19.06.2013 15:22 Merkliste 0

Ein Stiefkind der Ausbildung: Der Landarzt beginnt im Studium

JOSEF SMOLLE UND MICHAEL WENDLER (Die Presse)

Gastkommentar. Bei der regionalen Verteilung der Ärzte besteht Handlungsbedarf – die Medizin-Uni Graz geht das Problem mit einem Modellversuch an.

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Die kürzlich veröffentlichte Ärztebedarfsstudie hat klar aufgezeigt, dass künftiger – und gegenwärtiger – Handlungsbedarf bei der regionalen Verteilung der Ärztinnen und Ärzte besteht. Wenn auch die Gesamtzahl stimmt, besteht die Gefahr eines Versorgungsmangels in ländlichen Regionen im Allgemeinen und bei Hausärzten im Speziellen. An den Medizinischen Universitäten ist diesbezüglich einiges geschehen. Doch: Wird das ausreichend sein?

Zwar hat es immer zahlreiche Kollegen gegeben, die bewusst das Berufsbild des Allgemeinmediziners gewählt haben. Gar nicht so wenige haben jedoch diesen Weg per exclusionem beschritten. Nach dem Studium wurde mit dem Turnus begonnen – damit man sich einmal „breit umschauen“ kann –, man hat sich vielleicht für dieses oder jenes Fach interessiert, letztlich aber keine der gewünschten Facharztausbildungsstellen bekommen und sich dann damit abgefunden, sich als Hausarzt mit einem der nächsten frei werdenden Kassenverträge niederzulassen. Dabei ist die hausärztliche Tätigkeit eines der schönsten Arbeitsfelder des ärztlichen Berufs, und in einem modernen Gesundheitswesen wird die Bedeutung der Allgemeinmedizin noch deutlich steigen. Somit ist es Auftrag an alle Institutionen in der Ärzteausbildung, hier frühzeitig die Weichen zu stellen und Allgemeinmedizin als interessante und wichtige Option zu vermitteln.

 

Keine universitäre Tradition

Mit dem Diplomstudium Humanmedizin 2002 hat die Medizinische Universität Graz das Fach Allgemeinmedizin in die reguläre Medizinerausbildung aufgenommen. Dieser Schritt war nicht einfach, weil das Fach in Österreich noch keine universitäre Tradition hatte.

Durch engen Schulterschluss mit Berufsverbänden und äußerst engagierten Kolleginnen und Kollegen aus der Allgemeinmedizin ist es gelungen, das Fach zu etablieren. Die Allgemeinmedizin ist schon im ersten Semester bei der „Einführung in die Medizin“ beteiligt. Nachdem allgemeinmedizinische Versorgung jedoch per definitionem nicht in Universitätskliniken stattfindet, würde allgemeinmedizinischer Unterricht Theorie bleiben, könnte man nicht einen Akzent in der Praxis setzen.

Aus diesem Grund hat die Med-Uni Graz seit sechs Jahren verpflichtend eine vierwöchige Famulatur in der Allgemeinpraxis eingeführt. Das bedeutet, dass jede Studentin und jeder Student ein Monat in einer hausärztlichen Praxis verbringt, wobei jeweils nur ein Studierender pro Praxis zugewiesen wird und damit die in anderen Lehrveranstaltungen undenkbare 1:1-Relation zwischen Lehrenden und Studierenden hergestellt wird.

Nachdem dies eine „Pflicht“-Famulatur ist, die alle absolvieren müssen, haben mittlerweile mehr als 1000 Studierende diesen Einblick in die Allgemeinmedizin bekommen. Möglich geworden ist dies nur auf Grund des enormen Engagements der Allgemeinmediziner in der Steiermark und in zahlreichen anderen Bundesländern. Derzeit sind mehr als 200 Standorte als Lehrpraxen akkreditiert.

Um den Prozess zu verstetigen, läuft an der Med-Uni Graz gerade das Besetzungsverfahren für den Lehrstuhl für Allgemeinmedizin. Eine solche Professorin bzw. ein solcher Professor wird das Netzwerk der Lehrpraxen nicht überflüssig machen, sondern fördern. Die Professur wird sich um Vernetzung, Lehrqualität und Versorgungsforschung kümmern – das unmittelbare Erleben der hausärztlichen Tätigkeit, des „family doctors“, wird weiterhin die Domäne der Lehrpraxen sein.

