Das große Hindernis für den Bildungsaufstieg in Österreich sind seine Schulen.“ Deutlicher als Andreas Schleicher, Frontmann der OECD in Sachen Schulenvergleich, kann man die jüngste Hiobsbotschaft von „Bildung auf einen Blick“ nicht formulieren. Österreich ist auf dem besten Weg, seinen Status als Bildungsland zu verlieren.
Der Grund: Weder SPÖ noch ÖVP tut irgendetwas für die Bildungsfernen und sozial Schwachen in unserem Schulsystem. Im Gegenteil. Trotz massiver Warnungen scheren sich beide Parteien seit Jahrzehnten keinen Deut um die Chancengerechtigkeit und die Begabungsförderung.
Die Expertengruppe „Bildung und Lernen“ unter Leitung von Markus Hengstschläger, die Spindelegger höchstpersönlich eingerichtet hat, ist kürzlich zu folgenden Ergebnissen gekommen:
•Erstens: „In unserem Schulsystem fallen sowohl besonders Begabte als auch besonders Förderungsbedürftige aus dem System.“
•Zweitens: „Statt einer Aufteilung von Kindern auf zwei Schultypen im Alter von zehn Jahren sollte Österreich eine potenzialorientierte Leistungsdifferenzierung in gemeinsamen Schulen vornehmen. Nur dann müssten wir nicht Jahr für Jahr auf zahlreiche Begabungen aus sozial benachteiligten Familien und Jugendliche mit Migrationshintergrund verzichten.“ Ebenso dringend sei die Einführung von Ganztagsschulen.
Jugendarbeitslosigkeit droht
•Drittens: Sollten diese Vorschläge nicht rasch umgesetzt werden, komme es unweigerlich dazu, „dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes sinkt und der Mangel an qualifizierten Fachkräften steigt“. Letzten Endes „droht Österreich eine höhere Jugendarbeitslosigkeit, und zwar bei Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten und aus dem Migrationsbereich so wie bei den Akademikern.“ Deutlicher geht's wohl nicht mehr. Und was tut Spindelegger mit diesem Befund, den er selbst in Auftrag gegeben hat? Er vertuscht ihn und sagt im ORF-„Sommergespräch“ trotzig: „Das Gymnasium bleibt, das ist mein Programm.“ Und Herr Faymann schweigt dazu.
Ferngesteuert von Erwin Pröll
Jeder, der nur ein wenig über den Zaun schaut, weiß, dass es europaweit vier organisatorische Maßnahmen gibt, um den Aufstieg durch Bildung zu fördern: Das ist eine einheitliche und nicht länderweise zersplitterte Frühpädagogik, gefolgt von einer individualisierten, gemeinsamen Ganztagsschule bis zum Ende der Pflichtschule und eine weitgehende Schulautonomie, bei der die Lehrer durch Verwalter, Schulpsychologen, Fremdsprachenlehrer und Sozialarbeiter entlastet werden. Davon ist Österreich nach wie vor meilenweit entfernt.
Das weiß auch der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter. Er hat nach einem PISA-Spezialvergleich mit Südtirol, das diese modernen Anforderungen weitgehend erfüllt, festgestellt, dass sein südlicher Nachbar in sämtlichen Belangen erheblich besser abschneidet als Nordtirol. Also bewegt er sich im Gegensatz zu Spindelegger, der von Landeshauptmann Erwin Pröll und der AHS-Gewerkschaft ferngesteuert wird, und erprobt die ganztägige gemeinsame Schule, die bereits in 37von 48 europäischen Ländern Standard ist.
Vielleicht könnte Platter auch seinen Kollegen in Niederösterreich überzeugen, den gar nicht mehr heimlichen VP-Parteiobmann, mit dem Herr Spindelegger nach eigener Aussage ohnehin „in allen Fragen einer Meinung ist“. Und das, noch bevor die Große Koalition der Schweiger und Verhinderer Österreich ganz ruiniert.
Bernd Schilcher ist Professor em. für Zivilrecht und war ÖVP-Landtagsabgeordneter in der Steiermark.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)















