20.05.2013 08:39 Merkliste 0

Der Käufer ist König

ANDREA KOMLOSY (Die Presse)

Gast-Essay. Warum das „Dayli“-Konzept in den ehemaligen Schlecker-Filialen Produzenten- und Konsumentensouveränität bedroht. Von der seit Jahrzehnten schrumpfenden Vielfalt im heimischen Einzelhandel.

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Nach der Insolvenz der Österreich-Tochter der deutschen Drogeriemarktkette Schlecker ist die Diskussion entbrannt, ob die Weiterführung der 900 österreichischen Filialen mit 3000 Beschäftigten machbar ist. „TAP 09 Invest“, eine Private-Equity-Firma des einschlägig bekannten „Sanierers“ und Unternehmensberaters Rudolf Haberleitner, hat Schlecker Österreich aufgekauft. Angekündigt wurde nicht nur die Fortführung, sondern die Ausweitung des Filialnetzes. Hier steht nicht die betriebswirtschaftliche Machbarkeit zur Diskussion, sondern die Frage, was wir als Kundinnen und Kunden von einer Sanierung erwarten können.

Haberleitner baut seinen Optimismus auf ein Verkaufsmodell, das in Österreich bisher noch unbekannt ist: Er plant eine Nahversorgungskette, die nicht nur Drogeriewaren führen wird, sondern Lebensmittel, Kleidung, Presseartikel und Dienstleistungen wie Copyshop, Poststelle, Homeshopping Terminal und Internet-Café im Sortiment haben soll. „Dayli“, wie Schlecker in Zukunft heißen soll, verspricht tägliche Bedarfsartikel, im Namen schwingt Deli(katesse) mit.


Von der Vielfalt ist nichts übrig

Können wir Konsumenten endlich aufatmen? Werden die mageren Jahre nach dem Aussterben der Nahversorger-Kleinhändler endlich der Vergangenheit angehören? Ich denke daran, wie es in meiner Kindheit in Wien/Ober St.Veit aussah. Auf einem Häuserblock langen Abschnitt der Hietzinger Hauptstraße gab es zwölf Geschäfte: ein Milchgeschäft der Wiener Molkerei, zwei Greißler, ein Zuckerlgeschäft, eine Trafik, einen Schneider, eine Teppichspannerei, einen Installateur, einen Elektriker, einen Friseur, eine Papier- und Spielwarenhandlung und eine Konsum-Filiale mit Frischfleischabteilung. Dazu ein Gasthaus, das den Lebensmittelhändlern ein Dorn im Auge war, weil dort abends und am Sonntag Getränke erhältlich waren. Heute ist von dieser Vielfalt fast nichts übrig geblieben. Als Neuzuwachs ist lediglich eine Bankfiliale zu verbuchen.

Eine ähnliche Ausdünnung der Versorgung ist in vielen Wohngebieten zu beobachten. Man ist auch für kleine Besorgungen auf den Gang in den Supermarkt angewiesen, am Land und am Stadtrand oft motorisiert. Ein flächendeckendes Netz von Nahversorgerfilialen könnte diese Leere ausfüllen helfen. Anstatt wie früher für jedes Produkt anzustehen, alles in einem Geschäft; aber nicht unpersönlich und anonym wie im Supermarkt, sondern wie beim Greißler, beim Trafikanten oder in der Putzerei, mit persönlicher Ansprache und Beratung, eben alles, was man täglich so braucht.

Unwillkürlich fällt mir mein Aufenthalt in Shanghai im Jahr 2011 ein. Gleich in der Nähe meines Hochhausturms gab es ein „Deli“. Dort war all das erhältlich, was Haberleitner für „Dayli“ verspricht. Man konnte sogar ein kleines Frühstück oder einen späten Imbiss einnehmen.


Es gab alles – und doch nichts

Beim Versuch, etwas Brauchbares einzukaufen, scheiterte ich allerdings. Der kleine Laden erinnerte an einen Tankstellenshop. Er bot Quick Food zum Auspacken und Aufwärmen, Sandwiches, Snacks, Süßwaren, Körperpflege- und Toilettenartikel, Getränke, coffee to go, Zeitungen, Papierwaren, Copy shop... Im ersten Moment schien es alles zu geben, bei näherem Hinsehen gab es nichts. Oder jedenfalls nie das, was ich gerade brauchte. Auf der Suche nach anderen Einkaufsmöglichkeiten entdeckte ich, dass es solche „Deli“-Filialen fast in jedem Häuserblock in der Stadt gab. Ein Nahversorgermodell, wie es Haberleitner vorschwebt. Vielleicht hat er sich ja nicht in Shanghai, sondern in Atlanta inspirieren lassen.

