19.05.2013 23:00 Merkliste 0

Die EPU-Blase: Mehrheit ohne Mehrzahl

WOLFGANG LUSAK (Die Presse)

Die Eine-Person(!)-Unternehmen brauchen neue branchen- und landesgrenzen-überschreitende Rahmenbedingungen.

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Lange habe ich gebraucht, bis mir klar geworden ist, was mich an der geläufigen Bezeichnung „Ein-Personen-Unternehmen“ stört: Es ist die gedankenlose und verräterische Verwendung der Mehrzahl für das Wort „Person“ darin. Bei der ursprünglichen statistischen Kategorisierung hat man wohl von 1000-Personen-Unternehmen, von 10-Personen-Unternehmen usw. heruntergezählt und bei der Benennung der Unternehmen mit nur einer Person schlichtweg die Form der Einzahl „vergessen“.

Weil in der Wirtschaft die tief verwurzelte Einstellung vorherrscht, dass ein „richtiges“ Unternehmen eben Mitarbeiter hat? Grammatikalisch wie sachlich richtig müsste EPU ausgeschrieben „Eine-Person-Unternehmen“ heißen. Diese Richtigstellung darf jetzt nicht als bloße Spitzfindigkeit abgetan werden, denn sie führt uns auf die Spur eines fundamentalen Missverstehens, eines nicht Wahrnehmens des eigentlichen Wesens der EPU.

„Wir haben immer sehr viele Anmeldungen zu EPU-Veranstaltungen, aber dann kommen viele einfach nicht, sie sind schwer erreichbar und mobilisierbar“, haben mir WKO-Organisatoren gesagt. Sätze wie „Eigentlich hat mich das AMS nach meiner Kündigung in die Selbständigkeit gedrängt“ und „Ich hab' es satt, bei EPU-Netzwerk-Events anderen EPU meine Visitkarte zu geben“ habe ich von Einzel-Unternehmern gehört. Ich weiß nicht, ob diese Aussagen repräsentativ sind, aber sie haben ziemlich verzweifelt geklungen. Denn wenn es durchaus auch EPU mit Visionen und Biss in der Durchsetzung gibt, wenn unzählige großzügige EPU-Leistungen von der WKO in den Bereichen Qualifizierung, Coaching, Netzwerken etc. angeboten werden: Alle in unserer Wirtschaft Verantwortlichen werden nicht darum herumkommen, dringend darüber nachzudenken, wie die rasant wachsenden EPU – derzeit ca. 270.000 – mit ihrer schon 2013 kommenden Mehrheit in der WKO nicht zu einer gefährlichen Blase werden, sondern ihre Zukunft im Interesse der Gesellschaft positiv gestalten können.

Sie sind eine inhomogene Gruppe, diese EPU: Dynamische Startups, die den baldigen Aufbau eines Betriebes mit vielen Mitarbeitern im Visier haben; clevere Geschäftsleute und „Ich-AGs“, die alleine sehr gut zurechtkommen; fröhlich-naive Aussteiger und Erfinder, die sich irgendwie verwirklichen wollen; dringend Arbeit suchende Junge, denen nur der Weg in die Working-Poor-Selbständigkeit übrig blieb; verunsicherte ältere Manager und Angestellte, die plötzlich ohne Job dagestanden sind und unfreiwillig zu Beratern mutierten; Hausfrauen, die etwas dazuverdienen müssen.

 

Ein völliges Umdenken ist nötig

Wir haben sehr viele vergleichbare Dienstleister darunter, die extrem von der Gesamt-Konjunktur abhängig sind und am unteren Rand der Sozialpyramide herumkrebsen. Es gibt noch viele weitere Segmente. Die Fragen sind: Kennen wir die Anteile der einzelnen Untergruppen? Gibt es ein segmentiertes Angebot für deren spezifische Bedürfnisse? Wie können sie in ihrer realen Situation und Befindlichkeit unterstützt werden?

Ich glaube, dass in der österreichischen Wirtschaft und Gesellschaft ein völliges Umdenken in der Betrachtung, Wertschätzung und Unterstützung der EPU Eingang finden sollte. Dass wir spezifische neue branchen- und landesgrenzenüberschreitende Rahmenbedingungen, Strukturen und Leistungsmodelle in den Bereichen Ausbildung, Sozialversicherung, Förderung, Besteuerung, Finanzierung, Lobbying etc. für sie brauchen.

Es könnte mit dem kleinen Schritt beginnen, dass wir sie richtig als „Eine-Person-Unternehmen“ ansprechen. Dass wir in ihrer Mehrheit das für unsere zukünftige Gesellschaft so bedeutende Individuum erkennen. Damit keine EPU-Blase aufgeht.


Wolfgang Lusak ist Lobby-Coach und Managementberater.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)

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