Reden wir einmal über Österreicher und Deutsche ohne die Chiffre Fußball. Den Deutschen, auch solchen, die sich für Fußball interessieren, sagt der Name Cordoba überhaupt nichts, und das „I werd' narrisch“ halten sie für einen unartikulierten Schrei in einer fremden Sprache. Vom schadenfrohen Satz eines österreichischen Fußballfans – „Die Piefke kriag'n a Schrauf'n“ – verstehen sie gar nichts, auch nicht das Wort Piefke, das die meisten Deutschen zum ersten Mal hören, wenn sie es einen Österreicher über sie sagen hören.
Die Deutschen sind mit 220.000 Menschen die größte Zuwanderergruppe in Österreich, gefolgt von Angehörigen der früheren Jugoslawischen Republik Serbien, den Türken sowie den Bosniaken und Kroaten. Das wissen die Österreicher zwar, aber es ist nicht wirklich in ihr Bewusstsein eingedrungen. Der Deutsche, das ist immer noch der Tourist. „Die Piefkes kommen“ hieß es erfreut in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Das verhieß unkomplizierte Gäste und volle Betten. Heute fragt sich mancher Touristiker bang: „Kommen die Piefkes wohl?“
Aber längst sind die Deutschen da, nur eben nicht mehr lediglich als Gäste, sondern sie betreuen Gäste. Der Tourismus in Westösterreich wäre ohne die Kellnerin aus der ehemaligen DDR im Dirndl oder den Hausknecht aus Süddeutschland nicht denkbar. Aber auch bei Wiener oder niederösterreichischen Heurigen trifft man sie. So grantig, wie ein österreichischer Ober sein kann, sind seine deutschen Kollegen jedenfalls nicht, auch wenn sie ein etwas herber Charme auszeichnet.
Es blieb einem der dümmsten österreichischen Politiker, dem Tiroler Fritz Dinkhauser, vorbehalten, gegen diese deutschen Gastarbeiter zu polemisieren. Ihm seien die Deutschen „lieber vor der Bar als dahinter“, sagte der damalige Arbeiterkammerpräsident. Er habe immer gedacht, die Gefahr komme aus dem Osten, „doch in Wahrheit kommt der Feind von Norden“.
Nicht nur Kellner auf der Alm
Gerade unter den Deutschen gibt es aber nicht nur den ominösen Kellner, sondern auch viele Angehörige akademischer Berufe und Geschäftsleute, Ärzte, Professoren, Journalisten. In diese Kategorie fällt etwa der Abt von Heiligenkreuz, Maximilian Heim, der ein nicht gerade übliches Emigrantenschicksal hat.
Er kam zum Studium nach Heiligenkeuz und trat hier ins Kloster ein. 1988 wurde er mit drei Mitbrüdern nach Bochum-Stiepel geschickt, um dort ein Zisterzienserkloster zu gründen. 1996 wurde er nach Heiligenkreuz zurückgeholt, weil man ihn als Novizenmeister brauchte. Irgendwann zwischendurch schloss er seine Studien ab und wurde Professor. 2004 musste er wieder nach Stiepel gehen, diesmal als Abt des von ihm seinerzeit gegründeten Klosters. 2011 wurde er zum Abt von Heiligenkreuz gewählt und damit auch endgültig sesshaft in Österreich.
Erst bei dieser Gelegenheit bekam er die österreichische Staatsbürgerschaft.
„Charmant, aber lahmarschig“
Mit solchen Leuten kann man auch offen über ihre Erfahrungen in Österreich und mit den Österreichern sprechen. Sie nehmen sich dabei kein Blatt vor den Mund. Eine Unternehmerin, die eine kleine Softwarefirma besitzt, fand hier alle Klischees bestätigt, die man sich so im Ausland über Österreich macht. „Die Österreicher sind misstrauisch“, hat sie festgestellt, „sie sind umständlich und überprüfen alles fünfzigmal, bevor sie sich entscheiden“ und „sie wissen immer alles besser“. „Charmant, aber lahmarschig“ lautet ihr gar nicht charmantes Urteil über unsereins.
