23.05.2013 19:09 Merkliste 0

Pussy-Aufstand in Österreich? Moskau ist uns näher als gedacht

GEORG VETTER (Die Presse)

Der Prozess gegen die russische Punkband Pussy Riot wäre in Österreich vielleicht ganz ähnlich ausgegangen wie in Moskau.

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Das nennt man Marketing: Ein paar junge Frauen mit unbekanntem Gewerbehintergrund schließen sich in Russland unter dem englischen Namen Pussy Riot zusammen. Diese Bezeichnung, die jedermann milieu- und stimmungsabhängig sich selbst übersetzen kann, klingt offensichtlich so markant, dass man ihn auf der russischen Website der Gruppe nicht ins Kyrillische zu übertragen für notwendig erachtet. Nicht nur „Sex sells“ weltweit, sondern auch sexuelle Ausdrücke. Anschließend begeben sich die Pussy-Aufständischen in die Moskauer Erlöserkirche und rocken dort gegen die Regierung Putin. Das angestrebte Strafverfahren garantiert weltweite Aufmerksamkeit. Das Urteil wird etwa vom deutschen Außenminister und der deutschen Bundeskanzlerin gescholten.

 

Ist Größe wirklich gefährlich?

Trotz der Empörung der demokratischen Welt muss man doch froh sein, dass die Pussy-Damen ihren Schabernack nicht in Österreich getrieben haben. Hierzulande werden Oppositionelle, die sich mit der Religion anlegen, nämlich ebenfalls gerne strafrechtlich verurteilt – zuletzt etwa dann, als sich jemand über die sexuellen Praktiken des Propheten Mohammed äußerte. Wenn also Pussy Riot in einer österreichischen Religionsstätte – wobei eine Moschee weniger vogelfrei zu sein scheint als eine katholische Kirche – gegen den SPÖ-Bundeskanzler zu tanzen begonnen hätten, bin ich nicht sicher, ob das Urteil eines hiesigen Strafgerichtes gänzlich anders ausgefallen wäre als jenes in Moskau.

Manche Menschen im Westen sehen in Putin nach wie vor einen KGB-Offizier, der das Land im Geiste der KPdSU regiert. Sie übersehen aber nicht nur, dass die Kommunisten im heutigen Russland die zweitstärkste Kraft sind und sich gerade in Opposition zur Partei Putins befinden. Mit anderen Worten: Ohne Putin besteht die große Gefahr, dass die Kommunisten regieren könnten.

Weiters wird im Westen gerne übersehen, dass die Russen inklusive ihres Präsidenten ein sehr gläubiges Volk sind und in den Jahren nach dem Ende des Sowjetkommunismus zahlreiche Kirchen wieder aufgebaut haben – darunter auch die Erlöserkirche, in der selbst der russische Staatspräsident Weihnachten mit dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche zu feiern pflegt. Dass die Russen ihre Religion(en) nach mehr als 70 Jahren aufgezwungenem Atheismus zu schützen gewillt sind, darf nicht wirklich verwundern.

Möglicherweise hängt die Aversion gegen das heutige Russland mit einer allgemeinen Abneigung gegen all das zusammen, was mit Macht und ihrer Ausübung verbunden wird. Da die Machtlosen in der Macht gerne den Missbrauch sehen, um sich in der eigenen Machtlosigkeit wohl zu fühlen, wird die Größe dämonisiert. In Österreich, das seine Größe nun schon seit fast hundert Jahren verloren hat, versteht man dies besonders gut. „Denn die Größe ist gefährlich“ lautete der Titel eines bekannten historischen Buches. Vielleicht hängen die beginnenden Ansätze eines antirussischen Verhaltens aber auch damit zusammen, dass, wie einst der konservative britische Historiker Paul Johnson schrieb, die Sünde das Monopol des weißen Mannes geworden ist und damit der Antiamerikanismus als einzig salonfähiger Rassismus zumindest vorübergehend hintanzustellen ist. Psychologisch interessant haben Großmächte offensichtlich immer etwas Verdächtiges an sich.

