19.06.2013 12:11 Merkliste 0

Wie Spindelegger und Faymann Österreichs Zukunft gefährden

BERND SCHILCHER (Die Presse)

Eine Hiobsbotschaft zu Österreichs Bildungssituation jagt die nächste. Die Koalitionspolitiker schauen weg oder schweigen.

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Das große Hindernis für den Bildungsaufstieg in Österreich sind seine Schulen.“ Deutlicher als Andreas Schleicher, Frontmann der OECD in Sachen Schulenvergleich, kann man die jüngste Hiobsbotschaft von „Bildung auf einen Blick“ nicht formulieren. Österreich ist auf dem besten Weg, seinen Status als Bildungsland zu verlieren.

Der Grund: Weder SPÖ noch ÖVP tut irgendetwas für die Bildungsfernen und sozial Schwachen in unserem Schulsystem. Im Gegenteil. Trotz massiver Warnungen scheren sich beide Parteien seit Jahrzehnten keinen Deut um die Chancengerechtigkeit und die Begabungsförderung.

Die Expertengruppe „Bildung und Lernen“ unter Leitung von Markus Hengstschläger, die Spindelegger höchstpersönlich eingerichtet hat, ist kürzlich zu folgenden Ergebnissen gekommen:
•Erstens: „In unserem Schulsystem fallen sowohl besonders Begabte als auch besonders Förderungsbedürftige aus dem System.“
•Zweitens: „Statt einer Aufteilung von Kindern auf zwei Schultypen im Alter von zehn Jahren sollte Österreich eine potenzialorientierte Leistungsdifferenzierung in gemeinsamen Schulen vornehmen. Nur dann müssten wir nicht Jahr für Jahr auf zahlreiche Begabungen aus sozial benachteiligten Familien und Jugendliche mit Migrationshintergrund verzichten.“ Ebenso dringend sei die Einführung von Ganztagsschulen.

 

Jugendarbeitslosigkeit droht

•Drittens: Sollten diese Vorschläge nicht rasch umgesetzt werden, komme es unweigerlich dazu, „dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes sinkt und der Mangel an qualifizierten Fachkräften steigt“. Letzten Endes „droht Österreich eine höhere Jugendarbeitslosigkeit, und zwar bei Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten und aus dem Migrationsbereich so wie bei den Akademikern.“ Deutlicher geht's wohl nicht mehr. Und was tut Spindelegger mit diesem Befund, den er selbst in Auftrag gegeben hat? Er vertuscht ihn und sagt im ORF-„Sommergespräch“ trotzig: „Das Gymnasium bleibt, das ist mein Programm.“ Und Herr Faymann schweigt dazu.

 

Ferngesteuert von Erwin Pröll

Jeder, der nur ein wenig über den Zaun schaut, weiß, dass es europaweit vier organisatorische Maßnahmen gibt, um den Aufstieg durch Bildung zu fördern: Das ist eine einheitliche und nicht länderweise zersplitterte Frühpädagogik, gefolgt von einer individualisierten, gemeinsamen Ganztagsschule bis zum Ende der Pflichtschule und eine weitgehende Schulautonomie, bei der die Lehrer durch Verwalter, Schulpsychologen, Fremdsprachenlehrer und Sozialarbeiter entlastet werden. Davon ist Österreich nach wie vor meilenweit entfernt.

Das weiß auch der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter. Er hat nach einem PISA-Spezialvergleich mit Südtirol, das diese modernen Anforderungen weitgehend erfüllt, festgestellt, dass sein südlicher Nachbar in sämtlichen Belangen erheblich besser abschneidet als Nordtirol. Also bewegt er sich im Gegensatz zu Spindelegger, der von Landeshauptmann Erwin Pröll und der AHS-Gewerkschaft ferngesteuert wird, und erprobt die ganztägige gemeinsame Schule, die bereits in 37von 48 europäischen Ländern Standard ist.

