18.06.2013 06:42 Merkliste 0

Schämen für schamloses Lügen? Das war einmal...

HANS CSOKOR (Die Presse)

Unter Politikern ist seit Jahren eine neue Form des unverschämten Lügens zu beobachten, und sie steigert sich von Jahr zu Jahr.

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In der Fernsehserie „Lie to Me“ zeigt der Hauptakteur, wie man anhand kleinster und nahezu immer unbewusster Regungen im Gesicht, an Aktivitäten der Hände und auch an der Körperhaltung erkennen kann, ob und wann eine Person lügt. Dies bedarf allerdings einer guten Ausbildung, weil die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens gelernt haben, ihre Lügen so gut wie möglich zu überspielen.

Dieser Lernprozess ist bei vielen unserer Politiker (gilt sicher auch für andere Länder) gar nicht mehr erforderlich. Sie sind Meister des Lügens – knallhart und ohne entsprechende unbewusste Körperreaktionen, wenn sie die Unwahrheit als ehrliche Tatsache ausgeben. Diese neue Form des unverschämten Lügens ist seit einigen Jahren zu beobachten und steigert sich von Jahr zu Jahr.

Besonders seit es um den parlamentarischen U-Ausschuss geht, häufen sich derartige „Aussagen“. Beispiele gefällig? Werner Faymann: „Ich komme gern als Zeuge, wenn mich das Parlament einlädt.“ Dabei weiß Faymann ganz genau – weil mit der ÖVP ausgehandelt –, dass er nicht geladen werden wird, daher kann er den oben angegebenen Satz sagen. Dass es trotzdem eine Lüge, wenn auch eine „indirekte“ ist, liegt auf der Hand (auch indirekte Freistöße können zum Torerfolg führen).

 

Spindeleggers „Absprachen“

Oder nochmals Faymann, im ORF-„Sommergespräch“ auf das Thema Bundesheer angesprochen. Seine jetzige Überzeugung pro Berufsheer sei nicht glaubwürdig, wurde ihm vorgehalten, da doch die SPÖ immer gegen eine Profiarmee war; erst Häupls Wahlzuckerl habe ein Umschwenken herbeigeführt. Darauf Faymann: „Ich habe schon vor über zwei Jahren über dieses Thema nachgedacht und bin eben zu dem Schluss gekommen, dass ein Berufsheer besser ist.“

Oder Michael Spindelegger zum Thema ÖVP-Revolte gegen ihn und seinen Plan, ins Finanzministerium zu wechseln: „Ich habe das schon vor längerer Zeit durchdacht und alles intern mit meinen Parteifreunden abgeklärt. Auch die Volksbefragung betreffend Bundesheer wurde mit Erwin Pröll abgesprochen.“

 

Ein Schritt hin zu Lukaschenko

Oder Barbara Prammer zum mehr als faulen Kompromiss betreffend U-Ausschuss: „Das ist lebendiger Parlamentarismus.“ Nicht zu vergessen, die nun wohl für den Rest seines Lebens an ihm kleben bleibende Aussage von Josef Cap, dass die „Sommergespräche“ schon als Befragung des Bundeskanzlers zur Inseratenaffäre ausgereicht hätten. Dieser Satz belegt eindrucksvoll, für wie dumm manche Politiker die Bevölkerung halten. Aber dies im Nachhinein dann noch als „ironischen Einwurf“ zu deklarieren, war dann die eigentliche Lüge.

Zu FPÖ, FPK und BZÖ fallen keine Einzelbeispiele ein – da ist das Angebot an Beispielen einfach zu umfangreich ist –, also Pars pro Toto. Es vergeht praktisch kein Tag mehr, an dem nicht eine klare Lüge als Wahrheit „verkauft“ wird. Schämen, das war einmal.

Da ist der Schritt zu manchen Machthabern im Osten – egal, ob in Russland mit dem dort regierenden „lupenreinen Demokraten“ (Gerhard Schröder), der Ukraine (wo politische Gegner ins Gefängnis geworfen werden) oder Weißrussland unter dem bizarren Lukaschenko – nur scheinbar weit.

Erkennen werden die betreffenden Damen und Herren ihr Fehlverhalten wohl erst, wenn es kaum mehr ein Zurück gibt beziehungsweise das österreichische Wahlvolk einmal aus Protest auf die Straße geht. Dabei ist es schon überfällig, den Unwillen über das unverschämte und unverfrorene Lügen öffentlich zu artikulieren.

Hans Csokor (*1946) war 34 Jahre lang Geschäftsführer der Fa. Publimedia, Internationale Verlagsvertretungen (jetzt Publicitas).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2012)

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2 Kommentare
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Woran erkennt man, dass ein Politiker lügt?

Er atmet.

Bravo, Herr Csokor

Sie führen Beispiele dafür an, warum in Österreich fast die gesamte Bevölkerung stets den Eindruck hat, von den Politikern nur belogen zu werden. Leider haben Sie recht. Doch wie sagte einmal Wilhelm Buch: Und ist der Ruf einmal ruiniert, so lebt sich's gänzlich ungeniert.
Tatsächlich hat er recht. In Österreich nimmt heute niemand mehr an, dass ein Politiker die Wahrheit sagt. Die Nicht-Reaktion auf Ihren Kommentar spricht Bände.

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