Wer braucht den Biosprit?

Die Reihung bei der Nutzung von Agrarressourcen muss klar sein: erst der Teller, dann der Trog, zuletzt der Tank.

Österreichs Produktion von Ethanol aus biologischem Ursprungsmaterial (Weizen, Mais, Zuckerrohr) hat nichts mit dem hauptsächlich durch Spekulanten verursachten Ansteigen der Mais- und Getreidepreise auf dem Weltmarkt zu tun. Sie hat auch nichts mit der hauptsächlich durch die Dürre in den USA verursachten Knappheit von Mais und Getreide und sich daraus ergebenden Versorgungsproblemen zu tun, die in weniger entwickelten Ländern zu Hunger führen können. Dafür sind die hierzulande für die Produktion von Agrosprit eingesetzten Mengen an biologischem Ursprungsmaterial viel zu gering.

Trotzdem: Global gesehen trägt die Produktion von Biotreibstoff ebenfalls dazu bei, die Knappheit von Weizen, Mais und Zuckerrohr zu verschärfen und die Preise in die Höhe zu treiben. Derzeit werden immerhin 40 Prozent der Maisernte der USA für die Herstellung von Ethanol verwendet. Der Umweltnutzen von Agrosprit ist außerdem strittig.

Es muss die Grundsatzfrage gestellt werden: Kann es im Ansatz überhaupt richtig sein, aus Pflanzen, die der Nahrungs- und Futtermittelerzeugung dienen sollen, Treibstoff herzustellen? Wenn nein, welche Alternativen haben wir?

Erstens: Überall dort sparen, wo es sinnvoll ist. Eine wichtige Ursache für den Nahrungsmangel liegt im verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln auf der Seite der Wohlhabenden. Ein Drittel der weltweiten Jahresproduktion wird von Händlern und Konsumenten vernichtet. Was das Auto betrifft, ist zu fragen, ob denn wirklich alle Fahrten, die wir unternehmen, auch notwendig sind.

 

Die richtigen Weichen stellen

Zweitens: Umstellen auf wirklich umweltfreundliche Energiequellen. Welche dies konkret sind, wird lokal unterschiedlich bewertet werden. So gibt es Gegenden, wo Wasser im Überfluss zur Verfügung steht, und andere, wo die Sonnen- und Windenergie genutzt werden kann. Innovationen sind gefragt. Politisch müssen die richtigen Weichen gestellt werden, auch durch eine entsprechende Steuergesetzgebung sowie durch adäquate Förderungen.

Was ist dann mit den Einkommen in der Landwirtschaft? Diese sollten primär durch die Produktion von Nahrungsmitteln erzielt werden; außerdem geht es um den Beitrag der Landwirte zur Erhaltung der Landschaft, der durch Förderungen der öffentlichen Hand abgegolten werden soll; tertiär können biologische Brenn- und Treibstoffe erzeugt werden (beginnend mit Holz und Pellets).

Die Produktion von Biosprit sollte im marginalen Bereich bleiben und sich auf die Verwertung sonst nicht genutzter Ressourcen (z.B. Bioabfälle) beziehen. Die Reihenfolge muss klar sein: erst der Teller, dann der Trog, zuletzt der Tank!

Nachhaltigkeit, Solidarität, Gerechtigkeit – das sind Säulen, auf denen sowohl der Wirtschaft als auch der Umwelt in angemessener Weise entsprochen werden kann. Dies stimmt mit dem Grundgedanken der Schöpfungslehre überein, wonach der Mensch für diese Erde sorgen soll und nicht so sehr ihr unumschränkter Herr ist.

Prof. Dr. theol. habil. Josef Spindelböck ist Priester der Diözese St. Pölten. Er lehrt als Ethiker und Moraltheologe an der Phil.-Theol. Hochschule St. Pölten.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)

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