Vielleicht könnte Platter auch seinen Kollegen in Niederösterreich überzeugen, den gar nicht mehr heimlichen VP-Parteiobmann, mit dem Herr Spindelegger nach eigener Aussage ohnehin „in allen Fragen einer Meinung ist“. Und das, noch bevor die Große Koalition der Schweiger und Verhinderer Österreich ganz ruiniert.

Bernd Schilcher ist Professor em. für Zivilrecht und war ÖVP-Landtagsabgeordneter in der Steiermark.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)

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5 Kommentare

Dreinschlagen?

Schade, dass wir in Österreich nicht ausreichend Menschen finden, die einen niveauvollen Disput zu Fragen der Bildung und des künftigen Bildungssystems führen und in Zeitungen veröffentlichen können und wollen. Schilchers gewalttätige Sprache und der latente Zynismus in seinen Äußerungen mag manchen Lesern gefallen - zur intelligenten Problemlösung tragen sie vermutlich wenig bei.
Ohne große Professionalität, Sorgfalt und Friedfertigkeit ist in diesem sehr sensiblen Bildungsbereich, der maßgeblich die Zukunft unserer Bevölkerung betrifft, nichts Nachhaltiges zu schaffen.

Gast: songtosiren
19.09.2012 15:36
2 0

jaja, die moralische instanz bernd schilcher

der selbsternannte experte soll ja zu seiner frau ein ganz besonderes herzchen gewesen sein.
er war sooooo lieb zu ihr, dass sie nach der trennung sogar ein buch über die mißhandlungen geschrieben hat und auch ausführlich erklärt, wie er bildungsexperte wurde.
http://vcv.at/archiv/vcv-archiv1111.html

Gast: Karli Kraus
19.09.2012 10:46
4 0

wo liegt der Tellerrand?

Wenn Herr Schilcher wirklich über den Tellerrand hinausblicken möchte, empfehle ich ihm die im vergangenen Jahr erschienene Bertelsmannstudie über das deutsche Schulsystem zu lesen.
Darin könnte er die Fakten finden, dass die besten Ergebnisse in Baden-Württemberg und Bayern mit dem vielgeschmähten differenzierten Schulsystem zu finden sind.
(Der Spiegel publizierte diese studie unter dem Titel '"wo die klugen Deutschen leben").
Eben nicht in den Bundesländern mit Gesamtschulsystem!
Korrekturfähigkeit in festgefahrenen Ansichten ist wieder modern, Herr Schilcher!!

Die Schule ist für die Lehrer da !!


36 Wochen Arbeit und 60 bezahlt !

Solange Hofrat HEMMUNGSLOS über seiner Klientel mit dem Streikschwert schwebt, wird sich nichts ändern.

Beim Wort "Christgewerkschafter" überfällt mich arger Brechreiz.

Die Schweiz zahlt Lehrern 6 WOCHEN Urlaub, in Worten: SECHS !

KEINE autom Vorrückungen, denn die Schweizer glauben nicht an den 3 mal so guten Lehrer mit 65.

ALLES Lügen der GÖD !!!

Gast: mmmh
18.09.2012 21:01
0 1

die einzige lösung:

egal wie die schule heisst, egal welche menschen sie besuchen, ab sofort eine klassenschüler obergrenze von 10 (ZEHN) schülerInnen. zumindest bis zur 8. schulstufe sowie in den berufsbildenden und polytechnischen lehrgängen. das klingt zwar jetzt teuer, löst aber sämtliche schulprobleme derzeit: pisa, sprachmängel, elitegedanken, analphabetismus uvm......
wenn es uns das nicht wert ist, werden wir den laden österreich und seine wirtschaft in 7 jahren zusperren!
ich bin überzeugt, das ist locker zu finanzieren:
abschaffen der bezirksschulräte
zusammenfassen der schulverwaltung auf landesebene
halbieren der abgeordnetenzahl der landtage
halbieren der zahl der landesräte

und schon gehts!

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