23.05.2013 09:33 Merkliste 0

„Grexit“: Griechenlands Austritt hat all seinen Schrecken verloren

FERRY STOCKER (Die Presse)

Abschied aus der Eurozone wäre „ein Dienst der Griechen am Euro“ – die adäquate Gegenleistung für alle bisherigen Hilfsleistungen.

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Mit der Entscheidung der Europäischen Zentralbank, unter bestimmten Umständen unlimitiert auf den Märkten für europäische Staatsanleihen zu intervenieren, ist Bewegung in die zuletzt doch eher spätsommerlich-anämische Eurokrise gekommen.

Mario Draghi, der Präsident der EZB, traf – wenn auch gegen große und nicht ganz unbegründete Widerstände – eine richtungsweisende Entscheidung, deren Logik ebenso überzeugend wie einfach und elegant zugleich ist. Sie hat ihre Wirkung bereits entfaltet, ohne dass nur ein einziger Euro in dieses Programm geflossen wäre! Die EZB stellt sich nämlich de facto mit unlimitierten Mitteln hinter die Krisenstaaten – freilich nicht ohne Auflagen.

Doch darüber hinaus wird die EZB im Fall der Fälle intervenieren. Sie wird letztlich das Notwendige mit Entschiedenheit unternehmen, um Übertreibungen auf Finanzmärkten zu vermeiden bzw. Paniken zu kalmieren.

Denn ob Spanien „nur“ mit einer direkten Bankenhilfe im Umfang von 100 Milliarden Euro durchkommt, wird ebenso bezweifelt wie das Überleben der Expertenregierung in Italien. Der temporären Beruhigung nach der Wahl in Griechenland folgen „Irritationen“ über die mehrmals verschobenen Berichte der „Troika“, die die Spar- und Reformbemühungen der Griechen als Voraussetzung für die Überweisung der nächsten Gelder nach Athen zu beurteilen hat.

 

Klare Ansagen an Athen

Zudem gibt es nicht nur in Deutschland klare Ansagen, dass zusätzliche Mittel wie ein weiterer Aufschub der Reformen in Griechenland nicht infrage kommen.

Nicht zufällig mehren sich nach einem angekündigten Downgrading durch eine Ratingagentur auch in Deutschland politisch gewichtige Stimmen, die für einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone plädieren. Vorbei sind die Zeiten, da ein solcher so gefürchtet wurde, wie der Teufel das Weihwasser scheut.

Ein Austritt Griechenlands, kurz Grexit, so meinte man, wäre der Lehman-Moment der Eurokrise! Wie seinerzeit die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers Mitte September 2008 das weltweite Finanzsystem an den Rand des Abgrunds brachte, würde ein Austritt Griechenlands das Ende der Eurozone bedeuten.

Während die überraschende Pleite von Lehman Brothers als negativer Schock zu enormen Verwerfungen im weltweiten Finanzsystem geführt hat, ist ein Austritt beziehungsweise eine (bisher mit allen möglichen Tricks verschleppte) Pleite Griechenlands zumindest in den Zinsen für die griechischen Staatsschulden im Grunde längst eingepreist, also erwartet.

Trotzdem können von einem Grexit Schockwellen ausgehen, die die bisherigen Ansteckungseffekte auf andere Peripheriestaaten als harmlos ausweisen. Ein (verstärkter) Run auf den Märkten für Staatsanleihen der Peripherieländer, also die Verweigerung der Verlängerung diesbezüglicher Forderungen, stellt für diese ohnedies in ernsten wirtschaftlichen Problemen steckenden Staaten eine massive Bedrohung dar.

Hier besteht also tatsächlich ein extremes Gefährdungspotenzial, damit aber – und das ist das überraschend Positive – die unaufschiebbare Notwendigkeit für die Politik, endlich entschlossen und der Krise adäquat zu handeln, wie es eben die EZB mit ihrer Ankündigung, auf den Märkten für Staatsanleihen unlimitiert zu intervenieren, bereits getan hat.

Fast noch wichtiger: Die energischen Hilfsmaßnahmen wie auch die notwendige Neuausrichtung der Euro-Architektur fänden in der Bevölkerung der anderen Eurostaaten endlich höhere Akzeptanz: Das politisch Machbare und das ökonomisch Sinnvolle rücken endlich näher zusammen!

 

Das „Joch des Euro“

Wie das? Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone wäre in erster Linie für die Griechen selbst ein noch viel traumatischeres Ereignis als die bisherigen tatsächlichen oder vermeintlichen, jedenfalls aber viel zu geringen Konsolidierungsbemühungen. Überwinden die Griechen das „Joch des Euro“, so sind sie ihre Probleme keinesfalls los.

Zwar wäre die neue Währung mit Sicherheit wesentlich billiger als der Euro, damit wären aber alle aus dem Ausland kommenden Waren viel teurer. Sofern diese für die Produktion von Exportgütern notwendig sind, werden die nunmehr günstigeren Exportgüter nicht so leicht oder gar nicht produziert werden können – schlicht, weil man sich die notwendigen Importe nicht wird leisten können.

