19.05.2013 19:08 Merkliste 0

Ein Graf für 5000 Euro? Adelstitel ist kein Wunschkennzeichen

GUDULA WALTERSKIRCHEN (Die Presse)

Gastkommentar. Mit seinem jüngsten Vorstoß in Sachen Titel hat Ulrich Habsburg-Lothringen der Sache des Adels keinen guten Dienst erwiesen.

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Ulrich Habsburg-Lothringen hat diese Woche dafür plädiert, in Österreich die Adelstitel wieder einzuführen. Dieser Vorstoß wird wohl kaum die nötige Zweidrittelmehrheit im Parlament finden. So sehr ich Ulrich Habsburg-Lothringen bei der Frage der Möglichkeit für die Mitglieder der Familie Habsburg, ihre demokratischen Rechte voll in Anspruch nehmen zu können, beipflichtete, so sehr hat er sich diesmal verrannt. Auch beim Adel selbst wird er mit seiner aktuellen Forderung auf viel Ablehnung stoßen.

Es mag für manche, die eine Doppelstaatsbürgerschaft besitzen, praktischer sein, wenn eine Angleichung an das deutsche Recht stattfindet, bei dem die Adelstitel Bestandteil des Namens sind. Und wenn jemandes Ahnen etwa zuvor Ritter von Wiesner waren, wird der Nachkomme den Ritter vielleicht vermissen. Aber ein Schwarzenberg und auch ein Habsburg haben das gewiss nicht nötig, um zu wissen, woher sie kommen.

Somit ist die derzeitige Regelung für die überwiegende Mehrheit des österreichischen Adels wohl das kleinere Übel. Dieser ist bereits jetzt, ohne Führen der alten Titel, mit Ressentiments konfrontiert. Noch immer schlägt ihm Ablehnung, Häme, ja Hass entgegen.

Auch Sippenhaftung ist weit verbreitet. So werden etwa die Großnichten und -neffen eines in einen aktuellen Skandal verstrickten Aristokraten in der Schule angespuckt, weil sie denselben Familiennamen tragen. (Das „Profil“ scheint die Adelstitel bereits wieder eingeführt zu haben, wenn auch ausschließlich im Zusammenhang mit negativen Aufmachern.)

 

Kein Leben in Traumschlössern

Aber auch ohne Skandale ist manch junge Frau froh, wenn sie per Heirat mit einem „Bürgerlichen“ ihren adeligen Namen loswird, weil sie zu oft mit Vorurteilen oder/und Neid konfrontiert war. Was es für ein Kind bedeutet, aufgrund seiner Herkunft ausgelacht oder an den Pranger gestellt zu werden, kann man sich leicht vorstellen.

Österreichs Adel lebt keineswegs, wie es bunte Illustrierte und Aristo-Sendungen suggerieren, in Reichtum und prachtvollen Schlössern. Die Mehrzahl lebt in normalen Häusern oder Wohnungen und verdient sich den Lebensunterhalt mit eigener Arbeit. Vor allem im städtischen Raum, am Arbeitsplatz, in der Schule, würden Adelstitel wohl eher Nachteile als Vorteile für Betroffene mit sich bringen.

 

Dieselbe Sichtweise wie seit 1919

Man hat den Eindruck, dass die Sichtweise auf den Adel sich seit 1919 kaum verändert hat. Bei der Gründung der Republik beließen es die Parlamentarier nicht dabei, die Rechtslage einfach den Gegebenheiten einer Republik anzupassen und nur die Standesvorrechte abzuschaffen. Die Motivationen gingen weit darüber hinaus: Die Abgeordneten saßen vielmehr „zu Gericht“ über „Blutsauger“ und wollten den Adel „ausmerzen“, wie damals der Sozialdemokrat Karl Leuthner formulierte.

Ulrich Habsburg-Lothringen erweist der Sache des Adels keinen guten Dienst, wenn er darüber hinaus noch den Titelkauf vorschlägt. Ein Graf für 5000 Euro? Es ist nicht nur lächerlich, die historischen Titel mit einem Wunschkennzeichen gleichzusetzen, sondern auch kontraproduktiv. Denn damit setzt er das, was er für erstrebenswert hält, gleich wieder herab.