Mit Versorgung haben diese Ausgabestellen von Weltmarktprodukten am konsumentennahen Ende globaler Güterketten rein gar nichts zu tun. Es ist kein Modell, in dem die Nachfrage vom Konsumenten ausgeht. Greif zu oder stirb, lautet die Devise. Verlerne alles, was du oder deine Vorfahren je über Lebensmittel und Speisenzubereitung gewusst haben.

Ein solcher „Nahversorger“ in Österreich ist eine Kampfansage an alles, was an städtischem, dezentralem Fach- und Lebensmittelhandel den Konzentrationsprozess überlebt hat. In vielen Städten sind es in den letzten Jahrzehnten vor allem Migranten, die die Versorgung mit Lebensmitteln und Dienstleistungen aufrechterhalten: Sie führen die Tradition der Greißler und Bäcker fort, betreiben Schneidereien, Schuhreparatur, Schlüsseldienste und Speisenzustellung. Auch die Märktstände sind fest in ihren Händen. In Ortschaften bzw. Stadtbezirken, in denen keine Ausländer leben, fehlen solche Strukturen.

„Dayli“ ist gleichzeitig eine Kampfansage an Putzereien, Espresso-Cafés, Trafiken. Das Vermarktungsmodell wirkt auch konzentrationsfördernd auf die Produktionsebene. Wer den Handel monopolisiert, kann bestimmen, was und wie produziert wird.

Anstelle der Kundin und des Kunden ist bei dieser Vermarktungskonzeption der Käufer König. Unter einer käuferdominierten Güterkette versteht man eine Logistik, bei der eine Handelskette den Erzeugern vorgibt, was sie wo, wann, in welcher Reihenfolge und zu welchen Preisen zu liefern haben.

Globale Ketten kombinieren Standorte in mehreren Staaten und machen sich die Unterschiede im Lohn- und Preisniveau zunutze. Die Monopolisierung und Konzentration der Vertriebsstruktur in der Hand eines Auftraggebers, sprich Käufers, sorgt dafür, dass Produzenten, die sich nicht an die Vorhaben, Mengen, Fristen und Termine halten (können), vom Markt verschwinden.


Nivellierung nach unten

Die Konzentration im Supermarktbereich hat bereits zu einer merkbaren Verengung der Produktvielfalt geführt. „Dayli“-Nahversorgerketten mögen auch für Supermärkte eine Konkurrenz darstellen. Wir Konsumenten sollten uns jedoch nicht zu früh freuen, denn Shops dieser Art nivellieren nach unten: Ihr Angebot stellt keine Bereicherung des Supermarktkontingents dar, sondern treibt die Monopolisierung in der Nahversorgung mit Lebensmitteln und Dienstleistungen weiter voran.

Wie beim Supermarkt geht vom „Käufer“ ein doppelter Druck aus: Einerseits wird das Angebot auf die „Bedürfnisse“ der Käufer = Wiederverkäufer hingetrimmt, die – wie könnte es bei einem Equity-Fonds anders sein – an rascher Rendite interessiert sind. Andererseits wird die Nachfrage über die Verengung des Angebots gleichgeschaltet: Ein Circulus vitiosus bewirkt, dass Quick Food und Junkfood und Verlust von Kochkunst einander gegenseitig verstärken. Vom Verkaufspersonal, das unter starkem Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen stehen wird, ist Beratung nicht zu erwarten.

In Shanghai hat es Wochen gebraucht, bis ich im Megastadtdschungel die vielen Markthallen und Straßenmärkte entdeckte, wo es vom lebenden Frosch bis zum Schneider, vom frischen Fisch bis zum Friseur (fast) alles gab, was zur täglichen Versorgung nötig ist. In Österreich sind solche Handels- und Dienstleistungsstrukturen außerhalb der türkischen und slawischen Migrantenviertel rar geworden. „Dayli“, sofern es geschäftsfähig ist – tritt an, ihnen den letzten Rest zu geben.

Die Autorin

Andrea Komlosy ist außerordentliche Universitätsprofessorin und stellvertretender Institutsvorstand am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.

Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Wirkung globaler Güterkettenorganisation auf Warenproduktion, Konsum und Arbeitsverhältnisse. Zuletzt publizierte sie zu Methoden und Theorien der wirtschaftlichen Globalgeschichte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2012)

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10 Kommentare
Gast: Martin_S
15.08.2012 01:11
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Sie hat

nie das gefunden was Sie suchte? Tja, Teppiche und Modeschmuck und oberlehrerhafte Publikationen gibts dort halt nicht.. Diese Frau "aUnivProf" scheint wohl ihr Zuhause kaum zu verlassen und zum EInkaufen ihre Putzfrau zu schicken... So ein Schmarren den die da schreibselt... da müsste ja zB Shanghai völlig verarmt und leer sein so wie die schreibt . Ist es aber nicht! Da jammert mal wieder eine "Expertin", die von Tuten und Blasen keine Ahnung hat!!

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Unter jeder Sau!

Sie haben es ganz richtig formuliert: Eine Expertin , die von Tuten und Blasen keine Ahnung hat!
Ich habe mit Freunden diesen Beitrag diskutiert. Er ist unter jeder Sau! Nach den Vorstellungen dieser Expertin haben Erzeuger und Großhandelsketten nichts anderes im Sinn, als darüber nachzudenken, welche unverkäuflichen Waren in den Regalen verkommen sollen. Wahrscheinlich wünscht sich die Gute in jedem Kaff den Meinl am Graben und träumt davon am Kirchtag, der natürlich nicht vor ihrer Haustüre aber doch jeden Tag stattfinden sollte, ihren Bedarf an Nähnadeln und Blusenknöpfen einkaufen zu können.

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Dayli oder doch Daily?


Gast: Christine Lukaschek
14.08.2012 19:02
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Dayli

Ich verstehe nicht, warum immer gleich alles negativ gesehen werden muss. Kann man nicht mehr positiv denken...kann oder will man keiner Idee mehr eine Chance geben? Ich finde die Vision der Nahversorgung neu sehr gut und werde sie bestmöglich unterstützen! AUßerdem sichert das Konzept Arbeitsplätze! Scheinbar wissen manche nicht was Arbeitslosigkeit heißt!Geben Sie dem neuen Geschäft eine Chance!

Gast: Peter_K
14.08.2012 18:32
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Greisslersterben

Es ist schön zu lesen, wenn ihnen die heimischen Greissler ein anliegen sind, welche, wie sie schon selbst bemerkten, es kaum noch gibt.

Ich möchte allerdings feststellen, dass Ihre Aussage: "Man ist auch für kleine Besorgungen auf den Gang in den Supermarkt angewiesen." Zwar bei flüchtigen lesen suggerieren möchte dass der Schreiber dieser Zeilen gerne bei einem Greissler ums Eck einkauft. Die tatsächliche Einstellung ist aber, das der Greissler ja nur für die vergessenen Eier usw. zuständig ist, diese möglichst frisch und am besten einzeln für sie lagert. Meiner Meinung ist genau diese Einstellung Schuld am Greisslersterben.

Re: Greisslersterben

Genau das ist es. Wenn die Konsumenten ihren Grundbedarf im Supermarkt decken und den Greisler verhungern lassen, dann wird dieser bei "plötzlichem Bedarf" eben nicht da sein. Die Konsumenten haben, wenn Sie so wollen sogar "basisdemokratisch", abgestimmt und den Supermarkt gewählt. Ist eben unter dem Strich wahrscheinlich billiger und näher an den Kundenbedürfnissen.

Da ist kein pöser Käufer oder Investor dran schuld. Auch keine "käuferdominierte Güterkette" oder Weltverschwörung des Kapitals. Die Macht liegt beim Konsumenten, der Konsument hat gesprochen, hugh. Fr. Komlosy, wenn Sie glauben, dass ein anderes Konzept funktionieren könnte - suchen Sie sich einen Investor und gründen Sie ein Unternehmen. Warum haben Sie dazu nicht gleich die Schlecker-Filialen übernommen? Ach, soo überzeugt sind Sie doch nicht, dass die Konsumenten das wollen? Na dann ...

Ach ja, ich kenne Shanghai ganz gut, dort gibt es jede Menge kleiner Geschäfte, die auch teilweise sehr unterschiedlich sortiert sind - und die Konsumenten kaufen dort eben, was sie brauchen. Sie haben aber vergessen zu erwähnen, dass diese Geschäfte dort jederzeit für die Konsumenten da sind - die dies auch praktisch jederzeit nutzen. Weil ihnen (im Gegensatz zu unseren Greislern) nicht vorgeschrieben wird, wann sie ihren "Laden schließen" müssen ...