Das Bewusstsein, das die Med-Uni Graz für die Allgemeinmedizin schafft, zeitigt auch die gewünschte Wirkung, wie durch Studierendenbefragungen gut belegt ist. Während vor Antritt der Allgemeinmedizin-Famulatur nur 20Prozent die Frage, ob sie sich dies als Berufsbild für sich vorstellen könnten, mit Ja beantworten, steigt dieser Prozentsatz nach der Famulatur auf mehr als das Doppelte an. Durch Intensivierung der Allgemeinmedizin in den früheren Studienjahren, noch vor der Famulatur, lässt sich der Effekt insgesamt sicher noch verstärken. Der entscheidende Punkt jedoch ist, dass durch die vierwöchige Zusammenarbeit in der Praxis die Studierenden die Allgemeinmedizin als faszinierende, oft herausfordernde, aber ebenso oft auch befriedigende und beglückende Erfahrung erleben und als attraktives mögliches Berufsziel erkennen.

So weit konnten wir als Universität zusammen mit unseren allgemeinmedizinischen Kollegen den Weg bereiten, doch nun sind jene Stakeholder gefordert, die für die Ausbildungsordnung und für die Ausbildung verantwortlich zeichnen. Der derzeitige dreijährige Turnus, der fast ausschließlich in Krankenhäusern absolviert wird, entspricht weder qualitativ noch quantitativ aktuellen Herausforderungen. Viele im jetzt praxisnahen Studium gewonnene Erkenntnisse und Handlungsweisen könnten unter diesen Bedingungen sogar verloren gehen, da sie nicht weiter trainiert und gepflegt werden.

Qualitativ leidet die Ausbildung oft an einer Überfrachtung mit arztfremden, insbesondere auch bürokratischen Tätigkeiten. Strukturell das größte Problem ist jedoch die fachliche Ausrichtung. Wiederholt haben Studien gezeigt, dass maximal vier bis sieben Prozent an ungelösten Problemfällen im stationären Umfeld landen und an diesen die künftigen Allgemeinmediziner im Turnus ausgebildet werden. Die Masse der alltäglichen Aufgabenstellungen der Primärversorgung bekommen sie nicht zu Gesicht. Somit wäre essenziell, dass ein signifikanter Teil der Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin in qualitätsgesicherten ärztlichen Lehrpraxen absolviert werden muss.

 

Kein „Wartesaal“ für Fachärzte

Quantitativ ist der Zeitraum von drei Jahren ein Problem. Es ist unverständlich, dass die Ausbildung zum Allgemeinmediziner mit drei Jahren nur halb so lang dauern soll wie für alle Sonderfächer, für die jeweils sechs Jahre vorgesehen sind. Somit ist der Turnus für eine moderne Allgemeinmedizin zu kurz, als „Vorraum“ und „Wartesaal“ für eine Facharztausbildung zu lang.

In diesen Fragen scheinen nun nach jahrelanger Diskussion die Zeichen auf Erfolg zu stehen. Es wird ein einheitliches „Basisjahr“ nach dem Studium für alle diskutiert, an das dann eine mehrjährige Ausbildung entweder für Allgemeinmedizin oder eines der etablierten Sonderfächer anschließt.

In der Ausbildung zur Allgemeinmedizin werden zumindest sechs bis neun Monate in Lehrpraxen vorgeschrieben werden. Gleichzeitig wird es auch weiterhin eine verpflichtende Rotation durch zahlreiche Spitalsabteilungen geben. Zwar erlebt man dort in der Regel Dinge, die man später in der Allgemeinpraxis nicht selbst tun wird. Sie sind für einen umfassend ausgebildeten Hausarzt trotzdem wichtig. Der Hausarzt ist nämlich nicht nur für Probleme zuständig, die in der Praxis selbst gelöst werden können, sondern hat im besten Sinn seines Berufs auch die Aufgabe, Berater, Wegbereiter und Wegbegleiter seiner Patientinnen und Patienten in den weiteren Versorgungsstufen des Gesundheitswesens zu sein – eine Rolle, die auch aus Gründen der Ökonomie und Patientensicherheit noch an Bedeutung gewinnen wird.

Die Medizinischen Universitäten zusammen mit den Berufsverbänden tragen ihren Teil zu einer modernen Allgemeinmedizin bei und halten mit internationalen Entwicklungen mit. Somit bestehen gute Voraussetzungen, dass die Entscheidungsträger der postpromotionellen Ausbildung an diese Entwicklung anschließen können. Wir sehen dieser Entwicklung aufgeschlossen entgegen.


Josef Smolle ist Rektor, Michael Wendler Leiter der Modell-Lehrpraxis der Med. Universität Graz).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)

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1 Kommentare
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Qualitativ leidet die Ausbildung oft an einer Überfrachtung mit arztfremden, insbesondere auch bürokratischen Tätigkeiten

Das zählt zu den Standard Leiern, wenn es gilt ärztliche Leiden zu formulieren!
Leute, das ist echt langsam fad.

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