Ian Burumas gehaltvoller Kommentar vom Montag ist eine gelungene Analyse, wie die Tagespolitik immer wieder den Steinbruch der Geschichte benutzt, um sich bei den Wählern anzubiedern. Im Falle des Sagers aus dem Mitt-Romney-Lager sollte die Verehrung Churchills durch die Republikaner angedeutet werden, um an das große gemeinsame „angelsächsische“ Erbe und damit an die „besonderen“ amerikanisch-britischen Beziehungen anzuknüpfen.
Was Buruma unerwähnt lässt ist, dass die „special relationship“, selbst auf dem Höhepunkt der britisch-amerikanischen „grand alliance“ im Zweiten Weltkrieg, immer wieder von tiefem Misstrauen und Meinungsverschiedenheiten geprägt war. Diese engste Zusammenarbeit zweier Nationen in der Geschichte zum Zwecke der Niederringung des Hitlerfaschismus und des japanischen Militarismus wurde immer wieder von gewaltigen Differenzen über die gemeinsamen strategischen Ziele gebeutelt, wobei Churchill meist der Bremsklotz war, spielte er sich doch immer wieder als Chefstratege auf.
Am ärgsten stritten Roosevelt und Churchill von Anfang 1942 bis zum Moment der Landung in der Normandie im Juni 1944 über eine „zweite Front“, die von Stalin rigoros gefordert wurde, um Hitlers Druck auf die Sowjetunion zu verringern. Während die Amerikaner, angeführt von General George C. Marshall (der spätere Erfinder des Marshall-Plans) bereits vor Ende 1942 eine Invasion Nordfrankreichs verlangten, verzögerte Churchill die Eröffnung einer „zweiten Front“ auf dem Festland.
Churchill hatte die Lehren des Ersten Weltkrieges im Hinterkopf, nämlich die britischen Menschenverluste auf den Schlachtfeldern in Nordfrankreich sowie das von ihm selbst ausgelöste Desaster der Landung auf Gallipoli. Zudem hatte er geringes Vertrauen in die Schlagkraft der britischen Armee in der direkten Auseinandersetzung mit Hitlers Wehrmacht.
Schlussendlich redete Churchill 1944 einer Invasion im nördlichen Adriaraum das Wort. Churchill wollte mit einem Vorstoß durch die „Ljubljana-Scharte“ durch den „sanften Unterleib“ der Alpen ins Zentrum Europas gelangen, um die „großen Hauptstädte“ Mitteleuropas – Wien, Budapest und Prag – zu befreien. Der amerikanische Oberbefehlshaber Eisenhower hatte genug von Churchills Ablenkungsmanövern und schmetterte seine Argumente ab.
Strategische Differenzen
Amerikaner und Briten konnten sich auch nie auf eine gemeinsame Bombenstrategie einigen. Die amerikanischen Bomberverbände zerstörten die deutsche Kriegsindustrie und die Verkehrsknotenpunkte. „Bomber Harris“ schickte britische Lancasters und Wellingtons, um deutsche Städte wie Lübeck und Hamburg niederzubrennen. Erst 1945 beschloss man, Dresden gemeinsam zu bombardieren.
Auch über die Zukunft der europäischen Kolonien in Asien konnten sich Roosevelt und Churchill nie einigen. Roosevelt dachte daran, Französisch-Indochina und Niederländisch-Ostindien nicht an die früheren europäischen Kolonialherren zurückzugeben, hatten die Japaner doch die knieweichen Europäer mit Leichtigkeit aus Asien verdrängt.
An diese Details erinnern sich die Bushs und Romneys natürlich ungern, wenn sie die „special relationship“ in ihrer historischen Erinnerung wachrufen und das Andenken Churchills durch die Aufstellung von Büsten im Weißen Haus zelebrieren. Damals wie heute hatten die britisch-amerikanischen bilateralen Beziehungen viele Spannungsmomente. Trotz der vielen Meinungsverschiedenheiten im Weltkrieg hielt man sich aber das Hauptziel der Niederkämpfung der Nazis immer vor Augen, ein Ziel, das die Allianz zusammenkittete.
Günter Bischof ist Research Professor of History an der University of New Orleans.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)















