Das zentrale Problem – vor dem die Welt ebenso wie Österreich steht – ist jenes der Erderwärmung. Diese führt zu Extremereignissen wie Intensivniederschlägen, Überschwemmungen und Dürreperioden, die wiederum Missernten und in der Folge höhere Agrarpreise auslösen.
Die Hauptursache der Erwärmung sind die immer noch steigenden C02-Emissionen aus der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle. Bei der Nutzung der Energiemenge, die in einem Liter Öl enthalten ist, werden bei der Verbrennung von Öl 2,7 Kilogramm C02, von Gas 1,9 Kilo C02 und von Kohle 3,3 Kilo C02 freigesetzt. Weltweit machten diese Emissionen 31.000.000.000 Tonnen aus, allein in Österreich noch 71.000.000 Tonnen.
Um eine Temperaturerhöhung auf über 2 Grad Celsius zu verhindern, müsste Österreich seine Emissionen bis 2040 im Sinne einer weltweiten Solidarität auf 2Tonnen C02 pro Kopf, also auf 17.000.000 Tonnen, reduzieren. Bei den aktuellen Rahmenbedingungen in Österreich steigen sie jedoch weiter an.
Urwaldrodung ist abzulehnen
Die Biotreibstoffe sind ein Teil der Strategie zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen im Verkehrssektor. Allerdings gibt es auch negative Effekte der Biotreibstoffe, deswegen ist eine differenziert geführte Diskussion notwendig. Biotreibstoffe aus Ländern mit Tropenwäldern, in denen die Rohstoffe auf Flächen produziert werden, die zuvor Urwälder waren, sind abzulehnen.
Das Gleiche gilt für Flächen in Entwicklungsländern, die für die Ernährung der ansässigen Bevölkerung benötigt werden. Ferner ist strikt zwischen Biodiesel und Ethanol zu unterscheiden: Ethanol wird nur Benzin beigemischt. Konzentrieren wir uns auf Ethanol aus Rohstoffen wie Mais oder Weizen schlechter Qualität aus Zentraleuropa.
Diese Region ist ein Getreideüberschussgebiet. Um zu große Überschüsse zu verhindern, wurden die Landwirte noch vor einigen Jahren de facto gezwungen, zehn Prozent ihrer Flächen stillzulegen. Die Landwirtschaft wurde wegen ihrer Überschussproduktion an den Pranger gestellt.
Gleichzeitig gab es auch schon vor zehn Jahren etwa 800 Mio. Menschen, die hungerten, und dennoch wurden gleichzeitig Flächen zwangsweise stillgelegt. Das war ethisch gesehen ein Skandal!
Doch auch dieses Thema ist sehr vielschichtig, denn es gibt genug Beispiele, die zeigen, wie durch die Verteilung stark subventionierter Nahrungsmittel an Entwicklungsländer die regionale Landwirtschaft um ihre Märkte gebracht und stark geschwächt wurde. Die regionalen Regierungen verloren dadurch den Anreiz, ihre eigene Landwirtschaft zu entwickeln.
Euro-Anbau rettet Regenwälder
Mittlerweile werden in Mitteleuropa nur mehr wenige Flächen stillgelegt, aber dafür Mais und Getreide für Ethanol angebaut. Mais besteht nicht nur aus Stärke – die für die Ethanolerzeugung verwendet wird – sondern enthält auch Protein und Maisöl, das der Erzeugung von Eiweißfuttermitteln dient. Bei den hiesigen Erträgen liefert ein Hektar Mais etwa gleich viel Eiweißfutter wie ein Hektar Sojabohnen in Argentinien oder Brasilien.
Wird die österreichische Ethanolanlage voll genutzt und damit ausreichend Alkohol für E10 erzeugt, so werden durch das gleichzeitig erzeugte Eiweißfuttermittel die Importe von Sojakuchen in einer Menge ersetzt, für deren Produktion in Brasilien 60.000 Hektar Ackerland benötigt werden. Ethanol aus Österreich gefährdet daher nicht die Regenwälder – im Gegenteil, es schützt sie sogar, weil der Druck auf Sojaimporte kleiner wird.