In dem Maße, in dem Griechenland abwertet, werten die Auslandsschulden auf, was sie zu bedienen noch schwieriger macht. Zur Staatspleite treten Pleiten zahlreicher Unternehmen, und infolge des sich beschleunigenden Bank-Runs und der fehlenden Liquiditätsspritzen des Eurosystems brechen das griechische Bankensystem und damit auch die griechische Wirtschaft endgültig zusammen.

 

Ökonomisches Armageddon

Werden die ausländischen Gläubiger bereit sein, die neue griechische Drachme für ihre in Euro denominierten Forderungen und neu zu liefernden Waren zu akzeptieren? Die griechische Wirtschaft und Gesellschaft werden hautnah erleben müssen, was mit Katharsis wirklich gemeint ist.

Dabei geht es gar nicht so sehr um Griechenland als vielmehr um das Überleben der Eurozone insgesamt. Sie lebt nicht mehr aus der Begeisterung am Projekt, sondern aus der puren Angst bzw. Panik vor der Alternative – nämlich dem kompletten Zerfall der Eurozone, ein ökonomisches Armageddon, das oben für Griechenland skizzierte Drama im Großen.

Es mag sarkastisch klingen, aber ein Austritt Griechenlands wäre ein „Dienst der Griechen am Euro“, die adäquate Gegenleistung für all die bisherigen ebenso großen wie fruchtlosen Unterstützungen durch die Euroländer. Denn der Schrecken des tatsächlichen Grexit zwingt die Politik in den anderen Euroländern zum energischen Handeln, was politisch viel leichter durchsetzbar wird.

 

Unsinnige Wachstumspakete

Zur effektiven Krisenbekämpfung zählen ein Schutzschirm und die unlimitierte Intervention der EZB auf Märkten für Staatsanleihen. Darüber hinaus ist das rasche Zusammenrücken der verbleibenden Euroländer, also eine Banken- und eine Fiskalunion, unausweichlich. Auch hier wird in den Euroländern angesichts der dramatischen Lage in Griechenland die Bereitschaft für derartig fundamentale Änderungen rasch steigen.

Mit einem Austritt Griechenlands gäbe es keine Alternative mehr für entschlossenes Euro-Krisenmanagement wie für rasche Umsetzung einer wirklich tragfähigen Architektur des Euro. Damit wäre nicht nur die Eurokrise vorbei und die künftige Marschrichtung klar. Wir ersparten uns obendrein (weitere) unsinnige Wachstumspakete, wenn die unerträgliche Unsicherheit infolge der Eurokrise überwunden wird und sich die zurückgehaltenen Investitionen endlich ihren Weg brechen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Ferry Stocker (*1961 in Lienz) studierte Handelswissen- schaften und Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist Fachbereichsleiter für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Wiener Neustadt.

Sein jüngstes Buch: „Zahltag. Finanz- und Wirtschaftskrise und ökonomische Prinzipien“. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2012)

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1 Kommentare

Was hier steht, ist richtig, man sollte aber nicht Wesentliches verschweigen!

Gegen Draghis Entscheidung, sich "mit unlimitierten Mitteln hinter die Krisenstaaten" zu stellen, gibt es nicht nur "nicht ganz unbegründete Widerstände",sondern ernste Bedenken!

Hier wird eine ungeheure Menge frisch gedruckten Geldes in den Wirtschaftskreislauf gepumpt, für die es keine vernünftige Verwendung gibt. Eine sofortige galoppierende Inflation wird nur dadurch verzögert, dass das Geld nicht an Konsumenten, sondern an Institutionen geht, die selbst nichts konsumieren. Ihre Aufgabe ist es, dieses Geld irgendwie anzulegen. Weil es aber zu wenig sinnvolle Investitionen gibt, erzeugen sie mit diesem Geld riesige "Blasen", die früher oder später platzen müssen und uns dann neben der unausweichlichen Inflation auch noch eine neuerliche Finanzkrise bringen werden. Das ist alles andere als"überzeugend"!

Griechenland und Lehmann Brothers sind völlig verschiedene Fälle. Der Zusammenbruch dieser Bank war überraschend, für den "bisher mit allen Tricks verschleppten" Grexit haben schon alle vorgesorgt. Es wird nichts Ernstes passieren.

Nach dem Grexit wird Griechenland zunächst auf den Märkten kein Geld bekommen. Hier sind "Hilfsmaßnahmen" und Solidarität der EU unerlässlich, die aber im Unterschied zu den "Rettungsschirmen" keine "fruchtlosen Unterstützungen", sondern "unaufschiebbare Notwendigkeit" sind.

Dann werden "sich die zurückgehaltenen Investitionen endlich ihren Weg brechen" und das mangels Anlagemöglichkeit in der Schweiz gebunkerte Geld wird wieder heimkehren!

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