22.05.2013 20:44 Merkliste 0

Sexuelle Gewalt darf kein Kavaliersdelikt mehr sein

KERSTIN KELLERMANN (Die Presse)

Die Debatte über Fußfesseln für „Sexualstraftäter“ bedenkt nicht, dass viele Vergewaltigungen gar nicht bestraft werden.

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Man sah nur die zitternden Hände: Zwei Frauen, die im Fernsehen Stellung gegen die elektronische Fußfessel von Vergewaltigern bezogen und dies mit ihrer Angst begründeten, lösten eine öffentliche Debatte aus. Beide sind Opfer von Männern aus ihrem näheren Umfeld. Sie fragten nach der Effizienz des Schutzes des Staates – und lösten damit heftige Reaktionen aus.

Juristen sahen sogleich die Resozialisierung von Tätern in Gefahr, ja das ganze eingespielte System von Schuld und Strafe; das anscheinend, wie ein Vertreter von „Neustart“ im ORF erklärte, von der Schuldeinsichtigkeit des Täters abhängt. Einsichtige Täter erhalten die Fußfessel.

Die beiden Frauen standen erfolgreich den ganzen Weg durch – die Anzeigen bei der Polizei, die Gerichtsprozesse, die mühsame Prozedur, Polizei und Gerichte mit ihrer Glaubwürdigkeit von der Schuld des Täters zu überzeugen. Die geringen Strafen erklärte der Herr von „Neustart“ auch damit, dass meistens das Wort des Täters gegen das des Opfers stehe und der Richter dann seiner Erfahrung und Intuition vertraue.

Es gibt mehrere Probleme hierbei: Die Fußfesseldebatte der vergangenen Wochen verdeckte, wie schwierig es ist, als Betroffene erst einmal den mühsamen Weg bis zur Anzeige bei der Polizei und schließlich zu einem Gerichtsurteil mit einer Verurteilung zu kommen. Viele Frauen scheitern unterwegs. Bedingte oder unbedingte Strafen liegen erst ganz am Ende des schwierigen Ganges.

 

Schwer gestörtes Vertrauen

Ein anderes Problem bringt die Betonung der Glaubwürdigkeit der Frau. Denn Vergewaltigung bedeutet ja einen nicht nur körperlichen Einbruch in die Persönlichkeit und bringt erhebliche Selbstzweifel des Opfers mit sich, das mit seinen Reaktionen auf den Übergriff auf Leib und Leben kämpft.

Die Zeiten sind zwar vorbei, als im Währinger Kommissariat Pornobilder hingen, eifrige Polizisten ein 17-jähriges Opfer aus der Schule holten und vor einen Spiegel stellten. Sie musste zu ihrem Spiegelbild sagen: „Ich bin die Täterin“. Ihre Eltern zeigten die Polizisten an. Der wahre Serientäter konnte nie gefasst werden.

Bis heute bleibt es für Opfer schwer, Menschen, die keine Gewalterfahrung gemacht haben, die Auswirkungen wie Vertrauensverlust, Skepsis oder Misstrauen zu vermitteln; dass mit dem leibhaftigen Einbruch in die Persönlichkeit auch die Identität und das Vertrauen in die Welt gestört werden.

 

Die Gesellschaft ist gefordert

Es wird für Opfer nur leichter werden, wenn sexuelle Gewalt nicht länger als „Kavaliersdelikt“ gesehen wird, andere Frauen diesen Männern ihre Solidarität aufkündigen und ihre Erfahrungen verbalisieren. Polizei und Justiz können nicht allein den Schutz vor Übergriffen garantieren. Man muss sich und andere auch selber schützen.

Mit Vergewaltigungen nach Verabreichung von K.-o.-Tropfen scheint sich gerade in der derzeitigen Jugendgeneration eine gefährliche Variante von „Männlichkeit“ zu behaupten. Die Wiener Jugendzentren hielten mit einer Plakatkampagne dagegen.

Wer kann, wie in einem aktuellen Kärntner Fall, wenn er ehrlich zu sich selber ist, seine nach Schnaps mit K.-o.-Tropfen wie tot daliegende Cousine als ihm zustehendes „Geburtstagsgeschenk“ betrachten? Die gewalttätige Penetration von jemand Bewusstlosem als „freiwilligen Sex“? Wie „glaubwürdig“ wird diese Frau nach den K.-o.-Tropfen sein?

Was für eine tote Form von Männlichkeit ist das, und was ist los mit Männern, die so einen Sadismus, diese Entmenschlichung eines Menschen nötig haben?

Solidarität mit den Opfern und viel Kommunikation unter jungen Frauen sind gefragt, um nicht nur dem Schweigen Einhalt zu gebieten – die Gesellschaft ist gefordert.

Kerstin Kellermann ist freie Journalistin, unter anderem schreibt sie für die Obdachlosenzeitung „Augustin“.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)

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