20.06.2013 09:23 Merkliste 0

Leiser Skandal, der laut zum Himmel schreit

FRANZ KÜBERL (Die Presse)

Über den weltweiten Hunger – und was man dagegen tun kann.

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Es ist eine kleine Notiz auf den Wirtschaftsseiten mit großen Auswirkungen: Wegen der aktuellen Dürre in den USA – das Land liefert mehr als die Hälfte der weltweiten Mais-Exporte und ein Viertel der Weizenexporte – dürften die Lebensmittelpreise weiter steigen.

Eine Katastrophe für die Ärmsten der Armen, die bis zu 80 Prozent ihres spärlichen Einkommens für Lebensmittel aufwenden müssen. Denn die Preise bewegen sich ohnehin bereits in schwindelnden Höhen: Eine Tonne Mais kostet am Weltmarkt 337 US-Dollar – das ist das Dreifache des Preises von 2006.

Sicher: Gegen ausbleibenden Regen ist kein Kraut gewachsen – lässt man den größeren Zusammenhang des Klimawandels einmal beiseite. Doch insgesamt sind die Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln zum Teil auch hausgemacht: Denn derzeit wird an den Börsen mit Weizen, Mais und Co. kräftig gezockt.

„Globales Rohstoff-Kasino“ heißt es im Foodwatch-Report 2011 „Die Hungermacher“. Und laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) gehen nur noch zwei Prozent der Termingeschäfte auf den Rohstoffmärkten mit einem realen Austausch von Waren einher. Pfui Teufel.

 

Klarheit und Transparenz

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Caritas tritt natürlich nicht für ein vollständiges Verbot von Rohstoffhandel an den Börsen ein. Termingeschäfte gibt es seit über 150 Jahren und sie sind ein probates Mittel der Händler und Produzenten, um sich gegen das Risiko von Preisschwankungen abzusichern.

Doch es braucht klare und transparente Regeln, die verhindern, dass die Gewinne der Spekulanten zur Hungerfalle für die Ärmsten werden. Die derzeitige Revision der europäischen Finanzmarktrichtlinie MIFIDII ist eine Chance dazu. Die Caritas ruft deshalb die österreichische Bevölkerung dazu auf, die Online-Petition „Ernährung muss leistbar sein – Stopp die Spekulation auf Nahrungsmittel“ zu unterschreiben (www.stopp-spekulation.at).

 

An vielen Schrauben drehen

Um den globalen Hunger zu bekämpfen muss freilich an vielen Schrauben gedreht werden: Auch Agrotreibstoffe, zu geringe Lagerhaltung oder hohe Ölpreise treiben die Getreidepreise nach oben.

Und die Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln sind wieder nur ein einziger, kleiner Faktor im Reigen der lebensbedrohenden „Hungererzeuger“, zu denen unter anderem auch Konflikte, ungerechte Agrarhandelspraktiken, veraltete Anbaumethoden, Vernachlässigung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und korrupte Regierungen zählen.

Klar ist: Am Hunger stirbt man leise, doch der weltweite Skandal schreit laut zu Himmel. Allein in der westafrikanischen Sahelzone haben derzeit über 18 Millionen Menschen nicht genug zu essen.

Die Bilder meiner jüngste Reise in den Niger und nach Burkina Faso werden mich noch lange begleiten: ein Vater, der vor Sorge und Kopfweh nicht mehr schlafen kann, weil er nicht mehr weiß, wie er seine Familie durchbringen soll. Babys, die selbst zum Weinen zu schwach sind.

 

Die Schöpfung ist für alle da

Aber auch: Menschen, die ihr Sonntagsgewand anziehen und ein Fest feiern, weil sie einen Sack Getreide bekommen. Und Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Stehen wir ihnen bei. Denn eine Zukunft ohne Hunger geht uns alle an.

Und: Die Güter der Schöpfung sind für alle da.


Franz Küberl (geboren am 22.April 1953 in Graz) hat seine Karriere in der Katholischen Arbeiterjugend der Steiermark begonnen; seit 1995 ist er Präsident der Österreichischen Caritas.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2012)

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6 Kommentare
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Fehlt da nicht etwas?

Herr Küberl hat einige der Faktoren, die zu Hunger in der Welt beitragen, genannt: Konflikte, ungerechte Agrarhandelspraktiken, veraltete Anbaumethoden, Vernachlässigung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und korrupte Regierungen.

Etwas fehlt aber: Die Überbevölkerung, hier z.B. von Bangladesch

1970 66 881 000
1975 70 582 000
1980 80 624 000
1985 92 284 000
1990 105 256 000
1995 117 487 000
2000 129 592 000
2005 140 588 000
2010 148 692 000

Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Demographics_of_Bangladesh

Bei einer Verdopplung der Bevölkerung zwischen 1970 und 2010 sind Hunger und Armut kein Wunder. Wie würde Österreich mit 12-15 Millionen Einwohnern aussehen? Das hält keine Volkswirtschaft und kein Ökosystem aus. Dazu kommt noch, dass diese Länder von Haus aus bettelarm sind.

Herr Küberl ist ein Mann der Kirche und sagt daher kein Wort über Bevölkerungskontrolle. Solange er so dogmatisch agiert, sind seine Wort gegen den Hunger nicht glaubwürdig. Hunger bekämpfen bei gleichbleibendem Bevölkerungswachstum? Das wird nicht funktionieren und in einer Katastrophe enden.

Gast: Niederösterreicher
14.08.2012 12:06
3 0

Ein Vorschlag an den Herrn Caritas-Präsidenten

Wie wir wissen, schlummern in der Erde unseres Planeten unermeßliche Bodenschätze, die höchst ungleich verteilt sind. Wir brauchen also nicht unseren Steuerzahlern von dem meist schwer verdienten Geld etwas wegnehmen: wir nehmen uns einfach das, was uns der liebe Gott geschenkt hat: eine gerechtere Aufteilung der Erträge aus der Gewinnung dieser Bodenschätze: Etwa in der Art, daß Erdöl-Multis aus ihren reich sprudelnden Erdöll-Erträgen oder Besitzer von Diamentminen in Afrika usf. 10 % ihrer Eträge an einen Fond der UNO für die Hungenden dieser Welt abführen!
Das wäre weitaus gerechter als alle anderen Ihrer Vorschläge!

Antworten Gast: alibababa
15.08.2012 08:54
0 0

Logischerweise

müsste das auch für Dieter Mateschitz und sein "Red Bull", für die Konzerne Shell, VW, Microsoft etc., etc. gelten.
Haben Sie das so gemeint?

www.beten-für-regen

Küberl ist, als CEO der Caritas, ein sehr hoher katholischer Laien-Funktionär.

Von ihm hätte ich mir andere Vorschläge gegen die Dürre in den USA erwartet als ein online-Aufruf gegen die "Spekulation".

Warum nicht ein online-Aufruf zu einem Gebetssturm für Regen in den USA? Das würde viel besser zu seiner Organisation bzw. zu seiner Mutter-Organisation passen! Und wäre wahrscheinlich wirksamer.

Re: www.beten-für-regen

Leider wurde meine Antwort zensuriert.

Antworten Gast: asdfghjk
15.08.2012 08:55
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Zynismus ist ja manchmal gut und auch angebracht

Ihrer ist aber nur zum Kotzen!

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