26.05.2013 04:16 Merkliste 0

Mutproben einer Redaktion. Aber wo ist der Sicherungskasten?

ENGELBERT WASHIETL (Die Presse)

Heiße Luft. Mit einer Armutsstudie hat sich „Die Presse“ in einen Wirbel geredet. Kann passieren, müsste aber nicht gleich ein Blattaufmacher werden.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Österreich sieht alarmierend schwach aus“, lautet der Titel (21.8.), und die darüber gezeichneten Balken der realen Einkommen lassen keinen Zweifel. Die österreichischen Einkommensbezieher stürzen ab, die griechischen und spanischen fallen auf die Butterseite. Soweit die überzeichneten optischen Signale einer Meldung.

Schon der erste Satz lässt allerdings heiße Luft heraus: Das reale Einkommen sei hierzulande „laut einer Studie“ gesunken. Studien werden in aller Welt stapelweise verfasst. Ihre Menge ist Folge der Bildungsexplosion. Eine Zeitung wird die wichtigeren unter ihnen registrieren, warum aber gleich flächendeckend auf Seite 1? Hemmungslos zitiert „Die Presse“ die offenbar allwissende „UBS“. Die UBS ist eine Großbank in der Schweiz, die bisher weder der EU noch gar dem Euroland beigetreten ist. Der scharfe Blick der Franken-Hüter auf Missstände in Euroland könnte für die Wirtschaftsseite durchaus anregend sein, auf der Titelseite wirkt er, wie angekündigt, „alarmierend“.

Das gibt übrigens mit merklichem Bauchweh der Autor des nebenstehenden Kommentars zu, indem er bestätigt, dass die Studie gut zu den Biertischen der Eurokritiker passe. Aber der Biertisch steht schon dominierend links daneben und lässt sich, weil Hochsommer ist und bald Redaktionsschluss, nicht mehr verrücken.

Solche Momente sind ein Funktionstest für redaktionelle Sicherungen. Diese rühren sich nicht. Worauf ein mehrtägiger geordneter Rückzug beginnt, bis hin zum verspäteten Eingeständnis, dass die UBS „bei allen aufgeflogenen Großsauereien der Finanzwelt vorne dabei gewesen“ sei.
Manchmal ist ein Artikel nicht zu mutig, sondern bloß zu kurz für den zu füllenden Platz. Die Doppelseite „Unser Mann in Moskau“ (19.8.) ist so ein Konstrukt. Die Geschichte besteht aus zwei vermengten Sachverhalten, nämlich der Kooperation zwischen Wien und Moskau bei der Aufklärung des Mordfalles Erich Rebasso und der interessanten Tatsache, dass das Innenministerium in mehreren Staaten Polizeiattachés postiert hat. Bei den Ermittlungen über den Tod Rebassos habe der österreichische Polizeibeamte „Herr K.“ in Moskau eine große Rolle gespielt. Das wird so positiv hervorgehoben, als sei Herr K. die Auskunftsperson für die Zeitung gewesen.

Aber journalistische Skepsis setzt sich durch, und sei es im letzten Absatz: „Nicht immer hat die Kooperationsbereitschaft eines Landes ausschließlich mit der Vorarbeit der Verbindungsbeamten zu tun. Das könnte auch im aktuellen Fall mit Russland so sein.“
Die ÖBB habe für den einstigen Infrastrukturminister Werner Faymann „Werbebotschaften in Form eines redaktionellen Beitrages geschalten“, berichtet die Zeitung. Das Perfekt von „schalten“ lautet „geschaltet“.

Wer wen erschossen hat, ist bei folgendem Satz nicht zu eruieren: „Zwei von den drei niederländischen Polizisten, die das Botschaftspersonal noch alarmiert hatte, schossen die Terroristen nieder. (13.8.) Wahrscheinlich waren zwei Polizisten die Opfer, dann stehen sie aber im Satz an falscher Stelle.

Ein chronisches Leiden sind Appositionen, die den Kasus des Substantivs, zu denen sie gehören, nicht weiterziehen. „Bo Xilai war der Sohn von Bo Yibo, einer der ,acht Unsterblichen‘ der Partei“, steht da. Richtig müsste es heißen: „einem der acht Unsterblichen“.

Das Dativ-n ist nach wie vor ein flüchtiger Begleiter der Journalisten. Hier fehlt es schon wieder: „Mit 177.000 Einwohner wäre Favoriten die viertgrößte Stadt Österreichs.“

***
Weil wir aber gerade in Favoriten sind – ich würde zwar nie wagen, eine Rangordnung der Redaktionsressorts herzustellen. Ich glaube aber, herausgefunden zu haben, welche Zeitungsseite in den vergangenen Monaten den deutlichsten und sehr positiven Entwicklungsschub durchgemacht hat.

Es ist die Wien-Seite. Die Redaktion hat gegneißt, dass in Wien und Umgebung, wo die Mehrheit der „Presse“-Leser den Lebensmittelpunkt hat, die guten Geschichten gewissermaßen auf der Straße liegen. Man muss sie nur auflesen und erzählen, statt bloß „Kommunalberichterstattung“ auf der Basis von Presseaussendungen zu betreiben. Zum ersten Mal seit der Wiedergründung der „Presse“ 1946 steht dafür offenbar genügend Platz zur Verfügung.