Wenn gewisse Demokratiedefizite in Russland bemängelt werden, dürfen wir Österreicher uns daran erinnern, dass erstens auch unsere Republik nicht als lupenreine Demokratie begonnen hat und zweitens auch im heutigen Österreich der Einfluss der Regierenden auf die Medien gar nicht gering zu sein scheint. So wird Bundeskanzler Faymann von den Journalisten des ORF vergleichsweise harmlos interviewt, während sich Staatspräsident Putin öfter und eindringlicher den Fragen der vierten Gewalt öffentlich stellen muss. Ganz abgesehen davon bestand in unserem Land bis vor Kurzem die demokratiepolitisch seltsame Praxis, dass staatsnahe Unternehmen mehr oder weniger freiwillig insbesondere für den Bundeskanzler Inserate schalteten. Gar nicht denken möchte man schließlich an jene überhastete Abschiebung aus Österreich vor ein paar Monaten, der ein paar nächtliche Telefonate des russischen Botschafters mit den Spitzenbeamten der Justiz vorausgegangen sein sollen.

 

Hoffen auf unbefangene Gerichte

Staatspolitisch inkonsequent mutet schließlich die Kritik westlicher Politiker am Moskauer Urteil an. Während ein Urteil eines westlichen Landes angesichts des Prinzips der Gewaltenteilung allenfalls mit sehr viel Zurückhaltung aufgenommen wird, scheinen solche Hemmungen hinsichtlich einer Entscheidung eines ausländischen Gerichtes nicht zu existieren. Man stelle sich vor, Putin würde die Strafverfolgung der österreichischen Justiz gegen Oppositionelle kommentieren und die Mohammed-Entscheidung zum Anlass medienwirksamer Urteilsschelten nehmen. Solche Äußerungen würden zu Recht als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates zurückgewiesen worden.

Im Übrigen haben wir Österreicher derzeit einen ganz besonderen Grund, auf die Unbefangenheit der russischen Gerichte zu hoffen. Nach dem Mord an einem österreichischen Wirtschaftsanwalt sind bekanntlich die beiden mutmaßlichen Täter in Moskau festgenommen worden. Eine Auslieferung ist auszuschließen – auch Österreich würde seine Staatsbürger nicht nach Russland ausliefern. So wird es einen Prozess in Russland geben, wobei, wie der Präsident des Wiener Straflandesgerichtes unlängst erklärte, die Täter zwischen einem Berufsrichter und einem Geschworenengericht wählen können. Die russische Gerichtsbarkeit ist uns also näher, als Pussy Riot und deren Verteidiger glauben machen.

 

Georg Vetter ist Rechtsanwalt in Wien und Präsident des Klubs unabhängiger Liberaler.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)

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14 Kommentare
Gast: Fürstenstein
28.08.2012 05:12
0 0

Auf der Einkaufsliste der Russenmafia:

Ein deutscher Exkanzler, eine Sopranistin und ein "liberaler" Rechtsanwalt, dem nichts peinlich ist.

Gast: Be-obachter
27.08.2012 20:33
0 0

Ausgezeichneter Kommentar!


Gast: Othello
27.08.2012 20:22
0 0

Vetternwirtschaft mit Putin?


Gast: Ein Konservativer aus der freien Welt
27.08.2012 17:59
0 0

Zum FAZ-Link unten:

Zum FAZ-Link unten: Vladimir Putin im Zusammenhang mit dem Pussy-Riot-Urteil als Retter das Familie und russischen Werte hinzustellen, erscheint mir doch etwas kühn. Mag die Aktion der drei Frauen auch nicht jedermanns Geschmack treffen – sollten sie tatsächlich auch an Gruppensex-Orgien teilgenommen haben, wie hier dargestellt, so sei doch bemerkt, dass nicht alle, die bei uns in den 1970er-Jahren an solchen Orgien teilgenommen haben, der RAF beigetreten sind, wenn man, angesichts der letzten Leaks über Prinz Harry, damit nicht eher die Abkürzung für Royal Air Force meint… Und wir in Österreich hatten „Drahdiwaberl“ – daraus ist sogar ein Falco hervorgegangen. Und was die Sache mit dem Urin angeht: Wir in Ostösterreich hatten immerhin zehn Jahre eine sowjetische Besatzung, und so waren meine Großeltern über die traditionelle russische Fäkalkultur gut informiert, und sie haben diese Informationen auch an ihre Enkel weitergegeben. Ich darf daher sagen: Einen Bruch der alten russischen Traditionen, zu denen auch das Bepissen der Reifen des Raketentransporters in Bajkonur vor jedem Start gehörte, kann durch die erwähnten Protestaktionen nicht wirklich erkannt werden. Viel amüsanter ist, dass ein allmächtig regierender Macho, der sich gerne als Tigerinnen-Jäger – der in der Taiga sibirische Tigerinnen mit dem Betäubungsgewehr stellt, ihnen Funkhalsbändchen umlegt und sie dabei liebevoll kost – darstellen lässt (gelegentlich auch im österreichischen Boulevard), jetzt mit drei Punk-Musikerinnen solch ein Problem hat. Wo bleibt jetzt die beschützende, jovial-patriarchalische Geste…?
In der FAZ gibt es übrigens zum Thema auch andere, von jenem Verlinkten diametral abweichende Beiträge.

