Erstaunlich viele Beiträge der vergangenen Tage über den mehr als entbehrlichen Film „The Innocence of Islam“ basieren auf einem Missverständnis, das die Debatte über das Verhältnis zwischen Orient und Okzident schon zu lange beherrscht.
Wir wundern uns darüber, wie ein debiles Machwerk eines einzelnen Provokateurs derart unverhältnismäßige Konsequenzen bis hin zur Ermordung von Diplomaten und Angriffen auf ausländische Botschaften nach sich ziehen kann. Hierin versteckt sich der Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit, aber auch ein immer noch kolonialistisch angehauchter Vorwurf an die muslimische Welt, noch nicht aufgeklärt genug zu sein, derartige Vorkommnisse als Äußerung einer Meinungsfreiheit zu verstehen, die offenkundig noch nicht in allen Teilen der Welt gleichermaßen geteilt wird.
So, als ob unsere westliche Konzeption von Recht und Unrecht, über Werte und deren Verteidigung, das über kurz oder lang zu erreichende Maß aller Dinge wäre, hinter dem die islamische Welt aber zurückbliebe.
Solche Kommentare und Analysen entstehen – unbewusst hoffentlich – aus dem Geiste derselben Überheblichkeit, mit der Europa der islamischen Welt seit dem 19. Jahrhundert begegnet. Heilsamer und zielführender zum gegenseitigen Verständnis wäre es, rein phänomenologisch die aktuellen Ereignisse wahr- und das sie motivierende Weltbild ernst zu nehmen.
Wechselseitige Unfähigkeit
Religion ist in unserem Verständnis jedermanns Privatsache. Nicht so im Orient: Hier sind Gesellschaftsentwurf und religiöses Bekenntnis ident und deckungsgleich. Religion ist nicht Privatsache, sondern Angelegenheit der Gemeinde. Wenn ein Glied verletzt wird, leidet der gesamte Organismus. Wenn der Prophet selbst angegriffen wird, steht die gesamte muslimische Welt für ihn ein.
Das Grundübel der nicht gelingen wollenden Begegnung der Kulturen und Religionen ist die wechselseitige Unfähigkeit, die eigene, über Generationen geformte Identität einfach abzustreifen und den anderen zu seinem vollen Recht kommen zu lassen.
Während uns – eingespannt zwischen Parallelwelten, divergierenden und stets wechselnden Lebensentwürfen – ein kollektives gesellschaftliches Burn-out droht, lebt der Orientale die Synthese und ist mit sich selbst im Reinen. Nicht nur teilt er unsere politische Korrektheit nicht, er pfeift auf sie. Scheinbar nicht zu seinem Nachteil; die allermeisten Kommentatoren wählen ihre Worte über Muslime und den Islam sehr genau.
Dieser Tage hat mich ein muslimischer Freund auf den Film „Paradies: Glaube“ angesprochen. Es sei ihm unverständlich, wie wir derlei als gekonnte Ironie sehen können, nicht aber als das, was es ist: eine Beleidigung Gottes.
Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit die innersten, heiligsten Werte und Charaktere von Gläubigen in den Dreck gezogen werden? Wenn der Provokateur sich selbst alle Freiheiten zugesteht und seinem Gegenüber grenzenlose Toleranz abverlangt, er ihn in Wahrheit also zweimal entmündigen möchte?
MMag. Markus Stephan Bugnyar ist seit 2004 Rektor des Österreichischen Hospizes in Jerusalem.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)















