Nach der Insolvenz der Österreich-Tochter der deutschen Drogeriemarktkette Schlecker ist die Diskussion entbrannt, ob die Weiterführung der 900 österreichischen Filialen mit 3000 Beschäftigten machbar ist. „TAP 09 Invest“, eine Private-Equity-Firma des einschlägig bekannten „Sanierers“ und Unternehmensberaters Rudolf Haberleitner, hat Schlecker Österreich aufgekauft. Angekündigt wurde nicht nur die Fortführung, sondern die Ausweitung des Filialnetzes. Hier steht nicht die betriebswirtschaftliche Machbarkeit zur Diskussion, sondern die Frage, was wir als Kundinnen und Kunden von einer Sanierung erwarten können.
Haberleitner baut seinen Optimismus auf ein Verkaufsmodell, das in Österreich bisher noch unbekannt ist: Er plant eine Nahversorgungskette, die nicht nur Drogeriewaren führen wird, sondern Lebensmittel, Kleidung, Presseartikel und Dienstleistungen wie Copyshop, Poststelle, Homeshopping Terminal und Internet-Café im Sortiment haben soll. „Dayli“, wie Schlecker in Zukunft heißen soll, verspricht tägliche Bedarfsartikel, im Namen schwingt Deli(katesse) mit.
Von der Vielfalt ist nichts übrig
Können wir Konsumenten endlich aufatmen? Werden die mageren Jahre nach dem Aussterben der Nahversorger-Kleinhändler endlich der Vergangenheit angehören? Ich denke daran, wie es in meiner Kindheit in Wien/Ober St.Veit aussah. Auf einem Häuserblock langen Abschnitt der Hietzinger Hauptstraße gab es zwölf Geschäfte: ein Milchgeschäft der Wiener Molkerei, zwei Greißler, ein Zuckerlgeschäft, eine Trafik, einen Schneider, eine Teppichspannerei, einen Installateur, einen Elektriker, einen Friseur, eine Papier- und Spielwarenhandlung und eine Konsum-Filiale mit Frischfleischabteilung. Dazu ein Gasthaus, das den Lebensmittelhändlern ein Dorn im Auge war, weil dort abends und am Sonntag Getränke erhältlich waren. Heute ist von dieser Vielfalt fast nichts übrig geblieben. Als Neuzuwachs ist lediglich eine Bankfiliale zu verbuchen.
Eine ähnliche Ausdünnung der Versorgung ist in vielen Wohngebieten zu beobachten. Man ist auch für kleine Besorgungen auf den Gang in den Supermarkt angewiesen, am Land und am Stadtrand oft motorisiert. Ein flächendeckendes Netz von Nahversorgerfilialen könnte diese Leere ausfüllen helfen. Anstatt wie früher für jedes Produkt anzustehen, alles in einem Geschäft; aber nicht unpersönlich und anonym wie im Supermarkt, sondern wie beim Greißler, beim Trafikanten oder in der Putzerei, mit persönlicher Ansprache und Beratung, eben alles, was man täglich so braucht.
Unwillkürlich fällt mir mein Aufenthalt in Shanghai im Jahr 2011 ein. Gleich in der Nähe meines Hochhausturms gab es ein „Deli“. Dort war all das erhältlich, was Haberleitner für „Dayli“ verspricht. Man konnte sogar ein kleines Frühstück oder einen späten Imbiss einnehmen.
Es gab alles – und doch nichts
Beim Versuch, etwas Brauchbares einzukaufen, scheiterte ich allerdings. Der kleine Laden erinnerte an einen Tankstellenshop. Er bot Quick Food zum Auspacken und Aufwärmen, Sandwiches, Snacks, Süßwaren, Körperpflege- und Toilettenartikel, Getränke, coffee to go, Zeitungen, Papierwaren, Copy shop... Im ersten Moment schien es alles zu geben, bei näherem Hinsehen gab es nichts. Oder jedenfalls nie das, was ich gerade brauchte. Auf der Suche nach anderen Einkaufsmöglichkeiten entdeckte ich, dass es solche „Deli“-Filialen fast in jedem Häuserblock in der Stadt gab. Ein Nahversorgermodell, wie es Haberleitner vorschwebt. Vielleicht hat er sich ja nicht in Shanghai, sondern in Atlanta inspirieren lassen.
