20.05.2013 19:31 Merkliste 0

Festspielrummel statt nüchterner Analyse

WOLFGANG ZINGGL (Die Presse)

Replik. Ein Kommentar zu Anneliese Rohrers Kritik an der heimischen Kulturpolitik: Die Medien sind mitverantwortlich für deren falsche Gewichtung.

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Machen wir uns nichts vor, Anneliese Rohrer hat doch recht. Natürlich wird Kultur zuerst in Tourismus-Euros berechnet und selbstverständlich versteht dieses Land unter Kulturpolitik im Sommer die Finanzierung von Kirchen- und Ruinenfestivals und für den Rest des Jahres Personalentscheidungen. Aber vor allem hat sie recht, wenn sie schreibt, dass die Medien zu all dem ihren Beitrag leisten. Hundertmal lieber begeilt sich nämlich die Berichterstattung an der Frage, wer neuer Museumsdirektor wird, als ewig weiter tradierte Museumskonzepte infrage zu stellen.

Als hätte sie einen programmierten Befehl auszuführen, ist sie um die Perpetuierung eines schwammigen Kunst-Enthusiasmus bemüht, agiert mit gespieltem Eifer und reagiert mit abgesicherten Phrasen. In Wahrheit aber ist die Szene oben auf den Brettern für viele im Zuschauerraum nicht mehr spannend, und deshalb wenden sie sich lieber dem Foyer zu. Dort tobt der eigentliche Spaß. Dort gibt's nicht den Spiegel der Realität, sondern die Realität selbst. Das Gedränge an den Garderoben etwa: Wer nimmt als Nächstes seinen Hut? Oder die Rempeleien an den Kassen um Subventionen. Der Festspielrummel als Rüpelspiel. Nicht wenige lieben diese Form von Unterhaltung. Und mit ihr geht auch die Revue oben auf der Bühne, das Vorhang auf, Vorhang zu, weiter. Hat diese Revue noch mit einem Spannungsfeld von Ästhetik und Ethik zu tun oder ist sie nicht eher der Heurige nach politischen Unverschämtheiten?

Aus Interesse an einer kreditwürdigen Kunst kommt deshalb mein Vorschlag, die Funktionen und Intentionen der Kunst erst einmal zu formulieren. Im Anschluss können wir überlegen, was davon die Gemeinschaft finanzieren und vermitteln soll. Dann wäre es leicht, fundierte Kritik an der Kulturpolitik zu üben.

Das alles ist nicht neu und wurde von mir unzählige Male geäußert. Zum Quiz von Frau Rohrer aus Anlass der Salzburger Festspiele daher heute noch eine Zusatzfrage: Welche Zeitung hat über die parlamentarische Initiative der Grünen berichtet, ein zeitadäquates Festspielgesetz zu erlassen? Richtige Antwort: Nur „Die Zeit“.

Zahlreiche ähnliche Quizfragen zu kulturpolitischen Initiativen der Grünen könnte ich hier anführen, zur finanziellen Ausstattung der regionalen Initiativen, zur Evaluierung der Bundestheater, zur Eigenständigkeit des Völkerkundemuseums, zum Urhebervertragsrecht und so weiter.

 

Künstler müssen leben können

Besonders ärgerlich ist, wenn über miserable Einkommensverhältnisse und mangelnde soziale Absicherung von Kunstschaffenden, verglichen mit der Berichterstattung zu den Salzburger Festspielen, geschwiegen wird. Kunstschaffende müssen von ihrer Arbeit leben können, aber ein Drittel von ihnen verdient hierzulande weniger als 700 Euro pro Monat. „Wir sind für die Kultur, hier und jetzt verantwortlich...“, sagt die Kulturministerin zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele. Und hat ein Monat davor, anstatt Zuschussmöglichkeiten für Künstler zu erweitern, die Abgaben der einzahlenden Netzbetreiber reduziert.

In einem Punkt hat Frau Rohrer nicht recht. Wenn das Budget in Zahlen gegossene Politik ist, gilt das auch für die Verteilung der Mittel innerhalb der Kultur. Die Gewährung oder Streichung von Subventionen ist daher ein wichtiges Feld der Kulturpolitik, auch wenn die Umverteilungsdebatte politisch tabuisiert wird. Denn das Budget wird sehr einseitig ausgegeben. Den allergrößten Teil des Kuchens erhalten die staatseigenen Kulturtanker. Und die brauchen nur leise um die Abgleichung der Inflation zu winseln, und schon jammern die Medien mit ihnen im breiten Chor. Dann werden ihre Etats erhöht und sämtliche Ansuchen um Förderungen innovativer Konzepte können nicht mehr sachlich beurteilt werden, weil das Budget fehlt.

Wolfgang Zinggl ist Kultursprecher der Grünen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)

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