Die beiden zentralen Schauplätze der globalen ökologischen und ökonomischen Situation haben erstaunliche Parallelen. Trotz diametral entgegengesetzter Expertenmeinungen zu Ursachen, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen lassen sich in beiden Fällen unstrittige Kernelemente herausschälen.
Erhöht sich die Häufigkeit von Extremwetterereignissen wie Wirbelstürmen, Dürreperioden oder sintflutartigen Regenfällen? Sind diese Häufungen regional bedingt, statistisch ausreichend als solche abgesichert, und – stehen diese Ereignisse mit der Beeinflussung des Weltklimas durch den Menschen in einem ursächlichen Zusammenhang?
Man kann sich angesichts der Fachdiskussion und der medialen Berichterstattung des Eindrucks nicht erwehren: Zu jedem Element dieses Fragenkomplexes lassen sich problemlos Dutzende diametral entgegengesetzte Meinungen von anerkannten Institutionen und Personen abrufen – zahlreiche davon auf dem Niveau von Nobelpreisträgern – alle Einschätzungen sind gleichermaßen fundiert.
Die große Prognosenlotterie
Bei der Beurteilung der Gründe für die angespannte Lage der Weltwirtschaft und besonders des Euroraums ist die Lage ganz ähnlich. Zwar haben die wirtschaftswissenschaftlichen Schwergewichte nach jedem der zahlreichen katastrophalen Großereignisse immer mehrere, oft einander widersprechende Erklärungen parat. Wirklich bunt wird die Meinungsvielfalt aber, wenn es um Vorschläge zur Vermeidung zukünftiger Crashes und Blasenplatzer geht.
Vom „Fluten der Geldmärkte“ über Vergemeinschaftung von Schulden durch die Ausgabe von „Eurobonds“ und dem „Abfeuern der Bazooka“ (dieses hübsche Bild beschreibt das vermehrte Aufkaufen von Staatsanleihen durch die europäische Zentralbank) bis zum altbekannten Schnüren diverser Pakete (Spar-, Konjunktur-, Rettungs- und Sanierungspakete stehen da zur Auswahl) reicht die Palette.
So findet sich nach Großereignissen in beiden Themenkomplexen tatsächlich auch immer jemand, der diese Entwicklung vorhergesagt hat. Doch ist es leider nach jedem Geschehen eine andere Quelle, die in der Prognosenlotterie das große Los gezogen hat.
Kann es vielleicht sein, dass da die Komplexität zweier Systeme einfach völlig unterschätzt wird? Dass die Modelle, die der Erklärung und Prognose dienen sollen, einfach nicht die richtigen Kenngrößen und Algorithmen enthalten, weil man schlicht die Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit nicht versteht?
Den Anspruch zu erheben, Weltklima und Weltwirtschaft in einer Detailtiefe zu verstehen, die es ermöglicht, Effekte jeglicher Einflussgrößen exakt vorherzusagen und daher auch zielgerichtete einzelne Gegenmaßnahmen beim Verlassen des Gleichgewichts entwickeln zu können – offensichtlich ein überhebliches Ansinnen.
Das Fluten der Finanzmärkte
Weder hat etwa das Fluten der Finanzmärkte mit frischem Geld die ökonomische Krise nachhaltig lösen können, noch hat die Flut von Emissionszertifikaten das Steuer zugunsten des Klimaschutzes entscheidend herumgerissen. Im ersten Fall hätte die steigende Geldmenge ja wenigstens die Schulden weginflationieren können, aber nein – die „offizielle“ Geldentwertung wurde flach gehalten. Und die Idee eines Markts für „Verschmutzungsrechte“ wird erst funktionieren und zum Klimaschutz beitragen, wenn diese Zertifikate auch wirklich knapp werden und nicht wie derzeit – nach erfolgreicher Einflussnahme der Industrie – im Überschuss vorhanden sind. Es darf auch nicht übersehen werden, dass beide Diskussionsfelder – sowohl das ökonomische als das ökologische – politisch hoch aufgeladen sind. Theorien, deren Konsequenzen mit einer Schwächung beteiligter Gruppen verbunden sind, weil etwa deren wirtschaftliche Aktivität eingeschränkt werden müsste, werden von den potenziell benachteiligten Kreisen natürlich gezielt erschüttert.
