22.05.2013 07:57 Merkliste 0

Elektroautos, Heiler für die Herausforderungen der Welt?

WERNER PLESCHBERGER (Die Presse)

Gastkommentar. Sollen wir 13.000 Euro Steuermittel für ein kleines Elektroauto einsetzen? Polemische Anmerkungen zur „Mehr Industrie“-Parole .

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30 Prozent der österreichischen Wertschöpfung erbringt die Industrie, was ohne technologische Innovationen nicht zu leisten ist. Die Erfolgsstorys der Mikrochips und Mobiltelefone sollen Norm (und nicht Ausnahmen wie in der realen Innovationsgeschichte) werden. Neue Technologien braucht also das Land.

Weltweit prominentes Beispiel ist die mehr als 100 Jahre alte Hoffnungstechnologie Elektroauto. Es ist wieder einmal Objekt einer technologischen und politischen Verzücktheit, die Ingenieure, Unternehmen und Fachpolitiker umtreibt. Wir hören: Die Förderungsmittel von heute seien unser aller Jobgewinn und die Exporterfolge (Wertschöpfung) von morgen (2030 und danach).

 

Teure Modellregionen

Allein für fünf „Modellregionen“ betrug die Bundesförderung seit 2009 15,6 Millionen Euro, Umsteigehilfen auf „E-Fahrzeuge“ 6,5 Millionen und so fort.

Freilich: In der realen Innovationsgeschichte bleiben die meisten der medial hoch gepriesenen und hoch subventionierten Zukunftstechnologien reine technische und politische Fantasien. Sie kommen über die „Invention“ nicht hinaus. Wenige überleben in politisch konstruierten Märkten, mit hoch fliegenden Zielen, auf Dauer gestellten Forschungs- und Entwicklungsprojekten et cetera. Nur sehr selten entstehen profitable Nischenmärkte.

Elektroautos werden unter diesen Punkten als Heiler unserer Weltherausforderungen präsentiert:
•Retter der Autoindustrie vor Überkapazitäten in Europa
•Stärkung der nationalen Energiesicherheit bzw. Vermeidung geopolitisch motivierter Lieferrisiken von Energieträgern
• Bewältigung des Klimawandels
•Verbesserung der problematischen Luftqualität in Ballungszentren – Feinstaub!
• Geforderter Strukturwandel in die Low-Carbon-Economy mit tausenden grünen Jobs

Aber: Was bewirken 1000 Elektroautos für unsere Energiesicherheit? Was 250.000 gegen den gefährlichen Klimawandel? Gibt es nicht effektivere und effizientere Maßnahmen? Viele Fragen, keine nachvollziehbaren Antworten!

 

Überambitionierte Ziele

Die österreichische Regierung hat sich ein hoch ambitioniertes Marktziel gesetzt: 2020 sollen 250.000 Elektroautos im Markt flottieren (was etwa 5 Prozent der Gesamtflotte ausmachen würde), wofür das theoretische Bereitstellungspotenzial an Strom vorhanden wäre. Andere bescheiden sich mit „nur“ 210.000 Fahrzeugen, Realisten gar mit etwa 100.000 Fahrzeugen im gemeinsamen Zieljahr 2020.

Der politisch beschworene „Take-off“ des Elektroautos in Österreich beginnt bei null, genauer bei 0,2 Prozent oder bisher 989 registrierten Fahrzeugen mit Ende 2011. Um das Regierungsziel zu erreichen, müssten – ohne die illusorische Annahme einer explosiven Zunahme gegen 2020 – ab 2012 jährlich durchschnittlich (!) etwa 35.000 Elektroautos, was etwa 10 Prozent der Neuzulassungen von 2011 wäre, in den Markt kommen (bis 31. 3. 2012 wurden 41 (!) neue Autos registriert).

In Deutschland sind Ende 2011 4541 Elektroautos registriert. In Großbritannien sind es 1083 Elektroautos, womit bei der dortigen aktuellen Substitutionsrate es mindestens 25.000 Jahre dauern würde, um die Gesamtflotte von 28,5 Millionen Autos zu ersetzen! China verfehlt seine Marktziele eklatant.

 

Subventionierter Testmarkt

Von einem Käufermarkt für Elektroautos in Österreich zu sprechen ist schlichtweg falsch. Typischerweise für das Land gibt es fünf aus politischen Motiven entstandene und mit hohen öffentlichen Mitteln subventionierte regionale Testmärkte, die ausschließlich Förderartefakte sind, mit einem ungewissen „Schicksal“ nach Ende der staatlichen Subventionsphase (Nachhaltigkeit?).

Legt man allein die 4,7 Millionen Euro Bundesförderungen der Vorarlberger VLOTTE-Region auf die im Projektzusammenhang registrierten 357 Elektroautos um, wird jedes Fahrzeug mit 13.000 Euro aus allgemeinen Steuermitteln gefördert. Genauer: deren „Käufer“, etwa 80 regionale Unternehmen und mit Steuermitteln finanzierte öffentliche Organisationen. Private Käufer sind Hoffnungsträger des „guten“ staatlichen Handelns.