Eine junge deutsche Juristin, die in Österreich ein kurzes Praktikum machte, hat „eine gewisse Distanz bei der Arbeit“ zu ihren österreichischen Kollegen bemerkt. Die Deutsche rätselt, warum die Österreicher „so ablehnend sind“. Sie vermutet, es habe damit zu tun, dass sie nicht Dialekt spricht. Ihr deutscher Chef bestätigt das aus langer Erfahrung: „Wenn ein Österreicher nach Deutschland geht, wird er dort uneingeschränkt akzeptiert, umgekehrt erleben das Deutsche in Österreich aber nicht.“
„Über österreichische Politik rede ich grundsätzlich nicht“, sagt ein einflussreicher deutscher Geschäftsmann, der schon auf verschiedenen Posten im Ausland war, „aber zum Geschäftsleben sage ich offen meine Meinung.“ Obwohl er aus dem „süddeutschen Raum“ kommt und eine gewisse Affinität zur hiesigen Sprache hat, werde ihm oft von Österreichern gesagt, dass sie sich den Deutschen sprachlich unterlegen fühlten.
Sprachlich unterlegen?
Im Geschäftsleben, bei Verhandlungen und Gesprächen treten die verschiedenen Mentalitäten offen zutage: „In Diskussionen sind die Deutschen viel härter und aggressiver, da gehen ihnen die Wiener eher aus dem Weg und verschanzen sich hinter einem latenten Gefühl von Unterlegenheit.“ Die Österreicher beteuerten auch ständig, wie gut doch die Zusammenarbeit mit den Deutschen sei, tatsächlich aber „können sie sehr schnell unangenehm werden, wenn sie fühlen, dass ein Deutscher ihre Kreise stört“.
Eher peinlich ist ihm, dass die Österreicher schnell anbiedernd werden und „leicht die Distanz verlieren“. Verwundert ist er über das „ausgeprägte Konsensbedürfnis“ der Österreicher. „Das unendliche Lob der Sozialpartnerschaft ist nur schwer auszuhalten.“ Herkunft und Freundschaften von Jugend an spielten hier ein große Rolle, soziale Netzwerke seien „sehr entwickelt“, merkt er mit sichtlicher Distanz an.
Viele Deutsche machten den Fehler zu meinen, man sei hier quasi ohnehin daheim. Wenn sie nach Polen oder Russland gehen, machen sie vorher Kurse, um sich auf das fremde Land vorzubereiten. „In Österreich halten sie das für nicht notwendig und sind im Nachhinein erstaunt, dass es hier dann doch sehr anders ist.“
„Schmäh der Verbrüderung“
Immer wieder kommt der Geschäftsmann auf die Sprache zu reden. Oft schrecke er sich, wenn er im Supermarkt Deutsche reden hört. „Ich sage meinen Landsleuten immer wieder, sie sollten mehr Rücksicht auf die sprachlichen Empfindlichkeiten der Österreicher nehmen.“ Ausgesprochen „deutscher“ Tonfall komme hier nicht gut an.
Die Vermischung von Geschäftlichem mit Privatem und die Umwege, die die Österreicher lieben, findet er ärgerlich: „Direktheit wird nicht geschätzt in Österreich. Die Österreicher laden einen zuerst zum Heurigen ein, bevor sie zum Geschäft kommen, während es die Deutschen nicht erwarten können. Wenn den Preußen auf der Alm die professionell gespielte Harmonie vorgemacht wird, sind sie begeistert. Aber im Geschäftsleben halten sie das nur schwer aus. Das können die Österreicher perfekt, den Deutschen den Schmäh der Verbrüderung vorzuspielen.“
Das Urteil das Gastes, den man sicher als sehr gut integriert betrachten kann, ist unerbittlich: „Der Wiener ist kein Kosmopolit. Von sich aus tut er nichts, um die Integration zu befördern. Es gibt hier eine solide Basis von Vorurteilen.“
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)















