Erich Reiter ist ein ehrenwerter Mann. Viele Jahre hat er im Rahmen seiner beamteten Tätigkeit im Landesverteidigungsministerium unschätzbare Dienste geleistet. Stets hat er es verstanden, in sicherheitspolitischen Belangen seiner Zeit voraus zu sein. Sein wissenschaftliches Engagement und seine Vernetztheit im weltweiten Feld sicherheitspolitischer Theoretiker sind beachtlich. Und wieder ist er seiner Zeit voraus – zumindest nach dem, was er im Gastkommentar der „Presse“ (31. August) dargestellt hat.
Sein Befund des Zustandes des österreichischen Bundesheeres mag berechtigt sein. Er spiegelt genau das wider, was die Minister Günther Platter, Norbert Darabos und Co. unter kräftiger Mithilfe einiger Uniformierter im krassen Gegensatz zum Auftrag des Gesetzgebers gemacht haben: Das heutige Heer ist alles andere als nach Grundsätzen der Miliz organisiert.
Sie haben es geschafft, nach unzähligen Reformkommissionsstunden ein Heer zu schaffen, in dem ein ärmelschonerbewaffneter Apparat 25.000 junge Männer zu den Fahnen jagt, um sie auszubilden und danach als Karteileichen zu entlassen. Ohne jeden militärischen Nutzen. Professor Reiter hat recht: Keine Frage, dass dies zu diskutieren und zu ändern ist!
So stark wie eine Palastwache
Reiter kritisiert die angeblich nicht einmal ansatzweise Fähigkeit unseres Heeres zur modernen Kriegsführung. Es wäre jedoch weit gefehlt, dafür die Wehrpflicht als Begründung anzunehmen. Denn eine Berufsarmee hätte angesichts der österreichischen Finanzierungsbereitschaft wohl kaum eine Stärke, die über jene einer Palastwache hinausgeht.
Auch stellt Reiter richtigerweise fest, dass „der Sinn der Wehrpflicht die Aufstellung eines zahlenmäßig großen Heeres ist“. Genau das ist es, was im Bedrohungsbild der Gegenwart und nahen Zukunft gebraucht wird. Bei den sich gegenwärtig stellenden Bedrohungen gilt es, Einrichtungen der lebensnotwendigen Infrastruktur zu schützen oder nach terroristischen Anschlägen Aufräumungsarbeit zu leisten. Dazu bedarf es einer großen Anzahl von Soldaten: keines stehenden Heeres, sondern einer im Bedarfsfall aufzubietenden Miliz – der einzigen Art, um in einem Einsatz die notwendige Nachhaltigkeit sicherzustellen.
Unkoordiniertes Abrüsten
In Zeiten, in denen beobachtet werden muss, dass Mitglieder der EU aus bekannten Gründen höchst unkoordiniert abrüsten, anstatt ihre bewaffnete Macht koordiniert auf ein gemeinsames Ziel auszurichten, kann ein neutraler Kleinstaat – Neutralitätsschmäh hin oder her – nur der Letzte sein, der sein Heer vernachlässigt. Bekanntlich ist ja die Mehrheit der EU-Staaten Mitglied im Militärpakt der Nato und nutzt die militärische Beistandspflicht ihrer Mitglieder. Einer Organisation, die höchst reformbedürftig scheint und die bekanntlich aus der Zeit des Kalten Krieges stammt.
Die Frage drängt sich geradezu auf, wer hier eigentlich „gestrige Vorstellungen“ hat: die Befürworter eines kleinen Heeres nach dem Milizprinzip, gekoppelt mit Katastrophenhelfern und Zivildienern für den Sozialbereich? Oder „verspätet pubertärromantische Verfechter einer militärischen europäischen Großmacht mit österreichischer Beteiligung“, die in weiter Ferne „europäische Interessen“ durchsetzt; mit einer Armee, die höchstens in den Köpfen jener existiert, denen die Heimkehr unserer Soldaten etwa als von afghanischen „Freiheitskämpfern“ zusammengeschossene Krüppel oder gar in Särgen egal scheint.
Manfred Gänsdorfer war jahrzehntelang Berufsoffizier und ist seit 18 Jahren Herausgeber der Zeitschrift „Der Offizier“, Organ der Österreichischen Offiziersgesellschaft.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)