Ratlosigkeit und Indifferenz
Da wird auf Schwächen in der Argumentationskette hingewiesen, da werden Schlussfolgerungen ad absurdum geführt, und an klug ausgewählten Beispielen wird die mangelnde Übertragbarkeit eines Ansatzes demonstriert. Zweifel an einer Theorie oder Lehrmeinung zu wecken ist ein erklärtes strategisches Ziel interessenpolitisch motivierter Berichterstattung und Kommunikation.
Wem also glauben? Gefährdet nun der Mensch das Weltklima? Wie groß muss die Mutter aller Rettungsschirme sein? Die Landschaft aus Einzelbefunden ist nicht nur unüberblickbar, es entsteht auch ein Mainstream-Gefühl der Ratlosigkeit bis hin zur Indifferenz. Wie soll auf so einem Fundament denn Identifikation mit einzelnen politischen Maßnahmen entstehen?
Man kann es der öffentlichen Meinung nicht verübeln, wenn sie den politischen Akteuren die Unterstützung für teils einschneidende und schmerzhafte Maßnahmen versagt. Schließlich fehlen ja die Überzeugung und der Konsens, dass diese Aktion auch den erhofften Erfolg bringt. Man kann nicht Rückhalt in der Gesellschaft für Sparpakete und Lenkungsmaßnahmen erwarten, wenn der gewünschte Nutzen nicht klar darstellbar ist. Und hier ist weniger vielleicht mehr.
Es hat schon etwas – das viel zitierte Bild von der „schwäbischen Hausfrau“, die schlicht nicht mehr ausgibt, als sie zur Verfügung hat. Wenn man sieht, wie Italien, das (abgesehen von den Mitteln, die es zur Schuldentilgung aufwenden muss) schon lange einen Budgetüberschuss erwirtschaftet, unter der Schuldenlast erdrückt zu werden droht, wird der ökonomische Sinn dieses Grundsatzes noch deutlicher.
Zurück zu einfachen Erklärungen
Ohne bei komplexen Fragestellungen dem Drang nach Banalisierung zu erliegen – vielfach wird der Sinn einer Maßnahme eher erschließbar, wenn die erzielten Effekte auch gut darstellbar sind und man sich nicht ausschließlich auf die komplexen globalen Prozesse bezieht.
Natürlich nützt es dem Weltklima, wenn der Anteil an erneuerbaren Energieträgern steigt. Die positiven Effekte für die regionale Wertschöpfung, die gestärkte Unabhängigkeit von Importen und die Vermeidung der Vernichtung endlicher Ressourcen sind jedenfalls mindestens so rasch erschließbar.
Dass es einfach nicht gescheit ist, massenhaft Abbauprodukte von Verbrennungsprozessen in die Atmosphäre zu blasen, von denen man zumindest weiß, dass sie die Strahlungsbilanz beeinflussen, ist vielleicht auch noch eingängig. Und eine Glühbirne wandelt viermal so viel Strom in Wärme als in Licht um. Das ist Energieverschwendung – da muss man nicht das Weltklima verstehen.
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Thomas Jakl (*13.6. 1965) ist Biologe und Erdwissenschaftler.
Er arbeitete bis 1991 an der Uni Wien, ehe er ins Umweltministerium wechselte. Dort leitet er die Abteilung für Chemiepolitik, ist stv.Aufsichtsratsvorsitzender des Umweltbundesamtes, Vorsitzender des Verwaltungsrates der EU-Chemikalienagentur (bis 1.10.2012). [Privat]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)