Auch die C02-Effekte der Ethanolerzeugung sind sehr unterschiedlich. Weltweit gibt es Beispiele, die zeigen, dass der C02-Einsparungseffekt sehr gering oder manchmal sogar negativ ist, nämlich dann, wenn die Rohstoffe für die Biotreibstoffe auf Flächen angebaut werden, die zuvor Regenwälder waren, und wenn die Energie für den Betrieb der Anlagen aus fossilen Quellen stammt.
Für die österreichische Ethanolanlage, die als Energiequelle die Abwärme eines Kraftwerkes nutzt, wurde in einer Lebenszyklusanalyse untersucht, welcheC02-Einsparung gegenüber Benzin unter Berücksichtigung aller Produktionsschritte vom Maisanbau bis zur Ethanolerzeugung im Vergleich zu Benzin von 70 Prozent erreicht werden.
Conclusio: Werden die in Österreich erzeugten 240.000 Kubikmeter Bioethanol dem Benzin beigemischt, so sinken dadurch die C02-Emissionen um 420.000 Tonnen. Ein weiterer Aspekt ist der Effekt des E10-Programms in Österreich auf die Agrarpreise. Diese richten sich zunehmend nach weltweiten Preistrends, ein Ergebnis der Liberalisierung der Märkte.
Die Preistrends werden vor allem durch die Trockenheit in wichtigen Anbaugebieten und durch die enorm steigende Nachfrage nach Futtermitteln für die Fleischproduktion bestimmt. Auf diese weltweiten Preistrends hat die österreichische Entscheidung über E10 so gut wie keinen Einfluss.
Anbautreiber Futterbedarf
Die Ansicht, dass durch einen Verzicht auf E10 in Österreich die Agrarpreise sinken, ist eine Illusion. Weltweit werden schon fast 300 Millionen Tonnen Fleisch erzeugt (Tendenz steigend), für dessen Produktion weit mehr als eine Milliarde Tonnen Futtermittel benötigt werden. Diese Entwicklung treibt die Expansion des Sojabohnenanbaus, vor allem in Südamerika, immer weiter voran und gefährdet damit direkt oder indirekt Waldgebiete in wesentlich höherem Maße als die Biotreibstoffe.
Die Fakten zeigen, dass die bisherigen Trends global an Grenzen stoßen. Man kann weiter auf mehr Fleischproduktion, mehr fossile Treibstoffe und weniger Biotreibstoffe setzen. Doch dann steigen die C02-Emissionen noch rascher. Ähnliches gilt für Österreich: Ein Verzicht auf E10 bedeutet, höhere Treibhausgas-Emissionen im Verkehr, größere Importe an Sojaschrot und an fossilen Treibstoffen und in der Folge mögliche Strafzahlungen wegen Nichterfüllung der Emissionsreduktion von 16 Prozent, wie sie europarechtlich vorgeschrieben ist.
Ein Mosaikstein zur Lösung
Wer das will, tritt gegen die Einführung von E10 auf. Wer das nicht will, muss E10 unterstützen. Damit kommen wir zur Eingangsbemerkung zurück: Das zentrale Problem ist die Erderwärmung, ausgelöst durch die hohen C02-Emissionen.
Mit höheren C02-Emissionen wird der Klimawandel beschleunigt und die Probleme, die damit verbunden sind, wie die Verringerung der weltweiten Ernten, werden weiter zunehmen. Aus diesem Kreis kommen wir nur heraus, wenn wir die Verwendung fossiler Energien drastisch und rasch reduzieren, auch im Verkehrssektor.
Biotreibstoffe sind nicht die Lösung schlechthin – aber, wenn es richtig gemacht wird, sind sie ein Beitrag zur Lösung.
Heinz Kopetz wurde im Zuge der Generalversammlung des Weltbiomasseverbandes Ende Mai zum neuen Vorsitzenden ernannt. Der Verband versteht sich als Sprachrohr der globalen Bioenergie-Branche. Er war langjähriger Vorsitzender des Österreichischen Biomasse-Verbandes und Präsident des Europäischen Biomasse-Verbandes.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)















