In ein und derselben Woche trug ÖVP-Chef Michael Spindelegger dem austrokanadischen Milliardär Frank Stronach die ÖBB an und die britische Regierung erklärte Hausbesetzung zu einem Verbrechen. In beiden Fällen handelt es sich um Zerstörung von gesellschaftlichen Werten und Kulturgütern.
Die britische Popmusik, eine der einflussreichsten und lukrativsten Erfindungen der Insel seit dem Fußball, wurzelt auch in der Lebenspraxis von unbehausten Außenseitern. Englische Zeitungen veröffentlichten dieser Tage eine Liste von Hausbesetzern, die sich vom illegalen Unterschlupf aus in die Hitparaden und Promizeitschriften hinaufarbeiteten; speziell in London, wo seit Jahrzehnten zu wenig und zu teurer Wohnraum Jugendlichen und Menschen mit niedrigen Löhnen das Leben schwer macht.
Obdachlosenzahl wird steigen
Die „Clash“, „Sex Pistols“, Boy George und der spätere Milliardär Richard Branson begannen ihre Karriere als „squatters“, als Hausbesetzer. Auch wenn Branson und der als Organisator von Hilfsprojekten für Afrika durch die Mittel der Popmusik bekannt gewordene Bob Geldof vielleicht nicht mehr gern darüber reden: Wer weiß, schreibt der „Guardian“, ob sie ohne diese Erfahrung erfolgreiche Männer geworden wären?
Das von der konservativen Regierung David Camerons verabschiedete Gesetz sieht eine Strafe von 5000 Pfund (6250 Euro) oder sechs Monate Haft vor. Um „hart arbeitende Hausbesitzer“ zu schützen, wie die Regierung behauptet. Tatsächlich war das illegale Inbesitznehmen von leeren Privatvillen die krasse Ausnahme.
In der Regel wurden verwahrloste Gebäude in Staatsbesitz besetzt – und über viele Jahre erhalten. Jetzt werden sie an reiche Privatpersonen verhökert. Für das Ansteigen der Zahl von Obdachlosen sieht die Regierung freilich keine Strafe vor. Eventuell müsste sie sich selber zur Rechenschaft ziehen.
Auch wenn die ÖBB kostengünstiger und effizienter geführt werden könnte – eine Bahnprivatisierung erwies sich in den meisten Fällen als Vernichtung von Kapital und Kulturwerten.
Kampf um Freiräume
In Großbritannien ist die Bahn nach dem 1993 durchgezogenen Verkauf teilweise wieder in staatliche Verwaltung übernommen worden; ebenso in Neuseeland. Die Bahn braucht Sorgfalt und Schutz. Beides wird seit Jahrzehnten von der Regierung nicht geboten. Daraus resultiert der Wunsch, sie loszuwerden. Verständlich und kurzsichtig. Vielleicht sollte man eine ÖBB-Besetzung erwägen.
Die Besetzung von leer stehenden öffentlichen und privaten Räumen erfordert Flexibilität und Dialog. In Wien spielten Hausbesetzungen in den 1970ern eine zentrale Rolle in der Jugendbewegung und Formulierung eines neuen Kulturcodes. Eine Ausstellung im Museum der Stadt Wien („Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern“) hat diese Phase wunderbar dokumentiert.
Kreativität und Öffentlichkeit kommen nicht ohne Grenzüberschreitungen, Konflikte und Geduld miteinander aus. Auch in Wien wird der Kampf gegen die Armut und Obdachlosigkeit härter. Der Winter kommt und Menschen werden auf der Straße erfrieren.
Die Wurzeln des WUK
Vor rund einem Jahr trat der große britische Troubadour Richard Thompson in Wien auf. Er sang ein Lied von 1969 über die damaligen Hausbesetzer: „Genesis Hall“. Sein Vater war einer der Polizisten, die ausgeschickt wurden, um das Gebäude zu räumen. Thompson spielte übrigens im WUK, einer aus der Hausbesetzerbewegung entstandenen Kulturstätte.
Mag. Johann Skocek ist freier Journalist und Buchautor.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)















