24.05.2013 10:57 Merkliste 0

Eine katholische Reformdebatte - nur mit ganz anderen Mitteln?

HANS WINKLER (Die Presse)

»Ökumene jetzt!« Deutsche Politiker beider Konfessionen aus den beiden Volksparteien rufen zur Überwindung der konfessionellen Spaltung auf.

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Das wäre in Österreich undenkbar: Prominente Politiker der größeren Regierungspartei und der größten Oppositionspartei aus beiden christlichen Konfessionen, dazu noch eine Handvoll von Größen aus Kunst, Showbusiness und Sport geben eine gemeinsame Erklärung zu einer religiösen Frage ab.

In Deutschland ist das eben geschehen. Unter der Führung des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (katholisch, CDU ) haben sie in einem gemeinsamen Appell zur Überwindung der konfessionellen Spaltung aufgerufen.

 

Spezifisch deutsch

Zu den Unterzeichnern des Dokuments „Ökumene jetzt“ gehören Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (evangelisch, CDU), Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (katholisch, SPD), der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier (evangelisch), Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (evangelisch, CDU) und Bildungsministerin Annette Schavan (katholisch, CDU) sowie die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Gerda Hasselfeldt (katholisch).

Weiters unterzeichnet haben der Talkmaster Günther Jauch, Büchner-Preisträger Arnold Stadler, der Bildhauer Günther Uecker sowie der Sozialphilosoph Hans Joas, der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und bayerische Minister Hans Maier, der Präsident und der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach und Michael Vesper.

Dass aktive Politiker sich so offen zu Glaubenssachen äußern, hat mit der spezifisch deutschen Beziehung zwischen Staat und Kirche zu tun, die zum Teil viel enger ist als in Österreich. Es liegt auch an den stärkeren staatskirchlichen Traditionen im Protestantismus. Es ist üblich, dass prominente Politiker entweder noch während ihrer politischen Funktion oder nach dem Ausscheiden aus der Politik Aufgaben in der Kirche übernehmen – etwa als Präsidenten von Kirchentagen. Das gilt für beide Konfessionen gleichermaßen.

 

Zwei kirchliche Jubiläen

Möglich ist das, weil in Deutschland das Bewusstsein davon, dass die Kirchen einen unersetzlichen Beitrag zur ethischen Fundierung der Gesellschaft leisten, angesichts der eigenen Geschichte stärker ausgeprägt ist als anderswo.

Anlass für die Initiative ist der bevorstehende 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahre 1962 sowie das Gedenken zum 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 1517. Wie das Reformationsjubiläum in fünf Jahren begangen werden soll, ist jetzt schon innerhalb der evangelischen Kirche und über sie hinaus Gegenstand von eingehenden Überlegungen und von nicht geringer Sorge. Die Reformation sei ein historisches Datum, „das im Rückblick eine Zäsur in der Geschichte nicht nur unseres Landes darstellt“, heißt es in dem Aufruf. „Beide Ereignisse betreffen nicht nur jeweils eine Konfession, sondern sind eine Herausforderung an alle. Wir wollen alles tun, dass nach den Jubiläen nicht alles so bleibt, wie es vorher war.“

 

Spaltung „Ärgernis für die Welt“

Das Dokument der Politiker bezieht sich ausdrücklich auf die beiden Jubiläen. Es zitiert aus der wichtigsten evangelischen Bekenntnisschrift, Melanchthons Confessio Augustana von 1530, dass es zur Einheit der Kirche genüge, das „Evangelium rein zu predigen und die Sakramente auf rechte Weise zu reichen“.

Daraus zieht es den historisch nicht ganz zutreffenden Schluss, dass nur „handfeste politische Günde“ zur Spaltung der abendländischen Christenheit geführt hätten. Aus dem Ökumenismus-Dekret („Unitatis Redintegratio“) des Zweiten Vatikanischen Konzils zitieren die Politiker: „Eine solche Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden (...) Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht jeden an.“

Wieder ein Glied mehr also in einer Kette von Erklärungen, Aufrufen, Memoranden, offenen Briefen zur Kirchenpolitik, die alle paar Wochen verfasst werden und immer ohne Folgen bleiben, wie der Vizepräsident im Kirchenamt der EKD, Thies Gundlach, leicht abschätzig anmerkte? Er betonte die Unterschiede im Glaubensverständnis der beiden Konfessionen, über die man nicht einfach hinweggehen könne.

 

Unzufriedene Katholiken

Ähnlich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, der meinte, eine Überwindung der Kirchenspaltung sei nicht ohne solide Verständigung in theologischen Fragen möglich. Dagegen lobte das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken den Aufruf. Der katholische Theologe Otto Pesch meinte sogar, die grundsätzlichen Differenzen in Glaubensfragen zwischen Katholiken und Evangelischen seien von den Theologen seit Jahrzehnten ausgeräumt, man müsse das nur nachvollziehen.

Es fällt auf, dass die offiziellen Stellungnahmen der Evangelischen Kirche, die sonst immer vorwurfsvoll den Stillstand in der Ökumene beklagt, deutlich distanzierter sind als die von katholischer Seite. Man interpretiert bei den Protestanten das Dokument eher als den Ausdruck der Unzufriedenheit von Katholiken mit ihrer eigenen Kirche denn als einen wirklichen Brückenschlag. Das dürfte nicht unrichtig sein.

Die Initiative für den Aufruf ging eindeutig von Norbert Lammert aus, der sich selbst als „protestantisch veranlagten Katholiken“ bezeichnet. Die protestantischen Unterzeichner scheinen eher zusätzlich ins Boot geholt worden zu sein.

Lammert und auch Schavan, eine studierte Theologin, gehören zu jenen prominenten Katholiken und CDU-Politikern, die kürzlich von ihrer Kirchenführung öffentlich die Weihe „bewährter Männer“ zu Priestern gefordert haben, was von den Bischöfen postwendend abgelehnt wurde. Lammert hat auch dem Papst Reformverweigerung vorgeworfen.

 

Unterschiedliche Vorstellungen

Die Vorstellungen von einer Kircheneinheit sind bei den verschiedenen Konfessionen in Wirklichkeit sehr verschieden. Während für die Katholiken das Ziel die sichtbare Einheit im gemeinsamen Glauben, in den Sakramenten und in den kirchlichen Ämtern sein muss, setzt sich bei den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften immer stärker die Konzeption einer gegenseitigen Anerkennung der verschiedenen Gemeinschaften als Kirchen und damit als Teile der einen Kirche Christi durch.

 

Unerfüllbare Visionen

Wenn daher der Aufruf in optimistischem Ton suggeriert, die beiden Kirchenführungen müssten nur noch ratifizieren, was die Gläubigen „an der Basis“ ohnehin schon vollzogen hätten, ist das ein Irrtum und eine Irreführung jener künftigen Unterzeichner, um die geworben wird.

Die Krise, in der sich beide Kirchen befinden, stärkt das Zutrauen ineinander nicht. Die nüchterne Einschätzung seiner eigenen Situation und der des anderen wäre eine bessere Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 als unerfüllbare ökumenische Visionen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2012)

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1 Kommentare
Gast: Eggnogg
10.09.2012 18:50
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Was die wollen

... ist unklar. Die Prottis sind an der Rueckkehr in die Kirche ja nicht gehindert, wenn sie ihr Glaubensbekenntnis teilen.

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