25.05.2013 14:21 Merkliste 0

Die Geburt einer neuen Methode der Medienkontrolle in Serbien

VESNA KNEZEVIC (Die Presse)

Aus der Geschichte der Medien auf dem Balkan wird man nie schlau. Klar, wenn es keine Journalisten mehr gibt, die über Fehler berichten.

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Auch wenn die elektronischen Medien auf dem Balkan stets eine unwiderstehliche Attraktivität für alle vorbeisausenden Chefideologen hatten: Es hat doch einige Zeit gedauert, bis sie so wurden, wie man sie heute kennt – ausgedörrt und ausgehungert, sowohl professionell als auch finanziell.

Zuerst gaben Kommunisten den Ton an. Drohungen, Erpressungen, direkte Befehle, listige ideologische Umwege, kontrollierte Abkürzungen zu den die Gesellschaft tragenden „Wahrheiten“, Nestbeschmutzungsvorwürfe und schließlich vage gehaltene Rausschmissandeutungen. All diese Medienstrategien sind im kommunistischen Ex-Jugoslawien, wenngleich unterschiedlich dosiert, zum Einsatz gekommen.

Mitten in diese für Journalisten schwer neurotische Situation sind ab Ende der 1980er-Jahre die Ultranationalisten hineingeplatzt. Sie teilten die Abneigung gegen ideologische Samthandschuhe und bevorzugten den Strick im Umgang mit Journalisten. Also sind wir Medienmenschen – manche in Belgrad, andere in Zagreb – arbeitslos geworden.

Einige von uns aber mussten den Betrieb am Laufen halten, die jeweiligen Kriegspläne erklären, patriotische Lieder buchstabieren– kurz: den Kampfgeist an den Mann bringen. Nicht alle taten das gern, aber sie taten es.

 

Schnee von gestern

Schnee von gestern, könnte man sagen. Aber er taut nicht ab – und das ist das Problem! Die Bedingungen zum langsam einsetzenden Heilungsprozess der Medien auf dem Balkan sind aus dem Schnee von gestern geformt.

Ende der 1980er hat ein Kollege die ultimativ zum Krieg führende Bedingung, nach dem es kein Zurück mehr gibt, so formuliert: wenn man nicht mehr auf seinem Sofa liegen und fernschauen darf. Weit gefehlt. Die autoritären Kriegsregime Serbiens und Kroatiens haben die Formel erfunden, noch dazu empirisch getestet, wonach man Krieg führen und fernschauen kann, wenngleich auf einem fremden Sofa.

Ohne die absolute politische Kontrolle über die serbische Rundfunkanstalt hätte Slobodan Milošević es nie geschafft, die Serben vom Sofa zu schubsen und in den Krieg zu schicken. Sogar die Nato fand diese Tatsache eine Bombe wert. Und wenn Franjo Tudjman nicht die absolute politische Kontrolle über die kroatische Rundfunkanstalt an sich gerissen hätte, wäre es ihm nie gelungen, sein autoritäres Regime weit über den Krieg hinaus zu erstrecken – bis ans Ende der 1990er-Jahre.

Die Frage ist: Können dieselben Medien, finanziell ausgehungert, professionell erniedrigt, personell ein ums andere Mal gesäubert, heutzutage „westlichen Standards“ entsprechen, was auch immer diese sind? Auf den Balkan bezogen übersetzt sich diese Frage als: Sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Serbien und Kroatien immer noch nationalistisch in ihrer Berichterstattung? Wenn ja, ist ihnen das zu verübeln? Wie misst man überhaupt den gegenseitigen Austausch emotionaler Komponenten des Nationalismus, der täglich zwischen den Zuschauern auf einem national umrissenen Territorium und dem dazugehörigen öffentlich-rechtlichen Medium stattfindet?

Zunächst: Jeder Nationalismus in jedem Nationalstaat im heutigen Europa ist anders strukturiert, er wird aus verschiedenen Quellen gespeist. Nationalismus kann einfach national sein, das, was „dazugehört“, definieren, Distinktionen schaffen, er muss nicht Berge versetzen und Kriege anzetteln, um als solcher erkannt zu werden. Die Grenzen zwischen „nationalistisch“ und „national besonnen“ bleiben fließend.

 

Österreichischer Nationalismus

Wie schauen etwa die Eckpfeiler des österreichischen Nationalismus aus? Zum nationalen Stolz gehören für viele die Beibehaltung der Neutralität und der Wehrpflicht. Dazu kommt eine gewisse Überheblichkeit den slawischen Völkern gegenüber, knapp gefolgt von dem Gebet: Lieber Gott, lass uns die Deutschen im Fußball schlagen. Schließlich der unterschwellige Kreisky-Reflex, mit dem ständig der Nahostkonflikt entschlüsselt wird.

