19.05.2013 09:29 Merkliste 0

Ein ethisch sauberes Land? Oder doch nur ethisch sauberes Leid?

FRANZ WALDHAUSER (Die Presse)

Die geltende österreichische Gesetzeslage zur Präimplantationsdiagnostik (PID) ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte.

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Österreich hätte die Chance, ein Vorzeigeland sauberer ethischer Standards zu werden“, vorausgesetzt die Präimplantationsdiagnostik (PID) bleibt verboten, befindet Susanne Kummer, die stellvertretende Geschäftsführerin des von der Österreichischen Bischofskonferenz gesponserten Instituts Imabe („Die Presse“ vom 21. September).

Ja, was aber ist denn dieser „ethisch saubere Standard“?

 

Nur noch drei Vorzeigeländer

Befruchtete Eizellen auf genetische Defekte vor der Einpflanzung in die Gebärmutter zu untersuchen, also die PID, ist verboten. Straffrei ist es jedoch, eine befruchtete, nicht untersuchte Eizelle in die Gebärmutter einzusetzen und – gesund oder nicht – bis zum vollendeten dritten Schwangerschaftsmonat wieder abzutreiben. Liegt eine Erkrankung des Fötus vor, so darf er sogar bis unmittelbar vor der Geburt durch Fetozid getötet werden. Das also ist „ethisch sauber“.

Nur drei von 33 europäischen Ländern haben diesen „ethischen Vorzeigestandard“. Die Schweiz (sie schafft ihn gerade ab), Italien (es wurde deswegen am 28. August 2012 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt: Die Richter sehen im Verbot der PID einen Verstoß gegen die Menschenrechte) und Österreich. Wir sollen die letzte Bastion bleiben?

 

Wer sind die Leidtragenden?

Wer aber sind dann die Leidtragenden? 20 bis 60 Paare sind es jährlich. Das Leid schlägt fantasievoll und mannigfaltig zu, und fast immer grausam: Die einen haben eine zerstörerische Erbkrankheit in der Familie, haben oft schon ein Kind in den Tod begleitet oder ein Kind, das dauerhaft schwerst geschädigt und ständig pflegebedürftig bleibt – nicht nur das ganze Leben der Eltern lang, sondern auch nach ihrem Tod. In einer anderen Familie grassiert der erbliche Brustkrebs: Die Mutter der Frau ist schon mit 30, 40 Jahren verstorben, deren Mutter ebenfalls. Sie selbst hat den Tod ihrer Mutter als Kind miterlitten und lebt in ständiger Angst, dass sie dasselbe Schicksal ereilt. Und ihre Tochter wieder.

 

Zerstörerische Gene

Die PID könnte diese Familien von solchen zerstörerischen Genen befreien, damit auch ihre Kinder gesund durchs Leben gehen können. Ist es „ethisch sauber“, ihnen das zu verwehren?

Oder: In einer Familie gibt es eine schwere Blutkrankheit, die zum frühen Tod führt. Die Rettung wäre eine Stammzellenspende. Aber: Kompatible Spender sind kaum zu finden. Ein Kind ist betroffen. Seine Eltern wollen ein zweites Kind, das gesund sein soll und gewebskompatibel, damit mit seinem Nabelschnurblut auch dem älteren Geschwister das Leben gerettet werden kann.

Mit der PID kann geholfen werden – aber nicht in Österreich, weil das Gesetz es verbietet. Der Ausweg hierzulande: Schwangerschaft, Pränataldiagnostik, Schwangerschaftsabbruch – immer wieder, so lange, bis ein gesundes Kind erwartet wird.

Noch einmal die Frage: Ist das der österreichische „Vorzeigeweg“? Nein, das ist „ethisch sauberes“ Leid (außer man hat genug Geld, um die PID im Ausland zu machen – in Großbritannien, in den Niederlanden, in Bratislava).

Wo ist das Gewissen der österreichischen Parlamentarier, dass sie Menschen unendliches Leid gesetzlich verordnen? Zählt Dogma so viel mehr? Warum werden auch die, die sich bestimmten dogmatischen Positionen nicht verpflichtet fühlen, in dieses menschenrechtswidrige Zwangskorsett gesteckt?

a.o. Universitätsprofessor Dr. Franz Waldhauser (*1946 in Wien) ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Pädiatrische Endokrinologie in Wien.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2012)

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1 Kommentare
Gast: gast23
25.09.2012 20:14
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Diesem Kommentar

ist nichts hinzuzufügen. Jeder der glaubt, dass behinderte Kinder Gott gewollt sind, soll bitte auch auf die Krebsbehandlung oder sonstige Therapien verzichten, weil diese Krankheiten sind ja auch Gott gewollt.

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