Meine Menschenkenntnis muss miserabel sein: Denn ich konnte und kann mir nicht vorstellen, dass der langjährige Kärntner ÖVP-Obmann Josef Martinz ein durch und durch schlimmer Mensch ist. Was er getan (und nach schrecklich langem Leugnen gestanden) hat, das ist schlimm. Dafür steht er vor Gericht und wird die Konsequenzen tragen müssen.
Aber ich kann mir nicht helfen: Wirklich gerissene Gauner sehen anders aus und verhalten sich auch anders. Mir scheint eher, Martinz ist – ganz wie es im Gebet heißt – „in Versuchung geführt“ worden und hat auf Dauer weder die Größe noch die Charakterstärke besessen, ihr auf Dauer zu widerstehen. Und von ganz oben angeleitet und eingekauft von einem, der meinte, selbst das Gesetz zu sein, ist ihm nach und nach jedes moralische Maß, jedes Unrechtsbewusstsein abhandengekommen. Statt Verantwortung hat er Verantwortungslosigkeit übernommen. Das soll und kann natürlich keine Entschuldigung sein, nur eine Erklärung.
Neuwahlen in Kärnten! Ja, natürlich! Dringend! Kärnten war lange genug ein Schurkenland! Aber wenn man nach dem carinthischen Katastrophenjahrzehnt nicht bloß einen Machtwechsel, sondern eine moralische Erneuerung und Hygiene im öffentlichen Leben haben will, wird es nicht genug sein, drei, vier Köpfe und vielleicht eine Partei auszuwechseln.
Ich fürchte nämlich, in dem Land sind viele, viele Martinze zu finden – nicht nur in der Politik. Viele haben am „System Haider“ über ein Jahrzehnt lang partizipiert und davon profitiert, sich damit saniert, gute Geschäfte gemacht und als Gegenleistung wider besseres Wissen und Gewissen zu allen möglichen Ungeheuerlichkeiten geschwiegen, weggeschaut oder gar zugestimmt.
Nicht nur Martinz, auch andere haben mit Haider kooperiert und koaliert und mit Prosecco und Chianti angestoßen. Und viele von denen sind heute noch in Amt und Würden. Viele haben sich aus Eigennutz an Korruption ebenso gewöhnt wie an Proporz und Postenschacher, die verbiesterten Schwestern der Korruption – mit dem seltsamen Argument: Das machen doch alle!
Nicht oberflächlich zu beheben
Manche haben die offensichtlichsten Politskandale in geradezu absurder Manier als unbedenklich zurückgelegt – und so verlängert; sogenannte Experten haben den Begriff „Sachverständigengutachten“ auf Jahre hinaus zu einem schlechten Witz gemacht.
Wenn man – um Richter Liebhauser-Karl zu zitieren – „das Krebsgeschwür aus der Gesellschaft“ operieren will, wird man tief ins Fleisch ihres Establishments schneiden müssen. Einen Tumor entfernt man nicht, indem man die Haut transplantiert.
Ich wünsche mir so schnell wie möglich Neuwahlen, bei denen auch eine Nichtpartei kandidiert, eine Bürgerliste aus sauberen, überparteilichen Fachleuten zur Krisenbewältigung! Eine all die Jahre unbeugsam gebliebene, mutige Journalistin fällt mir spontan ein, die ich für eine über dem Parteiengezänk stehende befristete Übergangsführung nominieren würde, ein essayistischer Doyen, ein Klartext sprechender Richter, zwei, drei mutige Schriftsteller, ob in Millstatt oder am Kreuzbergl oder am Friedelstrand, ein Arzt, ein Patientenanwalt, ein Kunstsammler, ein Kabarettist im Sherlock Holmes-Kostüm...
Doch, es gibt genug Saubermänner und Sauberfrauen im Land, die man als Putztrupp aufstellen könnte! Ich nenne sie der Einfachheit halber die GPÖ – die Gutmenschpartei.
Denn es wird immer klarer, dass Gutmenschen besser als Schlechtmenschen – und dass die Nestbeschmutzer gerade die sind, die uns ein Jahrzehnt lang „Nestbeschmutzer“ genannt haben! Deswegen fordere ich: Weg mit den Nestbeschmutzern!
Egyd Gstättner (*1962) ist Schriftsteller, Essayist. Aktuell: „Ein Endsommernachtsalbtraum“ (Picus).
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2012)