Wird das an die staatliche Planwirtschaft gemahnende politische Marktziel von 250.000 Elektroautos verfehlt, reagiert die breite Öffentlichkeit mit Recht zynisch.

Private Investoren werden unter hohem Meinungsdruck falsche oder ineffiziente Entscheidungen getroffen haben. Banken und Fonds haben uneinbringliches Risikokapital vergeben, das Firmen (Elektroauto-Start-ups) nicht mehr zurückzahlen können. Neu errichtete Ladestationen werden schlecht ausgenützt oder verrotten irgendwo (Stichwort: „E-Stationen“) wie die „öffentlichen“ Elektroautos.

Jemand trinkt aus medizinischer Sicht bereits zu viel Soda, der Patient entscheidet sich dennoch nur für ein anderes Soda, statt weniger zu trinken.

Das Elektroauto ist eine verträgliche Botschaft an die gelebte Automobilgesellschaft – uns droht kein „Karfreitagserlebnis“.

„Gute“ und „alte“ Ziele, wie weniger Kilometer fahren, die Stadt der kurzen Wege voranbringen, nie wirklich beliebt, sind endlich passé. Das Elektroauto wird zum legitimen Zweit- oder Drittauto, weil eine tolle Alternative zu den „Öffis“ oder zum Fahrrad. Ein regionaler Energieversorger propagiert in der Kleinstadt Eisenstadt elektrische City-Cars für die kurzen Wege!

 

Politische Dämme brechen

Das Elektroauto ist längst ein ordnungspolitischer Klassiker für Uni-Seminare.

Die politische Vorstellung, man könne – weltweit und auch in den USA unter Obama – Mengenziele für das Elektroauto vorgeben, ist eine simple planwirtschaftliche Anmaßung. Voraus geht die Annahme, man könne „wissend“ im nationalen Interesse die technologischen Gewinner der Zukunft „herauspicken“, sie oder zumindest einzelne Komponenten mit Steuermitteln fördern und im globalen Wettlauf erfolgreich positionieren.

Politik will, kurz gesagt, dem Markt eine Innovation selektiv diktieren. Die Methode erinnert wie gesagt an die Methoden der gescheiterten Planwirtschaft.

Subventionen erzeugen bekanntlich Nehmermentalitäten bei allen Empfängern, die Subventionen erfolgreich fordern und sie noch verteidigen werden, selbst wenn der Förderungsgrund längst als inferiore Technologie erkannt wurde.

Ist es anzustreben, dass Käufer nur deshalb ein Elektroauto erwerben, weil der Ankauf staatlich subventioniert wird, das sie sich also ansonsten nicht kaufen würden?

Warum dürfen regionale Energieversorger, die hohe (und steigende) Preise vom Haushaltskunden verlangen, Strom an Nutzer von Elektrofahrzeugen an Ladestationen verschenken?

Das Elektroauto hat mehr als seine Inszenierung als große Hoffnung und als Empfänger von Subventionen verdient! Ansonsten ist es eine Zukunftstechnologie, die immer eine bleiben wird.


Werner Pleschberger (geboren 1950 in Krems/Kärnten), Studium der Politologie und Kommunikationswissenschaft; als ao. Universitätsprofessor und Politikberater tätig. Schwerpunkte: politisches System und Entwicklung von Strategien für politische und wirtschaftliche Organisationen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

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1 Kommentare
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Eine 100 Jahre alte Hoffnungstechnologie

wird auch die nächsten 100 Jahre keinen Durchbruch schaffen. Denn es gibt gute Gründe, warum sich der Verbrennungsmotor und nicht das E-Auto durchgesetzt hat. Der Knackpunkt ist die Speicherbarkeit und vor allem die schwankende Verfügbarkeit der elektrischen Energie beim E-Auto.
Da Batterien elektrische Energie durch einen elektrochemischen Vorgang speichern, ist diese Reaktion immer temperaturabhängig und genau das wird immer das Problem des E-Autos bleiben. Bei Kälte sauert die Batterieleistung ab und genau dann braucht man aber mehr elektrische Leistung, da im Winter Heizung und auch Licht verstärkt gefragt sind.
Das E-Auto wird es aus diesem Grund nie über ein Nischenprodukt für Kurzdistanzen hinausschaffen und jeder Versuch diese nicht massenmarkttaugliche Technologie in den Markt zu pressen ist eine unverantwortliche Verschleuderung von Steuerzahlergeld, wie Hr. Pleschberger gut ausführt.
Auch im Jahr 2020 werden jedenfalls nahezu 99% der Autos mit Verbrennungsmotor fahren und das E-Auto ein Nischendasein fristen.

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