Für eine fundierte Auseinandersetzung mit der Rolle des Adels seit 1919 war diese Wortmeldung nicht hilfreich. Erstmals gibt es anlässlich der Braunauer Zeitgeschichtetage eine wissenschaftliche Tagung zum Thema. Vielleicht markiert sie den Beginn einer Normalisierung des Verhältnisses zum historischen Adel.

Dr. Gudula Walterskirchen ist Historikerin und hat sich in ihren Büchern umfassend mit dem Adel in Österreich auseinandergesetzt.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)

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37 Kommentare
 
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Gast: Rot-Blütiger
17.10.2012 20:10
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Auch in der BRD gehören die Adels-Titel abgeschafft

Endlich Schluß mit dem sogenannten (!!!) Adel, diesen Kriegs- und Friedensverbrechern durch Jahrhunderte. Unsere Vorfahren wurden von denen ausgebeutet, verkauft und geknechtet. Und ihre Nachfahren sollen wir immer noch mit wohlklingenden und ehrerweisenden Namenszusätzen zieren? Widerlich, pfui! Wir wollen keinen selbsternannten Adel. Es gibt, gab und wird immer nur geben: selbst angemassten Adel. Weg mit dem!

Gast: Gute Nuss Prinz von Prinzendorf
05.10.2012 11:42
0 0

Angeheiratet

Für die "historische" Wahrheit: Die Historikerin ist "angeheiratet". Unser guter Kaiser hätte die Tatsache morganatisch genannt.

Gast: Johann S
28.09.2012 18:24
2 0

Adel

verpflichtet wozu?

Wohl nur selbstauferlegte Verpflichtungen,aus
deren"Selbstverständnis heraus.

Realitär sind es normale Staatsbürger,mit Rechten und Pflichten.,wie jeder Andere.

Ähnlich skurill der Begriff"Blaues Blut".

Sowas gibts biologisch nicht.

Antworten Gast: Guckst du
30.09.2012 11:47
0 0

Re: Adel

"Blaues Blut" gibt es tatsächlich "biologisch" nicht. Das hat aber auch bisher niemand behauptet. Der Ausdruck "Blaues Blut" stammt aus einer Zeit, als die Mauren in Spanien einfielen. Für die dunkelhäutigen Mauren sah es so aus, als würde in den Adern der dort zuvor eingewanderten hellhäutigen Westgoten blaues Blut fließen. Und natürlich war es früher auch üblich seinen überlegenen Stand zu zeigen, indem man die Sonne mied, um die Haut makellos hell erhalten. Braune Haut hatten nur die Bauern, die in der Sonne am Feld schuften mussten. Und später dann natürlich die "Proleten", die ebenfalls im Freien handwerkten. Im Übrigen setzt sich in der heutigen Jugend der Trend weg von Bräune und hin zu heller Haut immer mehr durch. Nur einige Unverbesserliche lassen sich heute noch sogar im Kunstlichtanlagen (Solarien) proletarisch bräunen. Denn sie wissen nicht was sie tun (Hautkrebs).

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Ihre Sorgen...

Österreichs Adel lebt keineswegs, wie es bunte Illustrierte und Aristo-Sendungen suggerieren, in Reichtum und prachtvollen Schlössern. Die Mehrzahl lebt in normalen Häusern oder Wohnungen und verdient sich den Lebensunterhalt mit eigener Arbeit. Liebe Frau DR. Walterskirchen es gibt keinen Adel in Österreich der wurde schon längst abgeschafft, als machen sie sich keine Sorgen wegen einer Diskriminierung

Was es für ein Kind bedeutet, aufgrund seiner Herkunft ausgelacht oder an den Pranger gestellt zu werden, kann man sich leicht vorstellen.


wohl wahr, allerdings werden sicher die allerwenigsten kinder hierzulande wegen ihrer adelig klingenden namen ausgelacht.