Mit Versorgung haben diese Ausgabestellen von Weltmarktprodukten am konsumentennahen Ende globaler Güterketten rein gar nichts zu tun. Es ist kein Modell, in dem die Nachfrage vom Konsumenten ausgeht. Greif zu oder stirb, lautet die Devise. Verlerne alles, was du oder deine Vorfahren je über Lebensmittel und Speisenzubereitung gewusst haben.
Ein solcher „Nahversorger“ in Österreich ist eine Kampfansage an alles, was an städtischem, dezentralem Fach- und Lebensmittelhandel den Konzentrationsprozess überlebt hat. In vielen Städten sind es in den letzten Jahrzehnten vor allem Migranten, die die Versorgung mit Lebensmitteln und Dienstleistungen aufrechterhalten: Sie führen die Tradition der Greißler und Bäcker fort, betreiben Schneidereien, Schuhreparatur, Schlüsseldienste und Speisenzustellung. Auch die Märktstände sind fest in ihren Händen. In Ortschaften bzw. Stadtbezirken, in denen keine Ausländer leben, fehlen solche Strukturen.
„Dayli“ ist gleichzeitig eine Kampfansage an Putzereien, Espresso-Cafés, Trafiken. Das Vermarktungsmodell wirkt auch konzentrationsfördernd auf die Produktionsebene. Wer den Handel monopolisiert, kann bestimmen, was und wie produziert wird.
Anstelle der Kundin und des Kunden ist bei dieser Vermarktungskonzeption der Käufer König. Unter einer käuferdominierten Güterkette versteht man eine Logistik, bei der eine Handelskette den Erzeugern vorgibt, was sie wo, wann, in welcher Reihenfolge und zu welchen Preisen zu liefern haben.
Globale Ketten kombinieren Standorte in mehreren Staaten und machen sich die Unterschiede im Lohn- und Preisniveau zunutze. Die Monopolisierung und Konzentration der Vertriebsstruktur in der Hand eines Auftraggebers, sprich Käufers, sorgt dafür, dass Produzenten, die sich nicht an die Vorhaben, Mengen, Fristen und Termine halten (können), vom Markt verschwinden.
Nivellierung nach unten
Die Konzentration im Supermarktbereich hat bereits zu einer merkbaren Verengung der Produktvielfalt geführt. „Dayli“-Nahversorgerketten mögen auch für Supermärkte eine Konkurrenz darstellen. Wir Konsumenten sollten uns jedoch nicht zu früh freuen, denn Shops dieser Art nivellieren nach unten: Ihr Angebot stellt keine Bereicherung des Supermarktkontingents dar, sondern treibt die Monopolisierung in der Nahversorgung mit Lebensmitteln und Dienstleistungen weiter voran.
Wie beim Supermarkt geht vom „Käufer“ ein doppelter Druck aus: Einerseits wird das Angebot auf die „Bedürfnisse“ der Käufer = Wiederverkäufer hingetrimmt, die – wie könnte es bei einem Equity-Fonds anders sein – an rascher Rendite interessiert sind. Andererseits wird die Nachfrage über die Verengung des Angebots gleichgeschaltet: Ein Circulus vitiosus bewirkt, dass Quick Food und Junkfood und Verlust von Kochkunst einander gegenseitig verstärken. Vom Verkaufspersonal, das unter starkem Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen stehen wird, ist Beratung nicht zu erwarten.
In Shanghai hat es Wochen gebraucht, bis ich im Megastadtdschungel die vielen Markthallen und Straßenmärkte entdeckte, wo es vom lebenden Frosch bis zum Schneider, vom frischen Fisch bis zum Friseur (fast) alles gab, was zur täglichen Versorgung nötig ist. In Österreich sind solche Handels- und Dienstleistungsstrukturen außerhalb der türkischen und slawischen Migrantenviertel rar geworden. „Dayli“, sofern es geschäftsfähig ist – tritt an, ihnen den letzten Rest zu geben.
Andrea Komlosy ist außerordentliche Universitätsprofessorin und stellvertretender Institutsvorstand am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.
Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Wirkung globaler Güterkettenorganisation auf Warenproduktion, Konsum und Arbeitsverhältnisse. Zuletzt publizierte sie zu Methoden und Theorien der wirtschaftlichen Globalgeschichte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2012)