Gast: Ein Konservativer aus der freien Welt
27.08.2012 13:55
0 3

Offensichtlich russische Propaganda...

KGB-Schullehrbuch-perfekter Aufbau: Erst Diffamierung der Opfer (für alle, die's nicht verstanden haben: Der Autor behauptet, sie seien von Berufs wegen Prostituierte), im Mittelteil Ansprechen katholisch-konservativer Kreise, um nur ja keine Putin=Sowjet-Renaissance-Gedanken aufkommen zu lassen, sondern vielmehr Putin als Retter des christlichen Abendlandes zu ikonographieren, und zum Schluss der Zeigefinger: Passt's auf, sonst' sprech'ma Euch z'Fleiß die Rebasso-Mörder frei.
Et voilà! - für die, die's noch nicht verstanden haben, wie das funktioniert in Russland mit der Gewalt(en)konzentration.

Antworten Gast: guter Artikel
27.08.2012 15:32
1 0


Antworten Antworten Gast: Paula Peee
27.08.2012 20:07
0 0

Re: Re: Offensichtlich russische Propaganda...

was gathmann schreibt macht hier auf facebook ja schon lange die runde. hier die ganze diskussion mit wolfgang müller und christian y. schmidt von der titanic:

https://www.facebook.com/photo.php?fbid=4511839679235&set=p.4511839679235&type=1&comment_id=2991781

http://ingeborgfachmann.blogspot.de/

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Ein geistreicher Kommentar,...

... der uns drastisch daran erinnert, dass in Österreich inzwischen die beklemmende Situation besteht, dass Witz, Kritik, Ironie und Sarkasmus gegenüber Religionen (insbesondere Islam und Judentum) mit dem Strafrecht verfolgt werden. Religionsfreiheit geht vor Meinungsfreiheit - eine bedenkliche demokratiepolitische Fehlentwicklung!

Re: Ein geistreicher Kommentar,...

Die Religionsfreiheit garantiert aber auch, dass man keinen fremden religiösen Zwängen ausgesetzt wird.

Die Pflicht Gott zu ehren, Mohammed nicht abzubilden usw. sind aber gerade religiöse Gebote. Diese auf Ungläubige auszudehnen gerät also nicht nur mit der Meinungsfreiheit, sondern auch mit der Religionsfreiheit selbst in Konflikt.
Inwiefern dadurch umgekehrt die Ausübung der Religion der Gläubigen beeinträchtigt werden könnte ist auch nicht klar. Ich kann ohne Probleme zur Kreuzverehrung in der Kirche gehen, selbst wenn alle Museen der Stadt voller gekreuzigter Frösche sein sollten.
Und ich kenne auch viele Muslime die es ohne weiteres schaffen Mohammed aus Respekt nicht abzubilden, auch wenn andere das doch tun.

Xenophilie

"– wobei eine Moschee weniger vogelfrei zu sein scheint als eine katholische Kirche –."

Nach bisherigen Erfahrungen kann man davon ausgehen. Die Rechtssprechung steht in Österreich offensichtlich unter enormen politischen Druck xenophiler Kreise. Den Hintergrund bildet ein EU spezifisches Verständnis von Menschenrechten, in dem die Interessen des Fremden über jenen des Eigenen stehen.


Gast: milansi
27.08.2012 09:17
0 1

pussy

Straffe ist zu niedrig.

Gast: gehham
27.08.2012 09:06
0 2

...

russische propaganda in österreich?

Der Mann

hält sich für einen Liberalen? Wirklich?

Ist das jetzt die neue Sprachregelung für Rechtspopulisten?

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Re: Der Mann

Hast den Artikel nicht verstanden? Macht nichts, Pisa lässt grüßen!

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