20.06.2013 13:53 Merkliste 0

Nur noch getestet ins Leben?

SUSANNE KUMMER (Die Presse)

Der zivilgesellschaftliche Preis einer Liberalisierung der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik – PID – wäre hoch.

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Die Debatte darüber, welche Techniken für ein qualitätsgesichertes Wunschbaby in Österreich künftig erlaubt sein sollen, hat viele Facetten. Doch statt dass Österreich aus Fehlern anderer Länder lernt, glauben oberste Entscheidungsträger jetzt, mit 20 Jahren Verspätung, die Irrtümer nachholen zu müssen.

Die Argumente der Befürworter einer Liberalisierung sind bekannt. Der umstrittene Gencheck an Embryonen im Reagenzglas, die Präimplantationsdiagnostik (PID), soll Eltern, die sich ein Kind wünschen bzw. auch Frauen ohne Partner oder lesbische Paare in ihrer Autonomie stärken. Es sei ihre ganz persönliche Entscheidung, ob sie aus einer Zahl von zuvor mehreren hergestellten Embryonen jene aussortieren lassen wollen, die möglicherweise problematisch sind, weil mit einem Risikogen bzw. möglichen Krankheiten aufgrund von Chromosomenanomalien behaftet.

Ein gesundes Kind soll es sein – das ist ein verständlicher Wunsch. Doch wie hoch darf der Preis sein? Wer darf dann noch ungetestet ins Leben? Die PID soll außerdem nach mehreren erfolglosen IVF-Versuchen erlaubt werden, um so die Schwangerschaftsraten zu erhöhen. Eine ganz persönliche Entscheidung. Eine Entlastung statt einer Belastung. Klingt wohlfeil. Allein: Die wissenschaftlichen Daten sprechen längst eine andere Sprache.

 

PID verspricht keinen Erfolg

Vier von fünf ungewollt kinderlosen Frauen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, bleiben auch nach mehreren belastenden IVF-Versuchen kinderlos. Die sogenannte Baby-Take-Home-Rate liegt bei niedrigen 15 bis 20 Prozent – auch dann, wenn die PID durchgeführt wurde, die also auch keinen Erfolg verspricht. Das sagt jedenfalls die Europäische Gesellschaft für Humanreproduktion und Embryologie.

Branchenintern wurde deshalb die Kritik daran lauter, dass offenbar trotz fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse das PID-Screening wider besseres Wissen routinemäßig im klinischen Umfeld eingesetzt wird. Kommerzielle Erwägungen, heißt es, spielten darin eine nicht unbedeutende Rolle.

Auch der Markt des Eizellenhandels, der Leihmutterschaft (die kommen muss, sobald das erste Homo-Männerpaar auf Gleichberechtigung pocht und via Eizellenspende und Leihmutter eben auch zu einem Kind kommen will) wird in Österreich Einzug halten.

Wer erzählt von den Selbsthilfegruppen leidgeprüfter Kinder von unbekannten Pipettenvätern und Leihzellmüttern – auf der Suche nach ihrer genetischen Identität? Von gesundheitlichen Schäden nach hormoneller Überstimulation von Frauen zwecks Abernten von Eizellen? Von genetisch maßgeschneiderten Retortenbabys, die als lebendes Ersatzteillager dienen?

Der zivilgesellschaftliche Preis, der aus den Liberalisierungsempfehlungen folgt, ist hoch. Es zählt zu den fundamentalen Schutzpflichten des Staates, schon die Erzeugung von Embryonen zu verbieten, die in diskriminierender Weise „aussortiert“ werden sollen. Wer dieses Prinzip zugunsten einer fragwürdigen Eugenik aufgibt, unterhöhlt die Grundlagen der Demokratie.

Österreich hätte die Chance, ein Vorzeigeland sauberer ethischer Standards zu werden, indem es aus den Fehlern anderer lernt – statt diese plump nachzuahmen.

Mag. Susanne Kummer ist Ethikerin und stv. Geschäftsführerin von IMABE – Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)

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11 Kommentare
Gast: Denker2
24.09.2012 10:42
1 0

ACHTUNG! Gefährliche Denkweise!