Woran wird der kroatische Nationalismus am leichtesten erkannt? Dadurch, dass in der Gemeinschaftsgeschichte keine Fehler existieren dürfen, jede einzelne Periode muss in einem humanistisch unbefleckten Zustand weiter geschleppt werden. Statt einfach zu sagen: „Die Ustascha-Herrschaft war für unsere Nation eine beschämende Zeit“, wird diese Formel benutzt: „Die Ustascha-Zeit könnte als für uns beschämend ausgelegt werden, aber...“

Insgesamt birgt die kroatische Geschichte viele unschuldige Aber-Momente in sich, die manchmal krass komisch in die Berichterstattung des kroatischen Fernsehens einfließen. Ein Satz, um das zu illustrieren wäre: „Die Serben krochen aus den Bussen hervor“, als man unlängst über die zu den Gemeindewahlen eilenden, einst aus Kroatien geflüchteten Serben berichtete.

 

Lechzen nach Bewunderung

Der serbische Nationalismus und/oder das Nationalsein könnte folgendermaßen dekonstruiert werden: zuerst Kosovo – egal, ob als reale Tatsache oder als fester Bestandteil der nationalen Identität. Dann ein inzwischen schon schwächer gewordener südslawischer Piemontismus, letztendlich der ständige Reflex, international, um Bewunderung zu lechzen, ohne genau zu wissen, wofür. Und wenn die Bewunderung ausfällt, tendiert man dazu, sich abzukoppeln, in sich zu gehen und dort unverstanden, schmollend und schweigend zu verharren.

Ob sich diese Ressentiments im Programm der serbischen Rundfunkanstalt unter der Leitung von Generaldirektor Aleksandar Tijanić widerspiegeln? Gewiss. Gleichzeitig aber versucht er, das Haus vom alten Schnee abzuklopfen, es mehr „national“ und weniger „nationalistisch“ zu gestalten.

Nicht einmal das könnte ihm gelingen. Die neuen Machthaber in Belgrad setzen die alte skurrile Taktik aus ihrer Oppositionszeit fort: Die Bürger werden aufgerufen, die Rundfunkgebühr (umgerechnet 4,3 Euro monatlich) nicht zu bezahlen, solange sich das Fernsehprogramm nicht gebessert habe. Früher kamen diese Aufrufe von realen Personen, jetzt geistern sie namenlos durch das Internet und die Boulevardblätter – und zwar mit einigem Erfolg. Eine neue Methode der Medienkontrolle ist damit geboren.

 

Eine Sache der Zivilcourage

Die serbische Rundfunkanstalt schafft es nicht einmal, 30 Prozent der Rundfunkgebühren einzutreiben, Tendenz fallend, die kroatische (zehn Euro monatlich) schafft hingegen 95 Prozent. Die Frage der Rundfunkgebühren wird in Zagreb als Rechtsangelegenheit, in Belgrad als Sache der Zivilcourage ausgelegt. Mit der Konsequenz, dass die professionellen Aussichten für serbische TV-Journalisten wieder schlimmer geworden sind als vor ein paar Jahren.

Aus der Geschichte wird man nie schlau. Klar, wenn es keine Journalisten mehr gibt, die über Fehler berichten könnten.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin

Vesna Knezevic (*1956 in Prishtina) studierte Politikwissenschaften in Belgrad und Wien. Erste Anstellung bei Radio Belgrad. Ab 1985 Korrespondentin aus Zagreb für Radio und TV Belgrad, 1991 im Zuge von Mediensäuberungen Milošević' fristlos entlassen. 1993 Übersiedlung nach Wien, Korrespondentin für serbische Medien. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2012)

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1 Kommentare
Gast: Kognitivist
03.10.2012 12:05
0 0

Politik und Medien

Frau Vesna Knezevic, sie haben sowas von Recht:
http://www.youtube.com/watch?v=ub9K5WUQ9HI

Wahrheit im Journalismus:
http://www.youtube.com/watch?v=qibXdmj2GqM

Journalisten werden beeinflusst, Christoph Hörstel berichtet:
http://www.youtube.com/watch?v=u1yLKSxs5eg
http://www.youtube.com/watch?v=XmlfMSqkty4

Solche Journalisten die sich mit der Wahrheit auseinandersetzen, wie zb Christoph Hörstel, sind eine Rarität !

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