Gerd Eichberger bezeichnet in seiner Replik („Problem ist, dass der Islam eine aggressive Religion darstellt“, „Die Presse“ 14.9.) „den Islam“ als eine „aggressive Steinzeitreligion“. Er warnt auch vor dem Aufstieg eines „Islamofaschismus“ und fürchtet um die Meinungsfreiheit.
Herr Eichberger darf seinem Hass polemisch Ausdruck verleihen – und er wird dabei richtigerweise von den Institutionen des Rechtsstaates geschützt. Nicht die politische Korrektheit und auch nicht der Terror und die Gewaltakte sind es, die seine Freiheit gefährden, sondern die unverhältnismäßige Antiterrorgesetzgebung, die den „Werten der Demokratie“ erst recht eine Niederlage zufügt.
So nehmen auch mir weder der oberflächliche sozialdemokratische Mainstream noch Besetzungen und Vandalismus linker Randgruppen hier in Wien die Freiheit, mich offen zum Wirtschaftsliberalismus zu bekennen. Die Beleidigungen und der Aufruf zu Empörung und Spott in Herrn Eichbergers Beitrag stellen eigentlich das verbale Pendant zum Vandalismus dar, gegen den sie sich richten. Denn diese Reaktion weist den gleichen aggressiven, destruktiven, kulturkämpferischen Ansatz auf.
Die Renaissance des Kultur- und/oder Klassenkampfdenkens in Europa ist ein Armutszeugnis für unsere politische Kultur, in der Mut keine vorausgesetzte Selbstverständlichkeit mehr ist und jeder Verstoß gegen die „politische Korrektheit“ schon eine beachtenswerte Heldentat darstellt. Substanz war gestern, Empörung liegt im Trend.
Islam ist nicht gleich Salafismus
Herr Eichberger bittet seine Leserschaft, bloß nicht zu argumentieren, der Islam sei nicht mit dem Salafismus gleichzusetzen. Warum sollen wir so eigentlich nicht argumentieren? Wieso schaffen es Millionen Muslime europaweit, ihre „aggressive Steinzeitreligion“ aktiv auszuüben und gleichzeitig ein normales Leben zu führen? Das Problem ist eben nicht eine Religion. Denn Religionen existieren nur in der jeweils einzigartigen Wahrnehmung der Gläubigen. Sie existieren nur in der Form von Interpretation und sind deswegen ebenso heterogen und veränderbar.
Nicht alle Muslime regen sich auf
„Den Islam“, den gibt es nicht. Es gibt Millionen Auslegungen, von denen viele leider derzeit aggressiv sind. Denn wer in Österreich in Frieden lebt, wird den Koran vermutlich anders lesen als jemand, dessen gesellschaftliche Aufstiegschancen durch Krieg, Protektionismus und diktatorisch gelenkte Wirtschaft blockiert sind.
Nicht die Verse des Koran, sondern die politischen und ökonomischen Umstände, in denen sie gelesen werden, treiben manche zu Gewalt. Dies ist keine Entschuldigung für Vandalismus, Mord und Terror. Die europäische Politik muss sie in Solidarität mit den USA in klarer Sprache verurteilen und mit Druck auf Ermittlung und Bestrafung pochen. Es ist aber ein Freispruch für all jene, die „dem Islam“ auf ihre jeweilige Art angehören und sich dabei von geschmacklosen Low-Budget-Videos nicht aufregen lassen.
Wer, anstatt den Rausch der Kulturkampfempörung zu genießen, lieber Probleme löst, muss für eine offene europäische Außenhandelspolitik plädieren, die private Investitionen in den Problemregionen ermöglicht und schützt; die Märkte entstehen lässt und damit den Menschen langsam ein individuelles Selbstbewusstsein gibt.
Während aber die USA an der „Trans Pacific Partnership“ feilen, sehen wir nur zu, wie die Mittelmeerunion in die Bedeutungslosigkeit versinkt, anstatt ausgebaut zu werden. Wie viele wissen noch, was das eigentlich war?
Ivan Prandzhev studiert Rechtswissenschaften und war Geschäftsführer der Jungen Liberalen Wien.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)