Es geht gewiss nicht um Verachtung homosexeueller Menschen! Doch sind die Folgeprobleme einer
Aussortierung gewisser Menschen sicher hoch gefährlich. Es steht uns nicht zu, zu entscheiden wer darf leben und wer nicht. Wir hatten dieses wahnsinnige Denken doch gerade erst im "Dritten Reich" mit der Arischen Rasse.
Ebenso können wir nicht einfach sagen "behinderte" Menschen hätten keine Lebensberechtigung oder keinen Sinn im Leben. Wie kurzsichtig gedacht. Gerade auch an diesen Mitmenschen können wir als Menschen reifen und wachsen und unwarscheinlich viel lernen!
Es wird auch nicht beim sicherlich gut gemeinten Grundsatz bleiben, sollte so ein wahnsinns Gesetz erlaubt werden. Letztlich will der Mensch hier etwas kontrollieren was ihm einfach niemals zusteht und es wird der Weg geebnet zu einer Wiederholung einer letztlich Nationalsozialistischen Rassenideologie!!!!!
ACHTUNG!! ACHTUNG!! ACHTUNG!!

Gast: Dinner4Two
22.09.2012 23:13
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Spielball im Reagenzglas

Das Problem mit der PID ist, dass man Menschen selektiert – und zwar auch solche, die nicht schwer behindert sind. Zum Beispiel werden Embryos mit Brustkrebsgen nicht implantiert und weggeworfen, obwohl diese Krankheit bei vorhandenem Gen nicht unbedingt ausbrechen muss – und außerdem heilbar ist. Es gibt tatsächlich eine Tendenz, nicht nur schwere oder schwerste Behinderungen, sondern auch Krankheiten, die z. B. erst im vierzigsten Lebensjahr auftreten, trotzdem als Ausscheidungsgrund für die Implantierung zu akzeptieren – und somit das Todesurteil für den Embryo zu fällen. Wir machen uns wieder einmal zu Herr über Leben und Tod. Gerade im Bereich Krebs gibt es viele neuer Erkenntnisse und Therapieformen. In der Diskussion werden von den Verfechtern der PID nur die extremen Fälle von Behinderungen angeführt. Bei näherem Nachfragen stellt sich heraus, dass da sehr wohl auch andere, weniger schwere Krankheiten (und dadurch auch Menschen) ausgesondert werden sollen. Hier muss man aufpassen, da schleicht sich einiges durch die Hintertür ein, das wir später dann so nicht gewollt haben. Mir missfällt auch, dass hier Menschen zum Spielball im Reagenzglas werden.

Gast: Sepp
22.09.2012 20:05
1 0

Ich schließe mich meinem Vorreder an

Ich komme aus Deutschland und schließe mich meinem Vorreder an.
Ich wohne in einem kleinen Dorf wo jeder jeden kennt, direkt gegenüber von einem Behindertenwohnheim. Und es wäre schade um die Dorfgemeinschaft, wenn es das nicht gäbe. Sie sind bestens in die Dorfgemeinschaft integriert, sind sehr nett und kommunikativ, veranstalten Feste und helfen sogar den Nachbarn.

Tagsüber arbeiten die meisten, die die nicht arbeiten, sind schon in der Rente. Für ihr Leben muss also nicht mal der Steuerzahler aufkommen, falls manche das als Argument bringen.

ES WIRD KEINER DURCH IHR LEBEN BENACHTEILIGT, IM GEGENTEIL!!!

Die, die das Gegenteil meinen, haben keine Erfahrung mit solchen Menschen und sollten ihre Dummheit nicht so öffentlich zeigen!

Und solche Menschen vor der Geburt auszusortieren und umzubringen, DAS IST DER WAHNSINN!!!

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Diesem Kommentar

ist nur zuzustimmen! Wie schon einige Vorredner gesagt haben: Es kann doch nicht sein, dass an das Kindeswohl nicht mehr gedacht wird! Wer immer schon mit behinderten Kindern (und auch Erwachsenen) zu tun hatte, wird feststellen, dass diese bei allen Schwierigkeiten, die das Leben für sie und ihre Familie hatte, ihre Umgebung oft sehr positiv geprägt haben. Aber davon ist viel zu wenig die Rede!

