23.05.2013 23:40 Merkliste 0

Westliches Maß aller Dinge?

MARKUS ST. BUGNYAR (Die Presse)

Im Orient ist Religion nicht Privatsache, sondern Sache der Gemeinde. Wehe, wenn der Prophet angegriffen wird...

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Erstaunlich viele Beiträge der vergangenen Tage über den mehr als entbehrlichen Film „The Innocence of Islam“ basieren auf einem Missverständnis, das die Debatte über das Verhältnis zwischen Orient und Okzident schon zu lange beherrscht.

Wir wundern uns darüber, wie ein debiles Machwerk eines einzelnen Provokateurs derart unverhältnismäßige Konsequenzen bis hin zur Ermordung von Diplomaten und Angriffen auf ausländische Botschaften nach sich ziehen kann. Hierin versteckt sich der Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit, aber auch ein immer noch kolonialistisch angehauchter Vorwurf an die muslimische Welt, noch nicht aufgeklärt genug zu sein, derartige Vorkommnisse als Äußerung einer Meinungsfreiheit zu verstehen, die offenkundig noch nicht in allen Teilen der Welt gleichermaßen geteilt wird.

So, als ob unsere westliche Konzeption von Recht und Unrecht, über Werte und deren Verteidigung, das über kurz oder lang zu erreichende Maß aller Dinge wäre, hinter dem die islamische Welt aber zurückbliebe.

Solche Kommentare und Analysen entstehen – unbewusst hoffentlich – aus dem Geiste derselben Überheblichkeit, mit der Europa der islamischen Welt seit dem 19. Jahrhundert begegnet. Heilsamer und zielführender zum gegenseitigen Verständnis wäre es, rein phänomenologisch die aktuellen Ereignisse wahr- und das sie motivierende Weltbild ernst zu nehmen.

 

Wechselseitige Unfähigkeit

Religion ist in unserem Verständnis jedermanns Privatsache. Nicht so im Orient: Hier sind Gesellschaftsentwurf und religiöses Bekenntnis ident und deckungsgleich. Religion ist nicht Privatsache, sondern Angelegenheit der Gemeinde. Wenn ein Glied verletzt wird, leidet der gesamte Organismus. Wenn der Prophet selbst angegriffen wird, steht die gesamte muslimische Welt für ihn ein.

Das Grundübel der nicht gelingen wollenden Begegnung der Kulturen und Religionen ist die wechselseitige Unfähigkeit, die eigene, über Generationen geformte Identität einfach abzustreifen und den anderen zu seinem vollen Recht kommen zu lassen.

Während uns – eingespannt zwischen Parallelwelten, divergierenden und stets wechselnden Lebensentwürfen – ein kollektives gesellschaftliches Burn-out droht, lebt der Orientale die Synthese und ist mit sich selbst im Reinen. Nicht nur teilt er unsere politische Korrektheit nicht, er pfeift auf sie. Scheinbar nicht zu seinem Nachteil; die allermeisten Kommentatoren wählen ihre Worte über Muslime und den Islam sehr genau.

Dieser Tage hat mich ein muslimischer Freund auf den Film „Paradies: Glaube“ angesprochen. Es sei ihm unverständlich, wie wir derlei als gekonnte Ironie sehen können, nicht aber als das, was es ist: eine Beleidigung Gottes.

Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit die innersten, heiligsten Werte und Charaktere von Gläubigen in den Dreck gezogen werden? Wenn der Provokateur sich selbst alle Freiheiten zugesteht und seinem Gegenüber grenzenlose Toleranz abverlangt, er ihn in Wahrheit also zweimal entmündigen möchte?


MMag. Markus Stephan Bugnyar ist seit 2004 Rektor des Österreichischen Hospizes in Jerusalem.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)

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6 Kommentare

Unsere westliche Konzeption von Recht und Unrecht

über Werte und deren Verteidigung mag für Sie nicht immer das Maß aller Dinge sein, aber Diebe, denen man gleich die Hand abhackt oder Frauen, die bei Ehebruch oder auch nur bei einem angeblichen E. gesteinigt werden, würden sie auf jeden Fall vorziehen, wenn sie die Möglichkeit hätten.

"Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit die innersten, heiligsten Werte und Charaktere von Gläubigen in den Dreck gezogen werden?"

Eindeutig ja.

Denn die angeblich heiligen Werte der Religionen halten die Menschheit seit jeher im geistigen Ghetto des Dogmatismus, und die inneren Werte der Gläubigen ziehen seit der Erfindung des Monotheismus eine Blutspur durch die Geschichte.

S.g. Herr Rektor Bugnyar!

wie viele Jahrhunderte haben Christen jüdische Bücher verbrannt, Moses in den 'dreck gezogen', sogenannte 'Karikaturen' vervielfältigt, usw.
dabei ist es noch gar so lange her.

Gast: schlÄchter
18.09.2012 16:23
3 0

sg herr rektor bugnyar!

sehr guter gastkommentar. sie zeigen mmn gekonnt den tiefen psychologischen graben zw. wetl. "postchristl"gesellschaft und dem orient auf (nicht nur der moslem. mehrheit dort, sondern auch dem verhältnis religiöser orientalen allgem.).

nur erlaube ich mir auch einen widerspruch: wenn im westen provokante filme und auseinendersetzungen - im rahmen der hier eben geltenden werte und grenzen (meinungsfreiheit, freiheit der kunst, schutz der individualität und auch leib und leben - stichwort beschneidungsdebatte) geführt werden, dann muss der westen diese werte auch wahren, soferne sie uns etwas wert sind. die orientalischen gesellschaften können sich ja wehren indem sie aufführungen verbieten, eine solche -provokante auseinandersetzung bei sich ablehnen, verbieten, das ist eben mit ihren werten vereinbar.

orientalen im westen müssen das akzeptieren, wie eben auch westler im orient zb alkoholverbote, bekeliedungsvorschriften und verbote von kunst, meinungsfreiheit und beschränkungen der individualität sich gefallen lassen müssen, wenn sie dort leben oder urlaub machen wollen.

das ist der mmn einzig gangbare kompromiss. politisch gesehen wäre der westen gut bedient, sein weltbild nicht überheblich zu exposrtieren (irak und afghansitan zeigen das scheitern) aber bei (gewaltsamer) kritik von vorgängen im westen gilt es entschlossen entgegenzutreten-selbtz in bezug auf provokante kunst/religionskritik - sonst ists nur heuchelei und wird als schwäche ausgelegt.

mfg
s.

Gast: westlicher Bürger
18.09.2012 10:30
4 0

Wer ist hier überheblich ?

Gut, sie beneiden irgendwie die islamischen Staaten für ihr (angeblich) geschlossenes , nicht zu sagen totalitäres System, und könnten sich klammheimlich auch einen christlichen Gottesstaat vorstellen. Nur, mit sogenannter „westlicher Überheblichkeit“ hat das Abfackeln der deutschen Botschaft, aus Anlass eines problematischen Films eines in den USA lebenden Ägypters, nun wirklich nichts zu tun !

Gast: benbra
18.09.2012 09:34
4 0

Der Ort bestimmt den Standpunkt

Aber hallo, sitzt da ein christlicher Taliban im Hospiz in Jerusalem? Gesetzesübertretungen , selbstverständlich auch im religiösen Bereich, werden durch ordentliche Gerichte sanktioniert. Ausserdem steht es den Gläubigen natürlich frei, an eine viel härtere Strafe für den Sünder in den ewigen Jagdgründen zu glauben. So ist soweit alles klar.
Weshalb instrumentalisierte Menschlein zusätzlich, ohne legitimiert zu sein, noch Lynchjustiz an Unschuldigen ausüben, um die Ehre eines Religionsgründers herzustellen, mag verstehen wer will. Diese Art der Unterstützung hat dieser sicher nicht notwendig, Ob diese Übergriffe möglicherweise sogar vom nichtirdischen Gericht bestraft werden ?
Sind meine innersten Werte nichts, gegenüber des in „ Synthese lebenden Orientalen“ bzw. des im Hospiz residierenden Rektors ?

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