***
Zu den scheinbar belanglosen, von Lesern dennoch unmutig registrierten Plagen gehören manche Layout-Praktiken. Es ist ja eindrucksvoll, dass „Die Presse“ Fotos und Artikel über den Bug auf zwei nebeneinander liegenden Seiten ausbreitet. Aber auf die linke und rechte Zeitungsseite je ein Foto Lopatkas und Waldners hinzustellen, aber den Bildtext durchlaufen zu lassen, führt beim Lesen zu unnötigen Mühen und bei der Handhabung der Zeitung zum Krieg mit Papierbögen. Oft hinterlässt ein „Panoramabild“ auch schwarze Flecken und Geisterbuchstaben.

Wenn der Artikel mit einer Initiale beginnen soll, am Anfang des Satzes aber die Zahl 30 steht, müssen wohl beide Ziffern in großen Lettern gedruckt werden, nicht aber 30. Ist 3 Grad Celsius gemeint? (20.8.)

***
Was sonst noch schiefgeht? Im niedlichen „Nougart-Törtchen“ verdient nur das Törtchen, nicht Nougat ein r im Wort.

Schon die norddeutsche Form „Mädels“ sollte in der österreichischen „Presse“ verpönt sein. Aber „Wäschermädels“ in die Wiener Vorstadt zu verpflanzen sei grausam, schreibt mir eine Leserin (5.8.). Die Mehrzahl von Zuckerl kann Zuckerl oder Zuckerln heißen. Aber beide Formen in einem Artikel verderben den Geschmack (21.8.) Ein weiblicher Kassier ist in Österreich eine Kassierin und keine Kassiererin (29.11.)

In den Niederlanden soll es „verstaute Autobahnen“ geben.

Der ehemalige Unterrichtsminister Heinrich Drimmel wird in der „Presse am Sonntag“ im Text und in einem großen Zwischentitel Drimmler genannt.

Kurze Unfallmeldungen werden heruntergelabert, wie amtshandelnde Polizisten ihren Bericht liefern: „Nur noch tot konnte am Sonntag nachmittag jener Wiener Drachenflieger gefunden werden, der seit Samstag nahe Pfunds (Bezirk Landeck) vermisst worden war.“

***
Als die „Kleine Zeitung“ Anfang vorigen Jahres eine gut gemachte „Kleine Kinderzeitung“ startete, bezeichnete ich das im Fachmedium „Der österreichische Journalist“ als großartige und längst überfällige Idee, weil schon die Kinder mit dem Informationsmittel Zeitung spielerisch bekannt gemacht werden.

Ich übertrage meine Überzeugung auf die neueste Ankündigung der „Presse“. Auch sie bietet eine Kinderzeitung an, und das ist sehr intelligent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

3 Kommentare
0 0

Der Abgesang des Journalismus

Klar, wenn jemand eine Studie veröffentlicht, muß man das nicht unbedingt glauben. So weit hat Herr Washietl ja noch recht. Aber nach welchen Kriterien beurteilt er Glaubwürdigkeit?
1. Die veröffentlichende Institution stammt aus der Schweiz und ist obendrein eine Bank.
2. Es bestätigt das, was Eurokritiker schon seit Jahren behaupten.
3. Es ist ja nur eine Studie.
Offensichtlich ist Glaubwürdigkeit für Herrn Washietl eine Frage der Nationalität. Würden solche Äußerungen hingegen an den zitierten Biertischen fallen, wäre der Vorwurf der Volksverhetzung wohl nicht weit.
Banken beschäftigen jede Menge an Ökonomen, die Statistiken produzieren. Warum Schweizer Ökonomen schlechter im Produzieren von Einkommensstatistiken sein sollen als die Ökonomen der OeNB (auch nur eine Bank) ist ein Mysterium, das Herr Washietl beizeiten lüften sollte.
Und ja, es ist "nur eine Studie". Braucht Herr Washietl eine amtliche Bestätigung und ein offizielles Imprimatur, damit er geruht, eine Publikation ernst zu nehmen? In der Hofberichterstattung ist das ja so.
Oh, Wunder, die Eurokritiker fühlen sich bestätigt. Das darf nicht sein. Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, müssen die Studienergebnisse - Lesart Washietl - komplett falsch sein. So einfach kann Journalismus in Österreich sein.
Dass man die Methodik, die zu Grunde liegenden Konzepte und Daten vergleicht, das ist ein Gedanke, der Herrn Washietl nicht in den Sinn kommt. Sonst könnte er ja zu unangenehmen Schlüssen kommen...

Re: Der Abgesang des Journalismus

@Murray!
Genau so sehe ich es auch! Der Herr Waschzettl will uns z.B. einreden, daß, weil die USB bei manchen Finanzmartk-Skandalen ebenfalls ihre Finger drinnen hatte, sie nicht imstande sei, eine objektive Statistik der Einkommens-Situation in Österreich im Laufe der letzten 10 Jahre zu erstellen! Aber was hat die, na ja, sagen wir, kriminelle Energie der einen Bank-Abteilung mit der von einer anderen veröffentlichten Einkommens-Analyse zu tun? Und daß die österreichsichen Durchschnittsverdiener sehr wohl selbst am besten wissen, daß sie im Supermarkt für die selbe Menge wie vor 10 Jahren immer mehr hinblättern müssen; auch das darf als erwiesen voraus gesetzt werden. Noch dazu ganz abseits der im Artikel erwähnten ""Stammtische der EU-Kritiker"....

Deutsch

"Kurze Unfallmeldungen werden heruntergelabert" -

ist auch kein österreichisches Deutsch...

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News