Gast: Zweifel tut not
21.09.2012 13:24
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Dazusagen sollte man schon,

daß das Imabe eine Institution unter der Patronanz der Österreichischen Bischofskonferenz ist, und diese bioethischen Fragen unter vorwiegend christlichen Gesichtspunkten erwägt!

Die genetische Herkunft ist übrigens unerheblich wie die Vielzahl liebender Stiefväter und Stiefmütter und ihre Kinder bestätigen können!

Der Kommentar in all seiner Larmoyanz ist schwer zu ertragen, taxfrei werden Horrorvisionen beschworen und unzusammenhängende Vorgänge miteinander verwoben.

Ich hatte die Zeiten schon für vorüber gehalten geglaubt wo man Leute als "Homos" bezeichnet. Diese blatante Verachtung ist unerträglich!

Gast: Bruno Grimm
21.09.2012 13:14
2 0

Würde des Menschen?

Interessiert sich eigentlich noch irgendwer für die Unantastbarkeit der Menschenwürde? Wie kann man denn überhaupt nur auf die Idee kommen, sich einen Mensch aus der Retorte zu kaufen?
Das Kind ist ein Geschenk (Gottes), man kann es doch nicht im Katalog bestellen.
A brave new world, we are creating.

Gast: Wiener auf Zeit
21.09.2012 12:23
3 0

Ist die Euphorie über Schwangerschaftseingriffe wirklich berechtigt?

Ein Kommentar, der die Problematik zwischen dem (leider noch übersteigerten) Selbstbewusstsein der Befürworter und den möglichen Folgen gut aufgreift. Natürliche selektiert wird, indem sich die eine Samenzelle des Mannes nach dem Geschlechtsverkehr gegen potentiell Schwächere durchsezt. Da viele Bereiche der Entwicklung von künstlich selektierten und eingepflanzten Zellen großteils noch nicht erforscht sind, kann der Preis, zu dem die Befruchtung von Menschen eigenmächtig übernommen wird, schwerlich abgeschätzt werden. Desswegen fällt es mir wie Frau Kummer schwer die Euphorie zu teilen, die über Eingriffe in den Schwangerschaftsvorgang, vorzuherrschen scheint.

Gast: Gast: Leser
21.09.2012 10:54
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Frankenstein

Die gute Frau Kummer hat wohl zu viele Frankenstein-Horrorgeschichten gelesen (und glaubt sie offenbar auch noch).

Menschlichkeit...

Ich frage mich, wo ein natürliches Empfinden für Menschlichkeit in unserer Gesellschaft geblieben ist! Bei den im Kommentar aufgezeigten Konsequenzen bei einer Zustimmung für PID wird mir ganz schwummrig; ich denke an all die Kinder, die Fragen stellen: woher sie kommen und wer sie überhaupt sind? - aus einem kalten Labor, wo technisch und ohne Herz darüber entschieden wird, wer Leben soll. Brave new world - sind wir schon dort...?!

Gast: Studentessa
21.09.2012 09:37
2 0

Grenzenlosigkeit wird teuer...

Wo bleibt das natürliche Gespür für Menschlichkeit in unserer Gesellschaft? Bei all den Konsequenzen einer Entscheidung für eine gesetzliche Verankerung von PID wird mir ganz schwindelig - ich denke an all die Kinder, die fragen, woher sie kommen, wer ihre Eltern sind und wer SIE überhaupt sind. Was für einen Preis zahlen wir, wenn wir in kalten Labors technisch entscheiden, wer leben darf und wer erwünscht ist? Brave New World - sind wir denn schon da...?!

Gast: Bedenklicher
21.09.2012 07:57
2 0

Schöne Zukunft...

Auf der Strecke bleibt das Kind. Wir sind eine kranke Gesellschaft geworden. Und wir entwickeln uns in die Richtung, die ein gewisser Herr aus Braunau vorgegeben hat: Unwertes Leben hat keinen Platz. Na bravo, werden wir also alle großgewachsen, hellhäutig, blauäugig und blond. Hoffentlich haben wir alle noch unseren Arier-Nachweis bei der Hand.

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