Ulrich Habsburg-Lothringen hat diese Woche dafür plädiert, in Österreich die Adelstitel wieder einzuführen. Dieser Vorstoß wird wohl kaum die nötige Zweidrittelmehrheit im Parlament finden. So sehr ich Ulrich Habsburg-Lothringen bei der Frage der Möglichkeit für die Mitglieder der Familie Habsburg, ihre demokratischen Rechte voll in Anspruch nehmen zu können, beipflichtete, so sehr hat er sich diesmal verrannt. Auch beim Adel selbst wird er mit seiner aktuellen Forderung auf viel Ablehnung stoßen.
Es mag für manche, die eine Doppelstaatsbürgerschaft besitzen, praktischer sein, wenn eine Angleichung an das deutsche Recht stattfindet, bei dem die Adelstitel Bestandteil des Namens sind. Und wenn jemandes Ahnen etwa zuvor Ritter von Wiesner waren, wird der Nachkomme den Ritter vielleicht vermissen. Aber ein Schwarzenberg und auch ein Habsburg haben das gewiss nicht nötig, um zu wissen, woher sie kommen.
Somit ist die derzeitige Regelung für die überwiegende Mehrheit des österreichischen Adels wohl das kleinere Übel. Dieser ist bereits jetzt, ohne Führen der alten Titel, mit Ressentiments konfrontiert. Noch immer schlägt ihm Ablehnung, Häme, ja Hass entgegen.
Auch Sippenhaftung ist weit verbreitet. So werden etwa die Großnichten und -neffen eines in einen aktuellen Skandal verstrickten Aristokraten in der Schule angespuckt, weil sie denselben Familiennamen tragen. (Das „Profil“ scheint die Adelstitel bereits wieder eingeführt zu haben, wenn auch ausschließlich im Zusammenhang mit negativen Aufmachern.)
Kein Leben in Traumschlössern
Aber auch ohne Skandale ist manch junge Frau froh, wenn sie per Heirat mit einem „Bürgerlichen“ ihren adeligen Namen loswird, weil sie zu oft mit Vorurteilen oder/und Neid konfrontiert war. Was es für ein Kind bedeutet, aufgrund seiner Herkunft ausgelacht oder an den Pranger gestellt zu werden, kann man sich leicht vorstellen.
Österreichs Adel lebt keineswegs, wie es bunte Illustrierte und Aristo-Sendungen suggerieren, in Reichtum und prachtvollen Schlössern. Die Mehrzahl lebt in normalen Häusern oder Wohnungen und verdient sich den Lebensunterhalt mit eigener Arbeit. Vor allem im städtischen Raum, am Arbeitsplatz, in der Schule, würden Adelstitel wohl eher Nachteile als Vorteile für Betroffene mit sich bringen.
Dieselbe Sichtweise wie seit 1919
Man hat den Eindruck, dass die Sichtweise auf den Adel sich seit 1919 kaum verändert hat. Bei der Gründung der Republik beließen es die Parlamentarier nicht dabei, die Rechtslage einfach den Gegebenheiten einer Republik anzupassen und nur die Standesvorrechte abzuschaffen. Die Motivationen gingen weit darüber hinaus: Die Abgeordneten saßen vielmehr „zu Gericht“ über „Blutsauger“ und wollten den Adel „ausmerzen“, wie damals der Sozialdemokrat Karl Leuthner formulierte.
Ulrich Habsburg-Lothringen erweist der Sache des Adels keinen guten Dienst, wenn er darüber hinaus noch den Titelkauf vorschlägt. Ein Graf für 5000 Euro? Es ist nicht nur lächerlich, die historischen Titel mit einem Wunschkennzeichen gleichzusetzen, sondern auch kontraproduktiv. Denn damit setzt er das, was er für erstrebenswert hält, gleich wieder herab.
Für eine fundierte Auseinandersetzung mit der Rolle des Adels seit 1919 war diese Wortmeldung nicht hilfreich. Erstmals gibt es anlässlich der Braunauer Zeitgeschichtetage eine wissenschaftliche Tagung zum Thema. Vielleicht markiert sie den Beginn einer Normalisierung des Verhältnisses zum historischen Adel.
Dr. Gudula Walterskirchen ist Historikerin und hat sich in ihren Büchern umfassend mit dem Adel in Österreich auseinandergesetzt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)