Re: Was es für ein Kind bedeutet, aufgrund seiner Herkunft ausgelacht oder an den Pranger gestellt zu werden, kann man sich leicht vorstellen.

Und Sie wissen das weil...?

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Re: Was es für ein Kind bedeutet, aufgrund seiner Herkunft ausgelacht oder an den Pranger gestellt zu werden, kann man sich leicht vorstellen.

Haben Sie eine Ahnung!

Gast: Thurnbichler
28.09.2012 11:53
0 2

Im Taumel...

Die Herren haben nach 1918 im (volks)repulikanischen Taumel einfach etwas schlampig gearbeitet. Mit der "Abschaffung" (?) des Adels 1919 haben sie automatisch dessen Existenz anerkannt. Wie hieß es noch so schön: "Die Republik kennt keinen Adel!". Eben, wie kann die Republik etwas abschaffen, das sie nicht kennt? Noch grotesker war nur die Forderung an die Habsburger auf "Verzicht auf Mitgliedschaft zum Hause Habsburg". Aus der Familie austreten? Wie soll das gehen? Diese Möglichkeit sehen heute sogar die Sozialisten als zumindest begrenzt an......

Wer leugnete denn die Existenz des Adels in der Monarchie?

Sie erfinden ein Argument, das niemand vertritt, um diesem dann zu widersprechen.

In der Monarchie gab es einen Adel, in der Republik gibt es keinen mehr.
Übrigens auch in Deutschland, nur wurden dort die ehemaligen Titel Namensbestandteil, was mMn eine noch blödere Lösung ist.

Das Gesetz lautet übrigens:
"Der Adel, seine äußeren Ehrenvorzüge sowie bloß zur Auszeichnung verliehene Titel und Würden und die damit verbundenen Ehrenvorzüge österreichischer Staatsbürger werden aufgehoben."

Re: Im Taumel...

hier der gesetzestext von 1919: http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=sgb&datum=19190004&seite=00000514 es handelt sich um die "aufhebung" des adels nicht "abschaffung" wie sie fälschklicherwiese behaupten. es waren im übrigen damen und herren, die das adelsaufhebungsgesetz beschlossen haben. in der von ihnen verachteten republik haben nämlich frauen erstmals die gleichen politischen rechte wie männer gehabt, waren also nicht emhr wie in der monarchie menschen zweiter klasse. aber offenbar wurmt sie das so, dass sie die frauen aus der geschichte tilgen und nur von herren reden.

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Re: Re: Im Taumel...

Ich glaube er hat recht. Unter den adelsaufhebenden Politikern war keine Frau.

Re: Re: Re: Im Taumel...

die "adelsaufhebenden politiker" waren die vom volk erstmals demokratisch gewählten abgeordneten zur konstituierenden nationalversammlung. unter ihnen befanden sich mehrere frauen, mit einer ausnahme alles sozialdemokratinnen. der beschluss zum adelsaufhebungsgesetz fiel einstimmig, d.h.: auch die weiblichen abgeordneten haben dem zugestimmt, einer der abgeordneten hat sogar in der debatte gesprochen (siehe mein link weiter unten).

Gast: gast23
28.09.2012 09:37
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Welcher Adel?

In Österreich gibt es keine Adeligen mehr. Wurde 1919 abgeschafft. Nach knapp 100 Jahren sollte das schön langsam zur Kenntnis genommen werden.

Antworten Gast: Obergscheiter
28.09.2012 10:59
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Re: Welcher Adel?

VERBIETEN kann die Republik das Tragen der Adelstitel und etwaiger Vorzüge. ABSCHAFFEN kann nur der, der den Adel geschaffen hat. Dazu bräuchts aber einen Kaiser.
Das haben alle bis auf Österreich verstanden.

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Re: Re: Welcher Adel?