Antworten Gast: Valentin Bählamm
14.08.2012 20:21
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Re: Greisslersterben

So ist es! EXakt!!! Selten so eine kurzsichtige und eingeschränkte Analyse gelsen!!

Gast: telewalker@gmx.eu
14.08.2012 08:20
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Vorverurteilung ?

Da hat soeben jemand ein paar tausend Arbeitsplätze in die Verlängerung geschickt - und schon wird sein Konzept als totgeweiht bzw. konsumentenfeindlich charakterisiert.
Frau Prof. Komlosy hat in vielem recht nur bietet sie keine bessere Alternative an für tausende Arbeitsplätze. Wenn der neue Eigentümer versucht Nachbarschaftsläden, die ich aus Paris oder London als von Indern, Afrikanern, Asiaten geführte individuelle Shops kenne, (aus gegebener Gelegenheit) auf Filialbasis zu entwickeln, sollten wir uns das zumindest anschauen - wissenschaftlich und praxisorientiert.
Übrigens hat er sogar an die vo Ihnen aus Shanghai monierten Frosch(schenkel) gedacht und will vor dem Shop einen Mini-Frischemarkt der Bauern installieren. Wenn das Marktamt ihn lässt.
Ihr Kommentar zeigt nur wieder einmal, wie schwierig es in Ö ist, Innovationen zu gestalten ohne irgendwem auf die Zehen zu treten. Nachzulesen u.a. bei Peter Rosegger über die steirische Eisenbahninnovation.

Antworten Gast: Valentin Bählamm
14.08.2012 13:27
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Re: Vorverurteilung ?

Die Werte Fraju Prof. hat außer acht gelassen, dass wir hier es mit einer 3-Beziehung bzw. einer mehrfachen Beziehung handelt. Außerdem ist ihr völlig abhanden gekommen, dass der einzelne Kauffmann, von dem Sie im Urlaub träumt, auch überleben können muss. Wenn sich das alles mit den Gerschäfteln so gerechnet hätte, dann hätten nur Vollidioten den Job gelassen. Bestimmen, was und wieviel gekauft wird, tut immer noch an der Basis - und wo sonst - der Konsument. Wenn die Buden mit Waren vollgestopft sind, die nicht verkauft werden, dann muss irgend jemand dafür blechen. Und im Konkursfall sind es dann die Lieferanten. Und last but not least: Ich möchte nicht zu Bangkokschen hygienischen Bedingungen echt einkaufen! Sehr lebensfremd!

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Liebe Frau Prof. Komlosy!

Sie sehen die Dinge etwas einseitig. Zugegeben, es ist beaknnt, dass der Supermarkt eine gewisse Warenvielfalt vortäuscht. Wer braucht schon 5 Colasorten oder 20 verschiedene Biersorten. Aber Sie träumen von Zeiten, die schon lange vorbei sind. Wollen Sie das Rad der Zeit zurückdrehen? Ich hab auch beim gelernten Kaufmann mit Tuch- Feinkost- u. Geschirrabteilung eingekauft. Sehr nostalgisch. Heute krieg ich beim Billa und beim Lidl mein Frühstückgebäck und das Brot vom gleichen Vorlieferanten. Wenn Sie von schlechten Arbeitsbedingungen in Diskontermärkten sprechen, so gehe ich sicher nicht fehl, dass sich außer Türken uns slawischen Migranten niemand in der von ihnen so hochgepriesenen Dienstleistungswelt arbeiten will. Wie wir aus der Stadtgeschichte wissen, gibt es Radius für die Metropolkreis. Und ähnlich ist es mit den Bedürfnissen zum leben. Früher musste man in Tirol noch Stunden ins Tal gehen, aber heute bekommen sie das Gewöhnliche in max. 10 Minuten Entfernung und das Außergewöhnliche in max. 1 Stunde. Außerdem haben Sie sich noch nicht überlegt, welche Mengen an Waren und Gütern heute und gestern umgeschlagen werden müssen, damit sich das rechnet. Aber bitte, wenn Sie noch ein Kurzwarengeschäft für Tuchentknöpfe brauchen oder ein Fachgeschäft für japanische Pinsel, so werden Sie halt weiter fahren müssen. Ich brauche jedenfalls keine Frösche, aber ich bin sicher, dass wenn mehr Leute das nachfrwagen, gibt es das sicher auch zu kaufen und dann auch beim Diskont

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