

Diese Hetzjagd gegen Frau Drygalla ist unerhört.

Und die N**imanie mancher englischer Medien (nicht aller) ist einfach nur lächerlich. Ich bin anglophil, aber manchmal wird meine Einstellung den Engländern gegenüber auf eine harte Probe gestellt.

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