Ob tatsächlich ein Kaiser den Adel (bzw. Adelsstand?) geschaffen hat? Karl der Große, oder schon jemand früherer? Oder doch nur ein König?
Egal - rein rechtlich gesehen hat derjenige dies wohl in seiner Funktion als Staatsoberhaupt, regierende Autorität o.ä. getan. Dem folgend müsste der entsprechende Rechtsnachfolger den Stand auch wieder abschaffen können?

Antworten Antworten Antworten Gast: Guckst du
30.09.2012 11:49
0 0

Re: Re: Re: Welcher Adel?

Nachdem Österreich die Rechtsnachfolger Karls des Großen abhanden gekommen sind, geht leider nichts mehr mit dem Abschaffen.

Gast: AndreasMaislinger
28.09.2012 09:01
0 0

21. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Adel verpflichtet"

Die von Frau Walterskirchen erwähnten Braunauer Zeitgeschichte-Tage werden sich von Freitagabend bis Sonntagmittag unter dem Titel "Adel verpflichtet" mit der Verantwortung des Adels einst und jetzt beschäftigen. Sie sind herzlich eingeladen auch ohne Anmeldung an der Tagung teilzunehmen. Das Programm ist online www.hrb.at/bzt

Re: 21. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Adel verpflichtet"

also bei diesen sogenannten "zeitgeschichte-tagen" gibts als programm nur allgemeines blabla, wie toll und wie vernetzt adelige doch sind. dann zum drübestreuen erläutert uns frau w. dann noch wie unbedankt und ur arm die aristokraten von anno dazumal sind (schluchz!). die wahren opfer des kurzen 20. jahrhuderts waren die starhembergs und habsburgs, das wissen wir doch schon längst von den kaisers. und dazu passend wird uns noch ein vortrag über adelige als widerständler in der ns-zeit geliefert. in den hintergrund wird wohl die tatsache rücken, dass viele adelige nicht nur dollfuß unterstützten und alles taten um die demokratie zu vernichten, sondern auch dass viele von ihnen aktive, begeisterte ns waren. aber sowas passt nicht ins bild das gezeichnet werden soll, daher ist das kein thema an diesen als "zeitgeschichtetagen" getarntenfamilienzusammenkunft der hocherrschaftlichen gesellschaft von anno vorvorgestern.

Antworten Antworten Gast: FoxHunter
28.09.2012 11:03
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Na dann

Mister Fox beziehen seine Bildung aus Google und Wikipedia. Beeindruckend.

Re: Na dann

no, was stimmt denn nicht?

Unnötiger Kommentar. ...

... zu einem unnötigen Interview.

Als Nächstes wird es dann in der Presse kommentiert, wenn der Herr Habsburg aus Puntigam links (denn das ist zweifellos seine nächste Station) verkündet, er wäre gern Kaiser von Kärnten?

Hamma keine anderen Sorgen? Ah ja, doch - laut Presse die Männerpartei.

Dass man den Abgang Herrn Fleischhackers so schnell schmerzlich verspüren muss, ist bitter.

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Re: Unnötiger Kommentar. ...

Das mir der Herr Fleischhacker fehlen würde hätte ich mir nicht gedacht. Seit seinem Abgang Geschichten über obskure Persönlichkeiten wie Habsburg oder achtzigjährige Jungpolitiker

Gast: Cleve7744
28.09.2012 08:22
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Volksrepublik Österreich

Als sich nach der Wende in den 1990er Jahren die mittel-ost-europäischen Staaten ihrer Geschichte bewußt wurden und sich mit dem Adel ihrer Länder aussöhnten, da blieb nur noch Österreich übrig, das mit seiner Geschichte ein Problem hat. Da wußte man dann auch, wo der Mini-Kommunismus überlebt hat.

Re: Volksrepublik Österreich

Was gibt es denn auszusöhnen? Und vor allem mit welchem Adel?
Mysteriös.

Antworten Antworten Gast: Cleve7744
28.09.2012 11:03
0 3

Re: Re: Volksrepublik Österreich

Noch ein Opfer österreichischer Bildungspolitik. Es ist schrecklich.

 
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